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09.03.13 / Biss zum Abwinken / »Hai-Alarm am Müggelsee« – Leander Haußmanns (»Sonnenallee«) Satirefilm über Berliner Kommunalpolitik kommt in die Kinos

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 10-13 vom 09. März 2013

Biss zum Abwinken
»Hai-Alarm am Müggelsee« – Leander Haußmanns (»Sonnenallee«) Satirefilm über Berliner Kommunalpolitik kommt in die Kinos

Auch wenn im Schwielowsee vor ein paar Jahren ein Krokodil gesichtet und aus dem Schlachtensee schon ein großer Wels gezogen wurde, dürfte der „Hai-Alarm am Müggelsee“ eher Freude auslösen. Denn der Film, der ein „Alarm“-Genre einläuten soll und der am 14. März in die Kinos kommt, stammt aus den Händen von Sven Regener und Leander Haußmann. Ihre betont billig angelegte Satire auf staubige Kleinkommunalpolitik be­ginnt recht trocken.

„Wat is denn ditte?“, wundert sich der Bademeister (Michael Gwisdek). Die rechte Hand, die er gerade in den Müggelsee steckte, ist ab. Seine Umgebung reagiert weniger entspannt. Offenbar kursiert eine Bestie im Binnengewässer. Der Bürgermeister (Henry Hübchen) beruft eine Sitzung nach der anderen ein. Endlose Debatten sollen den Vorfall „städte­marketingtechnisch“ angehen. Zunächst verschweigt man die Gefahr und versucht, die Strandgäste „positiv“ vom Baden abzuhalten, etwa mit Freibier. Dem niedlichen Treiben bereiten ein Hai-Experte (Uwe Dag Berlin) und ein Immobilien-Snob (Benno Fürmann) den Garaus. Auch der Bürgermeister erkennt, dass Angst und Panik seine Wiederwahl sichern und ruft den „Hai-Alarm“ aus. „Wutbürger“ formieren sich zu Einheiten, der Ort rückt in den Medienfokus. Der Hai steht Friedrichshagen so gut, dass auch der Ortsteil Wannsee einen Hai-Alarm für sich ausruft. Das lassen die Friedrichshagener natürlich nicht zu.

In ihrer ersten gemeinsamen Regiearbeit spielen Haußmann sowie Musiker und Autor Regener („Herr Lehmann“) alles durch, was ihnen Spaß bereitet. Sie treten nicht nur in Nebenrollen als städtische Taucher, Polizisten, Punker oder Pantomimen auf, sie liefern auch die musikalische Untermalung, Haußmann auf der Mundharmonika, Regener auf der Gitarre. Die Schwimmer im Strandbad formieren sie zum Tanztheater und auf der Pressekonferenz muss der Bürgermeister Lieder einstudieren. Auch die Requisiten unterstreichen das freie Improvisieren. Eine Zimmerpalme auf einem Floß steht für Hawaii, eine grüne Kinderzeichnung für die Green Card, Wasser aus dem Eimer für eine Riesenwelle. Das alles würde auch gut auf eine Bühne passen und hätte dort wohl mehr Wucht entwickelt.

Der routinierte Klamauk droht auf der Leinwand behäbig zu werden. Teilweise agieren die Darsteller so hölzern und künstlich wie Synchronsprecher. Ihr Kasperletheater wirkt auf Dauer etwas vermottet. Billy Wilder sagte einmal über Komödien, auch sie benötigten ein ernstes Ausgangsmotiv um zu funktionieren. Eine echte Bedrohung existiert weniger durch den Hai als durch ergebnislose Diskussionen. Die abgebissene Hand des Bademeisters wächst sogar nach. Überraschend wirkt bald nichts mehr.

Dennoch überträgt sich die Spielfreude des Teams auf die Zuschauer. Henry Hübchen spielt seine Rolle in allen verrückten Facetten wunderbar. Vor 30 Jahren wurde er auf diesem Gewässer mehrmals Surfmeister der DDR. Jetzt paddelt er einmal mit dem Brett auf den See hinaus. Hübchen verzichtete, wie auch Michael Gwisdek und Tom Schilling, auf sein Honorar. Befragt zu den Erfolgsaussichten des Films äußerte er: „Ich brauche keinen Erfolg, weil ich ja nix gekostet habe. Das ist mir schnurzpiep.“

Auch Lindenopern-Intendant Jürgen Flimm, der mit Volksbühnen-Intendant Frank Castorf in jeweiligen Gastrollen das Geschehen in einem griechischen Restaurant kommentiert, sieht das Ganze gelassen: „So eine Art von Unterhaltung gefällt mir. Man sieht ja, was für zwei Granaten das sind.“ Eine der zwei Granaten, Leander Haußmann, erlebte trotz seiner wilden Regie-Einfälle noch eine Überraschung. In einer im­provisierten, von einer Fahrrad-Rickscha aus gedrehten Einstellung rennt Hübchen mit seinen Beratern quer durch Friedrichshagen und klaut nebenbei Restaurantgästen das Brot vom Tisch. Niemand protestierte. „Kein Mensch interessiert sich mehr für die Filmaufnahmen überall. Offenbar gehören sie jetzt zum Stadtleben.“ Dorothee Tackmann


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