17.07.2024

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Suchen und finden
23.03.13 / Die ostpreußische Familie / Leser helfen Lesern

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 12-13 vom 23. März 2013

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

das Suchen hört niemals auf. Auch nicht nach Jahr und Tag, da man sich längst mit der Aussichtslosigkeit abgefunden haben müsste, je etwas über den Menschen zu erfahren, der damals in den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit verschwunden ist. Ohne die geringste Spur zu hinterlassen, der man nachgehen könnte. Diese Ungewissheit ist es, die die Hoffnung immer wieder aufkeimen lässt, sobald ein Wort oder ein Begriff im Raum steht, mit dem man den Vermissten in Verbindung bringen kann. Für Frau Waltraud Wagener aus Bad Breisig ist es das Wort „Schuster“, denn ihr seit Februar 1945 vermisster Vater war Schuhmacher. Und ein solcher taucht in den Erinnerungen jener Königsberger auf, die in den ersten Nachkriegsjahren als elternlose Kinder in ihrer zerstörten Heimatstadt um das Überleben kämpfen mussten. Wie schon berichtet, haben sich einige von ihnen zu dem Kreis der „Königsberger Kinder“ zusammengeschlossen, die auf einem erneuten Treffen im Mai im Ostheim von Bad Pyrmont die Verbindungen noch fester knüpfen wollen, denn die gleichen Erlebnisse in ihren trostlosen Kinderjahren schweißen zusammen. „Gerade nach so langer Zeit empfindet man jede Bestätigung für die eigenen Erinnerungen als wertvoll, einfach wohltuend“, schreibt Frau Helga van de Loo, eine der Initiatorinnen dieses Kreises. Sie übersandte mir eine kleine Zusammenstellung von Erlebnisberichten, aus denen sich die Suchfrage von Frau Waltraud Wagener ergibt. Unter neuen Aspekten, denn die Familie hat schon immer nach dem Vermissten gesucht, aber nie Erfolge gehabt. Es handelt sich um den Schuhmacher Otto Ptack, *18. September 1895 aus der Neuendorfer Straße in Lötzen, dessen nachweisbare Spur im Februar 1945 bei Rosenberg am Frischen Haff endet. Der damals 50-jährige Vater von fünf Kindern war während der ersten Kriegsjahre als Schuhmacher bei der Wehrmacht tätig. Im Januar 1945 befand er sich bei seiner Familie in Lötzen, Neuendorfer Straße, und ging von hier aus am 23. Januar gemeinsam mit seiner Frau und den Kindern auf die Flucht. Als sie bei Rosenberg das Frische Haff überqueren wollten, wurde Otto Ptack von der deutschen Feldgendarmerie von seiner Familie getrennt, um als Volkssturmmann eingesetzt zu werden. Das war die letzte nachweisbare Spur, die seine Tochter Waltraud bestätigen kann. Es gibt allerdings noch eine Aussage, die in den 50er Jahren ein Lötzener Nachbar gegenüber Frau Ptack gemacht hat. Demnach will er ihren Mann im März 1945 als Volkssturmmann bei Fischhausen gesehen haben. Nun kommt aber in einigen Berichten der „Königsberger Kinder“ ein „Schuster“ vor, der in den ersten Nachkriegsjahren für die Russen Schuhe repariert hat und sich um die hungernden Straßenkinder gekümmert hat. So berichtete unsere estnische Freundin Anne Rekkaro vor einem Jahr von ihrer Pflegeschwester, die „beim Schuster“ gewesen war. „Dieser hatte eine Werkstatt in einem zerstörten Haus. Allein die Treppe hing noch da, und sie sind irgendwie hinaufgeklettert. Dort oben war zwischen zerstörten Mauern ein Zimmer unversehrt geblieben, in dem der Mann Schuhe reparierte“. Waltraud Wagener hat sich sofort mit den Betreffenden in Verbindung gesetzt und in Gesprächen weitere Einzelheiten erfahren, die ihre Vermutung stärkten, dass es sich bei diesem Schuster um ihren Vater handeln könnte. Vor allem in den persönlichen Aufzeichnungen von Frau Helga van de Loo sind sehr konkrete Hinweise enthalten, die sich aus ihren Erinnerungen an einen Wohltäter der Straßenkinder, einen russischen Offizier jüdischen Glaubens, ergeben. Ihren und weiteren Angaben ihrer Leidensgefährten nach hat dieser Russe den Kindern eine Art seelischen Halt vermittelt, sie aber auch mit Lebensmitteln versorgt. Beide Männer haben demnach gemeinsam Überlebenshilfe für die Straßenkinder geleistet, und diese haben die guten Taten nie vergessen. Frau van de Loo übersandte mir ihre Aufzeichnungen, und da ich sie im Wortlaut bringen will, erscheinen sie auf unserer Seite als „Familie Extra“. Wenn es sich bei diesem „Schuster“ tatsächlich um den Vater von Frau Wagener handeln sollte, müsste er also noch 1946/47 in Königsberg gelebt haben. Zu der Zeit hatten die russischen Besatzer schon alle Deutschen registriert. Auf einem Foto ihres Vaters, das Frau Wagener noch besitzt, glaubt Frau van de Loo eine gewisse Ähnlichkeit mit dem „Schuster“ zu finden, wie sie ihn in Erinnerung hat. Deshalb hat sich Waltraud Wagener als letzte Überlebende der fünf Ptack-Kinder noch einmal an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) gewandt, doch bislang keine positive Nachricht erhalten. Aber jedenfalls haben diese neuen Hinweise die Sache wieder ins Rollen gebracht. Vielleicht erinnern sich auch andere Königsberger, wenn sie die Ausführungen von Helga van de Loo gelesen haben, an diese beiden Männer. Es mutet doch manchmal wie ein Wunder an, wenn nach all den Jahren, beim Austausch des Erlebten jener Zeit, gleiche Erfahrungen, gleiche Verbindungen, gleiche Begegnungen festgestellt werden und sich daraus vielleicht ein Hinweis zur Aufklärung eines Vermisstenschicksals ergibt (Waltraud Wagener, Parkstraße 46 in 53498 Bad Breisig/Helga van de Loo, Fonckstraße 1, 53125 Bonn, Telefon 0228/251271.)

Auch Helmut Klauser hat diese furchtbare Zeit nach dem Russeneinfall im nördlichen Ostpreußen im Kindesalter erleben müssen, aber er war kein elternloses Straßenkind, sondern blieb mit seiner Mutter zusammen. Frau Klauser und ihr neunjähriger Sohn hatten noch Ende Januar Königsberg Richtung Pillau fliehen wollen, aber sie kamen nur bis nach Warglitten, wo sie auf dem mit einer Panzereinheit voll belegten Rittergut des Grafen Lehndorff Unterkunft fanden, zuerst im Pferdestall, dann im Gutshaus. Zwei Tage später waren die Russen da, und am 31. Januar mussten Mutter und Sohn das Quartier verlassen. Die Flüchtlinge mussten sich in Trecks auf den langen Marsch in das Ungewisse begeben, der schließlich in Rautenberg ein vorläufiges Ende fand. Hier gibt es allerdings eine kleine Unstimmigkeit, denn Herr Klauser gibt an, dass Rautenberg im Kreis Schloßberg gelegen habe. Es gab aber nur einen Ort dieses Namens und der gehörte zum Kreis Tilsit-Ragnit, dürfte aber mit dem Gesuchten identisch sein. Mutter und Sohn gingen dann ein großes Wagnis ein, als sie sich mit einer Lagerinsassin heimlich in der Nacht davonschlichen und in einem verlassenen Haus Unterkunft fanden. Dort blieben sie bis zum Osterfest, um dann mit ihrer Begleiterin nach Damm, Kreis Labiau, zu gehen, wo sie bis zur Ausweisung 1948 blieben. Herrn Klauser bewegt nun eine Frage, die sich auf die Zeit in Rautenberg bezieht. Dort wurde in der Vorosterzeit 1945 ein Transport mit Inhaftierten nach Russland zusammengestellt. Er möchte nun wissen, wohin dieser Transport führte und wann die Verschleppten heimkehren konnten. Wer weiß Näheres darüber, hat vielleicht Angehörige oder Bekannte in diesem Transport gehabt? Vielleicht meldet sich auch jemand, der damals – noch sehr jung – dabei war? Herr Klauser hat diesen Vorgang nie vergessen, denn wie man sieht, beschäftigt er sich damit noch heute und würde sich über jede Antwort freuen. (Helmut Klauser, Hermann-Josef-Schmitt-Straße 23 in 50827 Köln.)

Man findet sie noch, die Spuren, die man längst verweht glaubte, und manchmal spielt der Zufall eine Rolle wie bei Frau Karen Baum, die sich im vergangenen Jahr endlich ihren Wunsch erfüllen konnte, in die Heimat ihrer Eltern zu reisen. Väterlicher- wie mütterlicherseits stammt die Familie aus dem Raum Königsberg-Labiau-Tilsit, also aus dem nördlichen Ostpreußen. Vor allem ein Erlebnis in Tilsit hat sie sehr beeindruckt, wie sie uns mitteilt: „Als wir auf dem Gelände der ehemaligen Brauerei fotografierten, entdeckte ich, dass neben einem Haus gegenüber der Brauerei verschiedene Flaschen, Porzellanscherben und Relikte von Gebrauchsgegenständen aus dem Alltag wie Gabeln und Messer aufgereiht auf einer kleinen Mauer standen. Ich sah, dass sie nicht neueren Datums waren, und als ich die Sache fotografierte, kam ein Russe auf uns zu. Er war sehr freundlich und aufgeschlossen. Dank meiner bescheidenen Russischkenntnisse, seiner deutlichen Aussprache und lebhaften Erzählweise konnte ich einiges verstehen, was er uns erzählte. Seine Eltern kamen als Kriegsgefangene nach Tilsit und mussten Zwangsarbeit leisten. Nach dem Krieg blieben sie, und seitdem wohnt er auch dort. Er hatte alles auf dem Grundstück, das neben dem erwähnten Haus liegt, ausgegraben. In diesem lebt er selber mit seiner Familie in einer Wohnung, und es stehe da noch viel mehr. Sein Vorarbeiter kam hinzu und reichte uns ein kleines Milchkännchen, das er auch auf dem Gelände gefunden hat. Auf dem Boden stehe etwas geschrieben, aber er könne es nicht lesen. Er zeigte mir die Schrift – und ich konnte es nicht fassen. Denn dort stand: Paul Artschwager, Tilsit, Hohe Straße 9. Als ich den Russen sagte, dass dieser Name auch in meiner Familie vorkäme, waren sie ganz aufgeregt, und der Vorarbeiter schenkte mir das Milchkännchen. Bevor ich ihn richtig danken konnte, war er schon verschwunden. Ich gehe davon aus, dass Paul Artschwager ein Geschäft oder ein Cafe/Restaurant hatte. Weiß jemand etwas darüber? Gibt es Bilder?“

Soweit die Fragen zu dem Milchkännchen, aber Frau Baum stellt noch weitere, die ihre Familie betreffen. Ihre Großmutter mütterlicherseits Anna-Marie-Charlotte – genannt Lotte – hatte sechs Geschwister: die Schwestern Gertrud, Käthe, Helene Elisabeth – genannt Liesbeth – und Annelie, sowie die Brüder Erich und Max. Sie wurden alle in Labiau geboren, ihr Geburtsname war Anderweit. Gertrud heiratete einen Artschwager, und sie wohnten in Tilsit. Helene Elsabeth ehelichte Walter Weu, sie hatten eine Tochter Erika Lisbeth und wohnten ebenfalls in Tilsit. Frau Baum und ihre Mutter würden sich sehr freuen, wenn sie über diese Verwandten etwas Näheres erfahren könnten. Wollen mal sehen, ob und was solch ein Milchkännchen zu Wege bringen kann! (Karen Baum, Radolfzeller Straße 75 in 78476 Allensbach, Telefon 07533/3306. E-Mail: k-baeumchen@web.de)

Eure Ruth Geede


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