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23.03.13 / Kascha, Brot und etwas Geborgenheit / Russischer Offizier half deutschen Straßenkindern

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 12-13 vom 23. März 2013

Kascha, Brot und etwas Geborgenheit
Russischer Offizier half deutschen Straßenkindern

Dies ist die Geschichte von zwei Männern unterschiedlicher Herkunft, Profession und Nationalität, die in den Ruinen von Königsberg den allein gebliebenen Straßenkindern zum Überleben verhalfen. Nicht nur mit Essbarem, das den gröbsten Hunger stillte, sondern auch mit ihrer Güte und Einfühlsamkeit, die den kleinen Geschöpfen etwas Geborgenheit vermittelte. Frau van de Loo, *1936 als Helga Koslowski in Königsberg geboren, möchte ihnen hiermit einen späten Dank sagen, indem sie eine Begegnung im Mai 1946 schildert, die für sie unvergessen blieb:

„Am Ende eines Tages im Mai erstand ich nach meiner Betteltour auf dem Markt in der Hagenstraße mit dem Monatslohn meiner Tante für ihre todkranke Tochter ein Brot und wollte dann in dem kleinen Magazin einige Schritte weiter noch etwas Salz erstehen. Dort war es sehr voll. Plötzlich riss mir jemand das Brot weg. Ich war außer mir und schrie verzweifelt. Eine deutsche Aufpasserin packte und schüttelte mich und versuchte mich aus dem Laden zu drängen. Ein russischer Soldat – ich nahm wahr, dass er sehr hinkte – kam dazu und forderte gebieterisch, dass die Aufpasserin mich loslassen sollte. Er schimpfte so laut, dass sie sich verstört zurückzog. Der Russe schaute mich freundlich an, nahm mich an die Hand, und wir gingen gemeinsam hinaus auf die Straße. Es war in der Luisenallee oder Hindenburgstraße, wir gingen erst links, dann rechts. Er sprach beim Gehen kopfschüttelnd vor sich hin, blieb ab und zu stehen, schaute mich freundlich an und gab mir zu verstehen, dass es nicht mehr weit sei. Ich wusste nicht, wohin es ging, hatte aber keine Angst. Sonst wäre ich immer in solcher Situation fortgelaufen, aber zu diesem Mann hatte ich Vertrauen, es war ein gutes Gefühl. Kinder kamen gelaufen, und er begrüßte sie freundlich auf Russisch, ich merkte, er war hier sehr bekannt. Dann gingen wir in ein Haus bis zur ersten Etage, dort begrüßte uns ein deutscher Schuster, er war auch so freundlich und zeigte sich gar nicht überrascht. Es wurde über die Begebenheit im Laden gesprochen. Der Schuster übersetzte, aber ich verstand das meiste auch so. Dann brachte er mir einen Teller Kascha. Als ich ihn in meine Kanne füllen wollte, nahm er sie mir weg, füllte sie und brachte dazu noch ein Brot. Ich aß ruhig, während sie sich unterhielten. Dann musste ich erzählen, und ich sah Tränen in ihren Augen. Diese unerklärlich nachhaltige Begegnung in der von mir als angstfrei empfundenen Atmosphäre hat sich bei mir bis zum heutigen Tag in allen Einzelheiten eingeprägt. Wir verabschiedeten uns und der Russe sagte, dass ich immer wieder hierher kommen sollte. Ich war noch einige Male dort, habe ihn aber nicht mehr wieder gesehen. Aber den Schuster, und dieser erzählte mir, dass unser Wohltäter ein russischer Offizier jüdischen Glaubens sei, und sein steifes Bein von einer Kriegsverletzung herrühre. Wegen seines überaus großen, selbstlosen Einsatzes für die hungernden deutschen Straßenkinder werde er aus den eigenen Reihen angegangen und stehe unter Beobachtung. Zukünftig werde er so nicht mehr wirken können. War er schon verhaftet worden? Der Schuster wuss­te es leider nicht, war aber sehr besorgt und traurig. Der Name dieses russischen Freundes deutscher Straßenkinder im Nachkriegs-Königsberg lautet: Michail Abramowitsch Katzowitsch. Im Gedenken an ihn, diesen gütigen Menschen, möchte ich ihm Dank sagen.“

Soweit die Aufzeichnungen von Frau Helga van de Loo. Ihre Erinnerungen decken sich mit denen anderer Leidensgefährten, wobei sie besonders auf die Ausführungen von Hans-Burkhard Sumowski in dessen Buch „Jetzt war ich ganz allein auf der Welt“ hinweist. Dieser erinnert sich sehr genau an den Offizier, der damals sein Lagerkommandant war:

„Wenn man seinen Namen der russischen Grammatik entkleidet, gelangt man zu Michael Abraham Katz. Es ist unschwer zu erkennen, dass es sich um einen jüdischen Namen handelt. Katz ist ein im osteuropäischen Judentum nicht selten anzutreffender Familienname. Dieser Mann also, Offizier der Sowjetarmee, kriegsversehrt mit steifem Bein, sah damals seine vorrangige Aufgabe darin, die Kinder des deutschen Feindes am Leben zu erhalten, ihnen irgendetwas zu geben, was sie nirgendwo sonst mehr fanden, nämlich so etwas wie ein Heim – einfach weil sie Kinder waren, unschuldige Geschöpfe. Wie können wir ihm genug danken?“ R.G.


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