17.07.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
23.03.13 / Innovation in Bunkermauern / Alter Flakturm liefert Wärme und Strom für Haushalte

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 12-13 vom 23. März 2013

Innovation in Bunkermauern
Alter Flakturm liefert Wärme und Strom für Haushalte

Beherrschendes Bauwerk nicht nur der IBA, sondern von ganz Wilhelmsburg, ist der rund 40 Meter hohe Flakturm an der Neuhöfer Straße, der zu einem „Energiebunker“ umgebaut wird. So wird aus einem ehemals militärisch genutzten und seit Jahrzehnten brach liegenden Betonkoloss ein Symbol des Klimaschutzkonzepts „Erneuerbares Wilhelmsburg“.

Nach den ersten größeren alliierten Luftangriffen wurde für Berlin, Wien und Hamburg ein Programm zur Luftabwehr beschlossen. Eine der Maßnahmen war der Bau massiver Flaktürme. Deren Aufgabe war es nicht in erster Linie, einzelne Feindflugzeuge abzuschießen, sondern die feindlichen Bomber am Überfliegen wichtiger Stadtgebiete, in Hamburg des Hafens, zu hindern. So wurde in den Jahren 1942/43 auf dem Heiligengeistfeld im Hamburger Stadtzentrum und auf einer Spülwiese in Wilhelmsburg jeweils ein Geschützturm mit vier schweren 12,8 cm Zwillingsgeschützen errichtet. In unmittelbarer Nähe entstanden zudem zwei kleinere Leittürme, die mit Ziel-, Mess- und Radaranlagen ausgestattet waren, deren Werte an die Geschütze übermittelt wurden. Der Wilhelmsburger Geschützturm misst 57 x 57 Meter Grundfläche und hatte ursprünglich neun Stockwerke, von denen einige als Luftschutzraum für die Zivilbevölkerung und ein weiteres als Krankenstation eingerichtet waren. Zur Bemannung wurden Schüler der nahen Oberschule als Luftwaffenhelfer eingezogen, die mit einem Klingelzeichen aus dem Unterricht an die Geschütze gerufen wurden. Der Dienst war hart, da die 48 Kilogramm schweren Granaten über unzählige Stufen nach oben geschleppt und von Hand geladen werden mussten. Nennenswerte militärische Erfolge konnte der Flakturm nicht verbuchen. Allerdings bot er während der Angriffe auf Hamburg zeitweise bis zu 30000 Menschen Schutz. Zudem hatten die gewaltig wirkenden Flaktürme als unzerstörbare Festungen einen großen propagandistischen Wert, da sie Sicherheit und Wehrhaftigkeit versprachen und so dazu beitrugen, die Durchhalte- und Opferbereitschaft der Bevölkerung zu steigern.

Nach Kriegsende wollten die Siegermächte die Flaktürme für militärische Zwecke unbrauchbar machen. Im Oktober 1947 verwandelten über acht Tonnen Sprengstoff den Leitturm in einen riesigen Trümmerhaufen. Der Geschützturm dagegen erwies sich als standhaft. Nachdem sich die Sprengwolke verzogen hatte, standen die 65000 Kubikmeter Stahlbeton äußerlich unversehrt. Lediglich im Innern waren einige Stockwerke eingestürzt. Die Schaulustigen brachen in spontanen Jubel aus und riefen den britischen Posten ein hämisches „Made in Germany! Made in Germany!“ zu. Die Besatzungsmacht verzichtete auf weitere Sprengungen, da das Ziel der Entfestigung des Bauwerkes bereits durch die strukturellen Schäden erreicht war.

Fortan interessierte sich niemand mehr für den Flakturm. Ein Abriss war weder erforderlich noch wirtschaftlich vertretbar. Erst im Zuge der Planungen zur IBA stellte sich die Frage, den mittlerweile baufälligen Turm doch noch abzutragen oder ihn als Attraktion zu erhalten. So fiel die Entscheidung, ihn für 26,7 Millionen Euro umzubauen und ihn als „Energiebunker“ in die IBA zu integrieren. Die Sanierungs- und Umbauarbeiten begannen vor zwei Jahren. Kern des Energieprojekts ist ein zwei Millionen Liter fassender Wasserspeicher, der durch die Wärme eines Biomasse-Blockheizkraftwerks und eine Holzfeuerungsanlage sowie eine 2400 Quadratmeter große Sonnenkollektorfläche auf dem Dach gespeist wird. An der Südfassade befindet sich zudem eine Photovoltaikanlage zur Einspeisung in das öffentliche Stromnetz. Nach der kompletten Fertigstellung des Nahwärmenetzes im Jahre 2015 soll der Bunker den Wärmebedarf von 3000 und den Strombedarf von 1000 Haushalten decken.

Der Bunker soll zugleich als Mahnmal dienen. Dazu dokumentiert eine Ausstellung seine Geschichte, die der Menschen, die hier Schutz suchten, und seine Konversion. Mit einer Außenterrasse und einem 400 Quadratmeter großen Café in 30 Metern Höhe öffnet er sich für Anwohner und Besucher und bietet ihnen einen hervorragenden Blick über den Stadtteil und das Ausstellungsgelände. Trotz aller Umbauten hat das für das Stadtbild Wilhelmsburgs prägende Bauwerk seine originale Kontur bewahrt. Jan Heitmann


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabobestellen Registrieren