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30.03.13 / Jagd auf Andersdenkende / Moskauer Glaubensfaschisten dringen in Jabloko-Zentrale ein

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-13 vom 30. März 2013

Jagd auf Andersdenkende
Moskauer Glaubensfaschisten dringen in Jabloko-Zentrale ein

Eine Gruppe junger Glaubensfaschisten, die sich „Wille Gottes“ nennt, erregt seit vergangenem Jahr Aufsehen in Moskau. Sie macht Jagd auf Andersdenkende, Homosexuelle, Feministinnen, sie sprengten Demonstrationen von Unterstützern von „Pussy Riot“, sie verfolgten sogar Passanten, die ihrer Meinung nach unpassend gekleidet waren. „Wille Gottes“ ist eine Gruppe extremistischer Gläubiger, die sich teilweise aus Missionaren zusammensetzt. Bislang blieben ihre Aktionen ohne jede Konsequenz.

In der vergangenen Woche drangen Aktivisten abends in die nur mit einem Wächter besetzte Mos-kauer Niederlassung der liberalen „Jabloko“-Partei ein, entwendete vor dessen Augen sämtliches Informationsmaterial und Broschüren, sagten dem verdutzten Wächter, Jabloko sei eine Partei der Satanisten und Perversen, die Russland schadeten. Jabloko hatte sich gegen den Bau Hunderter neuer orthodoxer Kirchen gewandt. Anschließend verbrannten die Vertreter des „Willen Gottes“ vor der U-Bahnstation „Nowokusnezkaja“ im Stadt-Zentrum die Schriften der Partei, wobei sie laut skandierten, Parteiführer Sergej Mitrochin möge in der Hölle schmoren. Ihre Aktion, die sie selbst „orthodoxe Inquisition“ nannten, filmten sie und veröffentlichten das Material auf der Internet-Seite der Bewegung „Für Russland, Putin und die Volksfront“, ergänzt mit einem Interview ihres 24-jährigen Anführers Dmitrij Enteo (Bedeutung des Pseudonyms: von innen kommend, aber auch: auf die Psyche wirkende Drogen der Schamanen), der bürgerlich Zorionow heißt.

Die Partei Jabloko hat Anzeige erstattet. Sie forderte die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK), Präsident Wladimir Putin und die Volksfront auf, zu den extremistischen Überfällen Stellung zu beziehen.

Die selbsternannten Ordnungshüter drangen auch im Darwin-Museum ein, um gegen die Evolutionstheorie zu protestieren. Sie entrollten ein Plakat mit der Aufschrift „Gott erschuf die Welt“ und brachten es an der Fassade an. Sie verlasen Bibeltexte und bewarfen die Museumsbesucher von einer Empore aus mit Flugblättern.

Die beiden jüngsten Agitationen führten in der Öffentlichkeit zu heftigen Diskussionen, an denen sich auch die Leitung der Russisch-Orthodoxen Kirche beteiligte. Während Diakon Andrej Kurajew die Gruppe als „Hooligans“ bezeichnet und ihr Eindringen in die Jabloko-Zentrale und die Bücherverbrennung als Pogrom bezeichnet, bewertet Erzpriester Wsjewolod Tschaplin das Geschehene wesentlich zurückhaltender, indem er sagt, die Aktion sei „ein wenig aggressiver als nötig“ gewesen. Die Milde wundert nicht, denn Enteo, der nach einer Drogenkarriere erst 2010 orthodoxer Christ wurde und seitdem am Missionarzentrum des Propheten Daniil studiert, ist für Tschaplin kein Unbekannter. Im Juli 2012 führten sie gemeinsam Anti-Abtreibungskampagnen in Moskau und Kasan durch. Enteo setzte sich auch aktiv für die Wiederwahl Putins ein.

Kirchenvertreter, Schriftsteller und Soziologen sprechen sich für eine strafrechtliche Verfolgung der Gruppe aus, die überdies dem Ansehen der Kirche mehr schadeten als nutzten und Gläubige abschreckten. M. Rosenthal-Kappi


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