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30.03.13 / Stasi spionierte auch bei Sowjets / Sensationsfund: Kurz vor ihrem Ende bildete DDR »Elemente eines souveränen Staates aus«

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-13 vom 30. März 2013

Stasi spionierte auch bei Sowjets
Sensationsfund: Kurz vor ihrem Ende bildete DDR »Elemente eines souveränen Staates aus«

Die DDR spionierte in ihrer Spätphase in ungeahnter Weise auch den Bündnispartner Sowjetunion aus. Das ergeben neue Aktenfunde der Stasi-Unterlagenbehörde. Sensationell ist nicht nur die Bespitzelung des „großen Bruders“ an sich, auch das Ausmaß überrascht. Die Stasi verschaffte der DDR-Führung sogar Informationen über Atomsprengkopftransporte der Sowjets. Die Funde zeigen so ein bis dato unbekanntes Souveränitätsbewusstsein der DDR.

Nur im Witz hinter vorgehaltener Hand beschrieben DDR-Bewohner ihren Eindruck vom wahren Verhältnis zur Sowjetunion: „Sind die Sowjets eigentlich unsere Freunde oder unsere Brüder?“ Antwort: „Sie müssen unsere Brüder sein. Freunde kann man sich aussuchen.“

Tatsächlich war die „Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ Staatsräson und der große Bruder in Moskau ideologisch verordnetes Vorbild, mitunter wider jede Realität. So war die Lage im Arbeiter- und Bauernstaat 1988 angespannt. Ursache war die Entspannungspolitik der Sowjetunion gegen-über dem Westen. Das Verhältnis des SED-Staates zum übermächtigen Partner kühlte daraufhin rapide ab.

In jenem Jahr vor ihrem 40. Jahrestag stoppte die DDR den Vertrieb der sowjetischen Zeitschrift „Sputnik“ – ein bis dahin undenkbarer Vorgang. Anhänger des sowjetischen Staatslenkers und Reformers Michail Gorbatschow wurden in der DDR von der Stasi überwacht. Zum 1. Mai 1989 sollten Stasi-Mitarbeiter sogar Plakate des Generalsekretärs der KPdSU Gorbatschow aus den Händen von DDR-Bürgern reißen. Offiziell sprach die DDR-Staats- und Parteiführung indes vom „unverbrüchlichen Bruderbund mit der Sowjetunion“. Diese Bündnistreue galt auch für den nach sowjetischem Muster aufgebauten Geheimdienst Stasi, doch offenbar selbst dort nur noch vordergründig:

Im März 1988 beobachtete die Stasi gezielt sowjetische Atomwaffentransporte durch Brandenburg, wie die „Märkische Allgemeine Zeitung“ nun unter Verweis auf Dokumente aus der Stasi-Unterlagenbehörde berichtet. Die Agenten fotografierten einen Güterzug mit 15 Waggons an einem offenbar sorgsam dafür ausgesuchten Bahndamm zwischen Wellnitz und Eisenhüttenstadt. Sogar die Strahlenbelastung maßen die Stasi-Mitarbeiter demnach akribisch und konnten aus diesen Daten und ihren Beobachtungen Detailkenntnisse über die hochgeheimen sowjetischen Kernsprengköpfe gewinnen.

Mit Schutzmaßnahmen gegen westliche Geheimdienstaktivitäten lässt sich das Tun der DDR-Schlapphüte nicht begründen, denn sie legten es von Anfang an auf genaue Kenntnis des Inhalts der abgenutzten Güterwagen an, nicht etwa nur auf die Sicherung der Routen. Das Blatt zitiert Stasi-Akten mit genauen Schlussfolgerungen zu den Mittelstreckenwaffen: Vom „Transport von Kerngefechtsköpfen (Nuklearmunition) mit dem spaltbaren Uran-233“ ist darin die Rede. Solches Wissen jedoch teilten die Sowjets nicht einmal mit den militärischen Spitzen der verbündeten Nationalen Volksarmee (NVA).

Dass die Stasi den Transporten auf die Spur kam, lag allerdings nicht allein an der Akribie des Dienstes, sondern auch an einem glücklichen Zufall. Nach dem Abschluss eines Vertrages über die Reduktion der Mittelstreckenwaffen (INF) 1987 mussten entsprechende sowjetische Waffensysteme aus der DDR abgezogen werden, ein logistisches Großmanöver. Im Februar wurden diese Raketen offiziell verabschiedet. Ein Offizier des sowjetischen Geheimdienstes KGB machte die Stasi dabei mit Information über die anstehenden Transporte neugierig. Durch diese Panne erfuhren die DDR-Agenten vom „Sondertransport (Zug)“.

Die folgende Überwachungsaktion ist in vieler Hinsicht einmalig und lässt tief in die schizophrenen Strukturen der Stasi blicken. Während der Geheimdienst landesweit die Behandlung von Ökologie- und Umweltfragen unterdrückte und entsprechend Aktive der Bürgerbewegung verfolgte, sorgte er sich andererseits selbst um die Folgen einer möglichen Atomverseuchung durch die sowjetischen Gefechtskopftransporte. Denn die Techniker der Stasi nahmen die Transporte genau unter die Lupe: „Die Kerngefechtsköpfe konnten eindeutig als Plutonium-239-Waffen identifiziert werden“, zitiert die „Märkische Allgemeine“ die erhaltenen Akten.

Mit den Strahlungsmessungen wusste die Stasi nicht nur über den genauen Typ AA-81 Bescheid, sondern auch über die ungenügende Sicherung der Transporte. Benutzte Container ließen Strahlung frei, noch eine halbe Stunde nach Vorbeifahrt waren Spaltprodukte messbar. Die Stasi bangte um „weitreichende Auswirkungen“ auf dem „dicht besiedelten Territorium der DDR“ – dessen Bewohner wussten von nichts. Der Geheimdienst hatte Zugang zum Netz sowjetischer Waffentransporte gefunden, deckte rasch einen weiteren Transport von Altengrabow in Sachsen-Anhalt über Frankfurt (Oder) nach Brest auf und ging mit der Überwachung erhebliche Risiken ein, von den Sowjets entdeckt zu werden.

Das Fazit der Stasi liest sich wie eine Forderung: „Es erscheint unerlässlich, Veränderungen im Transportregime herbeizuführen.“ Der Experte und Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde Helmut Müller-Enbergs sagt zu dem Spionagewagnis: „Das lässt sich auch als Zeichen für eine Art Emanzipationsprozess lesen. Kurz vor ihrem Ende begann die DDR, Elemente eines souveränen Staates herauszubilden.“ Sverre Gutschmidt


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