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30.03.13 / Zum Abschuss freigegeben / Christen in Libyen sind schutzlos Angriffen von Salafisten ausgeliefert – Übergangsregierung überfordert

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-13 vom 30. März 2013

Zum Abschuss freigegeben
Christen in Libyen sind schutzlos Angriffen von Salafisten ausgeliefert – Übergangsregierung überfordert

Brandschatzungen von Kirchen, religiös motivierte Morde und eine Verhaftungswelle gegen koptische Christen sind Zeichen einer Verschärfung der Verfolgung von Christen in Libyen. Weite Teile Libyens, das mit Hilfe der Nato „befreit“ wurde, werden heute von dschihadistischen Salafisten beherrscht, die alles, was nicht ihrem steinzeitlichen Islam entspricht, mit Gewalt bekämpfen.

Wie die libanesische Tageszeitung „L’Orient – Le Jour“ berichtet, hat eine Gruppe bewaffneter Salafisten in der libyschen Stadt Bengasi eine koptische Kirche angegriffen und in Brand gesteckt. Die Kirche war bereits im Februar Ziel eines Anschlags gewesen. Erst zu Monatsbeginn wurde in Tripolis ein Anschlag auf einen katholischen Priester verübt. Nach Angaben koptischer Organisationen haben die Übergriffe auf die aus Ägypten stammende Glaubensgemeinschaft in Libyen in den vergangenen Wochen zugenommen.

Mitte Februar war in Bengasi eine Gruppe von 100 koptischen Händlern wegen des Vorwurfes zu missionieren auf dem Markt der Stadt von salafistischen Milizen verhaftet worden. Einer dieser Verhafteten, Ezzat Hakim Attalah, starb nach Angaben der Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) wenig später im Gefängnis unter nicht geklärten Umständen. Nach einer Intervention des ägyptischen Außenministeriums wurden 55 Personen freigelassen; 20 konnten in Libyen bleiben, 35 wurden ausgewiesen, weil sie keine gültigen Einreisepapiere hatten. 50 koptische Christen befinden sich derzeit immer noch in libyschen Gefängnissen in Haft, darunter jeweils auch ein Bürger Südafrikas, Schwedens und Südkoreas, wegen angeblicher „Verbreitung des Christentums“. Ein von der Polizei beschlagnahmtes Video zeigt, wie die Christen in einem kleinen Raum von Salafisten gefangengehalten werden. Sie erscheinen physisch ausgezehrt. Die Islamisten haben allen die Köpfe geschoren.

Die Brandschatzung der koptischen Kirche war nach Einschätzung libyscher Sicherheitsbehörden ein Vergeltungsanschlag der Salafisten für die Proteste der Kopten vor der libyschen Botschaft in Kairo. Menschenrechtsgruppen haben wiederholt vor einer Verschärfung der Lage für Christen in Bengasi gewarnt. Vor allem der Ostteil Libyens, die Cyrenaika, die einst das Zentrum des vom Westen unterstützten Aufstandes gegen Muammar Gaddafi war, ist heute das Zentrum der Verfolgung der Christen. Der Apostolische Vikar von Tripolis, Giovanni Innocenzo Martinelli, sagte, in der Cyrenaika würden Christen von Islamisten vertrieben. Bereits zum zweiten Jahrestag des Beginns des Aufstandes gegen Gaddafi am 13. Februar sah sich die Kirche gezwungen, in der Nähe von Derna die Gebäude eines Ordens von Franziskaner-Schwestern nach 100 Jahren zu räumen. Vorher hatte es Aufforderungen von oft ausländischen Salafisten gegeben, aus Libyen zu verschwinden. Die Franziskanerschwestern hatten im Januar ihr Haus in Barce verlassen. Auch ein Ordenshaus von Schwestern in Beida wurde geschlossen. Seit einiger Zeit träfen international vernetzte Islamisten die Entscheide in Libyen, sagte Martinelli gegenüber der Vatikan-Agentur Fides.

Der Kirchenbrand von Bengasi ist der jüngste Fall in einer langen Reihe von Übergriffen gegen Christen und ihre Einrichtungen in den letzten Monaten.

Vor der Revolution im Jahre 2011 waren 200000 der 6,2 Millionen Einwohner Libyens Christen. Während der Gaddafi-Diktatur hatten sie keine Probleme wegen ihrer Religion, viele zehntausende christliche afrikanische Flüchtlinge lebten damals in Libyen. 1997 nahmen Libyen und der Heilige Stuhl diplomatische Beziehungen auf und 2007 durfte die älteste Kirche des Landes, die Kirche Santa Maria degli Angeli in Tripoli, nach 40 Jahre Schließung wieder eröffnet werden. Während des sechsmonatigen Bürgerkrieges und der Nato-Bombardements ab Februar 2011 hatten die meisten Christen Libyen mit den Ausländern verlassen. Nach dem Sturz von Langzeitdiktator Gaddafi im Herbst 2011 kehrten nur noch wenige zurück. Diese müssen feststellen, dass es unter der Übergansregierung ein zunehmendes Machtvakuum gibt, das immer mehr radikale Islamisten ausnutzen. Dadurch hat sich die Lage der Christen verschlechtert. Auf der Christenverfolgungsrangliste des Hilfswerkes Open Doors hat sich Libyen seitdem um zehn Plätze vorgeschoben. Als der nationale Übergangsrat 2011 die Kontrolle in Tripolis erlangte, wurde unter seiner Aufsicht die St.-Georg-Kirche in Tripolis geplündert. Während unter Gaddafi dessen Grünes Buch als Verfassungsersatz galt, soll nun die Scharia nach dem Willen aller politischen Akteure zur Grundlage der Verfassung werden. Obwohl kein Mitglied der jetzigen Übergansregierung einer islamistischen Gruppierung angehört, wird der parlamentarische und gesellschaftliche Druck hin zur Bildung einer islamischen Regierung wie in den Nachbarländern Tunesien und Ägypten immer größer.

Die meisten Christen in Libyen sind Ausländer, vor allem Ägypter, aber auch Philippiner und Europäer. Als religiöse Minderheit und Ausländer sind sie doppelt bedroht. Militante Islamisten haben in den letzten Monaten nicht nur Kirchen angegriffen, auch vor toten Christen machen sie nicht Halt. „Es vergeht kein Tag, an dem nicht Gräber von Christen geschändet und zerstört werden“, beklagt Bruno Daimasso, der Gärtner des italienischen Friedhofs von Tripolis.

Nach dem Terrorangriff auf eine Gasförderanlage in Algerien durch libysche Terroristen aus Bengasi Ende Januar als Rache für den Feldzug gegen die Islamisten in Nordmali war auch der Apostolische Präfekt von Bengasi, der aus Malta stammende Bischof Sylvester Magro, von der libyschen Polizei aufgefordert worden, im Interesse seiner Sicherheit seine Kirche zu verlassen. Die schwache Zentralregierung ist gegenüber den vielen bewaffneten Milizen, von denen manche ihre Region wie Fürstentümer regieren, zunehmend machtlos. Islamistische Hardliner bestimmen immer deutlicher die Politik und fordern die Umsetzung der Scharia, des islamischen Rechts, in einer engen Interpretation. Kürzlich wurden, obwohl es noch keine neue Verfassung gibt, etwa Einschränkungen bei der Polygamie aufgehoben und ein absolutes Zinsverbot verfügt. Bodo Bost


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