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30.03.13 / Die zwei Leben der Isa Vermehren / »Ein weites Herz« – das ZDF erinnert zu Ostern an Schicksalsjahre einer deutschen Familie in der NS-Zeit

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-13 vom 30. März 2013

Die zwei Leben der Isa Vermehren
»Ein weites Herz« – das ZDF erinnert zu Ostern an Schicksalsjahre einer deutschen Familie in der NS-Zeit

Sie war kein angepasstes Mädchen, diese Isa Vermehren. Damals, in den 1930er Jahren, als sie sich weigerte, die Hakenkreuzfahne zu grüßen. Schulverweis. Von Lübeck zog sie mit ihrer Mutter, einer Journalistin, nach Berlin. Lehrerin wollte sie eigentlich werden; sie wurde Kabarettistin. Mit 15 trat sie schon in Werner Fincks „Katakombe“ auf – sang freche Lieder zur Ziehharmonika. Auch spielte sie in Filmen mit, unter anderem mit Rudolf Platte und Max Schmeling. Wenn sie von der Bühne „Eine Seefahrt, die ist lustig …“ schmetterte, hieß die selbst gereimte zweite Strophe: „Unser Erster auf der Brücke / ist ein Kerl, drei Käse hoch, / aber eine Schnauze hat er / wie’ne Ankerklüse groß.“ Die falschen Ohren hörten das Richtige: Sie meinte Joseph Goebbels, Adolf Hitlers kleinwüchsigen Propagandaminister.

Das ist Biografisches der 1918 in Lübeck geborenen Isa Vermehren. Etwas freier geht der Fernsehfilm „Ein weites Herz“ damit um, frei nach dem gleichnamigen Buch des promovierten Journalisten Matthias Wegner, das 2004 bei Claassen erschien. Das ZDF zeigt den Film am Ostermontag um 20.15 Uhr. Da mischen sich Lebensstationen mit fiktiver Geschichte. Stationen zwischen 1937 und 1945, die Kabarett, Konzentrationslager, Kloster heißen.

Der Film beginnt mit Isas Quetschkommoden-Auftritten in Berlin. Sie verliebt sich in den Kabarettpianisten, der bald von den Nationalsozialisten in ein Lager verschleppt wird. Trost, geistige und auch körperliche Nähe findet sie bei der Freundin und späteren Ehefrau ihres älteren Bruders Erich, einer Gräfin Elisabeth von Plettenberg. Die charismatische Gräfin ist bekennende Katholikin, und 1938 konvertiert die evangelisch getaufte Isa zum katholischen Glauben. Später, da alles gleichgeschaltet ist und Isa in Gestapohaft, dokumentiert sie ihr Bekenntnis symbolträchtig. Mit einer Scherbe ritzt sie ein christliches Kreuz in die Wand ihrer Einzelzelle.

Als reichte so viel Wandel nicht für 120 Minuten, wird der Film parallel immer mehr auch zur Geschichte der ganzen Familie Vermehren. Die Ehe der Eltern zerbricht; Mutter Petra wechselt als Korrespondentin für deutsche Zeitungen vorübergehend nach Athen; Bruder Erich heiratet die Gräfin und geht mit ihr in diplomatischer Mission (vermutlich aber als Agent der Abwehr) nach Istanbul. Mitten im Krieg setzt er sich nach London ab. Das NS-Regime rächt sich und nimmt die Vermehrens in Sippenhaft. Die Eltern und Sohn Michael kommen ins KZ Sachsenhausen, Isa Vermehren ins Frauen-KZ Ravensbrück in der Uckermark.

Der Schluss des Films hat etwas von Friede, Freude … Sie wissen schon. Die ganze Familie feiert 1951 die Profeß, den Ordenseintritt ihrer Isa bei den Sacre-Coeur-Schwestern in Bonn. Auch der (laut Drehbuch) in Russland vermisste Bruder Michael taucht plötzlich wieder auf. Zu viel der Glückseligkeit.

Im wahren Leben der Isa Vermehren werden es 58 begnadete Jahre im Orden der Schwestern vom Heiligen Herzen Jesu (Sacre Coeur). Sie wird eine hochgeschätzte Pädagogin. Von 1961 bis 1969 leitet sie ein Bonner Mädchen-Gymnasium, danach fast 15 Jahre die Sophie-Barat-Schule in Hamburg, eines der angesehensten Gymnasien der Hansestadt. Fernsehweit wird sie bekannt als erste katholische Frau, die bei der ARD das „Wort zum Sonntag“ spricht (1983–96). Auch ihr Bruder Michael wird Fernsehmann. Anfangs als „Reporter der Wind­rose“ bei seinem Freund Peter von Zahn, später als ZDF-Korres­pondent für Lateinamerika und als Leiter des ZDF-Studios in Madrid. Isa Vermehren stirbt 91-jährig am 15. Juli 2009 in Bonn.

Jutta Lieck-Klenke, die Produzentin (Network Movie) des Films, war die Verwirklichung eine Herzensangelegenheit. Sie ist – ebenso wie Iris Berben, die Darstellerin der Mutter Petra – bei Isa Vermehren in Hamburg zur Schule gegangen. Für die Hauptrolle fand sie die einfühlsame Nadja Uhl, und Friedrich von Thun und sein Sohn Max spielen als Isas Vater und Bruder Erich zum ersten Mal gemeinsam in einem Film. Die Regie führte Thomas Berger.

Als die Drehbuchautorin Anette Hess Isa Vermehren ein Jahr vor ihrem Tod aufsuchte, um mehr über ihr Leben zu erfahren, willigte die bescheiden gebliebene Klosterfrau nur für „maximal eine Stunde“ ein. – „Was es über mich zu berichten gibt, lässt sich auf einer Postkarte zusammenfassen.“

Ein abendfüllender Film ist es geworden. Karlheinz Mose


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