19.04.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
30.03.13 / Nun ist er wieder da – der Adebar / Mythen und Bräuche um den Lieblingsvogel Ostpreußens

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-13 vom 30. März 2013

Nun ist er wieder da – der Adebar
Mythen und Bräuche um den Lieblingsvogel Ostpreußens

Pünktlich zum Osterfest dürfte er auch in diesem Jahr eingetroffen sein, unser Adebar, ohne den Ostpreußen undenkbar war und noch heute ist. Auch wenn noch Schnee liegt, er bezieht sein altes Nest und begrüßt die Heimat mit lautem Geklapper. Der 25. März – Maria Verkündigung, in manchen Gegenden deshalb auch „Marientag“ genannt – gilt in unserer Heimat als Storchenankunftstag. Die Kinder hatten schulfrei oder der Unterricht bestand aus Märchenvorlesen. So berichtet jedenfalls Frau Käthe Markus geborene Legatis aus Bad Salzuflen, die als Kulturreferentin viele Vorträge über unseren Lieblingsvogel gehalten hat und eine bunte Mappe mit viel Wissenswertem über den Adebar zusammenstellte, die sie mir auf einem Kulturseminar überreichte. Und die mir nun viel Stoff für einen Extrabericht zum Frühlingsanfang über den Weißstorch liefert, der – ähnlich wie der Elch – zu einem Symbol unserer Heimat wurde.

Vor unserem inneren Auge sehen wir alle die verschiedenen Nistplätze unserer Störche, denen man auch gerne mit ausgedienten Wagenrädern half, die man auf Haus oder Scheunendächern befestigte. Bevorzugt wurden auch Türme, Schornsteine und Telegrafenmaste, selten Bäume. Allgemein herrschte der Glaube, dass sich ein Storch nur dort niederlässt, wo Frieden herrscht, darum würde er gern auch auf Kirchtürmen oder Kirchendächern nisten. Ein Beispiel ist noch heute die Kirchenruine von Rauterskirch in der Elchniederung, die von den Störchen gänzlich in Beschlag genommen wird. Auf jeden Fall müssen es feuchte Gegenden sein, und Ostpreußen erwies sich da von Urzeiten an mit seinen Seen und Sumpfgebieten als ideales Storchenparadies. Im Volksmund wird der Schreitvogel „Adebar“ genannt. Das Wort kommt aus dem Niederdeutschen und bedeutet eigentlich „Sumpfgänger“, wurde dann aber umgedeutet in „Glücksbringer“ nach den altsächsischen Worten „öd“ = gut, und „beran“ = bringen.

Und natürlich gilt er als „Kinderbringer“, und wenn die Kleinen den ersten Storch sahen, riefen sie den alten Spruch: „Storch, Storch, Guter, bring mir einen Bruder“ und „Storch, Storch, Bester, bring mir eine Schwester!“ Was sich dann auch zumeist erfüllte. Ostpreußische Familien brauchten sich über mangelnden Nachwuchs nicht zu beklagen. Ein Gedicht bestätigte das: „Das ist wahr, das ist wahr, die Kinder bringt der Adebar. Wenn dies nicht wär’, wenn dies nicht wär’, wo kämen dann die Kinder her?“ Ja, er wurde viel bedichtet und besungen. „De Oadeboar, de Oadeboar, de hätt e lange Näs’“ ist ebenso bekannt wie „Oadeboar möt Noame, wenn du warscht wedder koame …“ Keine heimische Vogelart hatte so viel Bedeutung im täglichen Leben wie der Storch – in Liedern, Sagen, Gedichten, Sprichwörtern und Brauchtum wie unser Adebar.

Und er kam wieder in jedem Jahr, denn die Treue zum Nest ist bei dem Weißstorch größer als zum Brutpartner. Das merkt man an den Nestern, die manchmal eine unwahrscheinliche Höhe annehmen können. Ein ortstreues Storchenpaar baut jedes Mal ein neues Nest auf dem alten Dach. Auch mitten in den dicht bewohnten Orten brütet Meister Adebar, sogar in Städten. Eine lange Tradition als Storchenstadt hatte Wormditt: Seit Mitte des 18. Jahrhunderts nisteten Störche auf dem Rathausdach. In den damals noch ruhigen Straßen gingen die Vögel würdevoll spazieren. So hieß es denn auch, wenn der Adebar Ende März heimkehrte: „Unser Ratsherr ist wieder da.“

Zu den bekanntesten Störchen Ostpreußens gehörte das Storchenpaar, das in Insterburg auf dem Dach der Frauenklinik nistete und meistens vier Junge aufzog. Symbolbezogener geht es nicht! Allerlei Aberglauben rankte sich um die Ankunft der Störche. Sah man den ersten Meister Langbein im Flug, dann würde man fleißig und emsig sein oder eine Reise unternehmen. Erlebte man ihn zuerst auf einem Bein stehend, bedeutete das ein faules Jahr, und man blieb tohuus. Hatte der Storch, den man zuerst sah, ein grieses Gefieder und sah reichlich zerpliesert aus, stand ein nasses Jahr bevor – bei sauberem Federkleid aber ein gutes, erfolgreiches Jahr! Im Memelland glaubte man noch an eine ganz besondere Voraussage: Sah man den ersten Storch auf Futtersuche, würde man selber etwas sehr Schönes finden!

So hatte der Weißstorch in Ostpreußen vielerlei Bedeutung, mehr als andere Vogelarten. Kein Wunder, dass er in Masuren ein beliebtes Motiv für die gewebten oder geknüpften „Lebensteppiche“ war. R.G.


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabobestellen Registrieren