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20.04.13 / In der Gruppe versteckt / Jonny K.: Hauptverdächtiger Türke kam aus Angst vor Heimatjustiz zurück

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 16-13 vom 20. April 2013

In der Gruppe versteckt
Jonny K.: Hauptverdächtiger Türke kam aus Angst vor Heimatjustiz zurück

In Berlin strebt die Justiz nun überraschend schnell einen gemeinsamen Prozess gegen die mutmaßlichen Totschläger von Jonny K. an. Das Dilemma: Aus einer enthemmten Gruppe lässt sich im Nachhinein selten ein Täter herausfiltern.

Der Fall des vergangenen Oktober am Berliner Alexanderplatz von sechs Jugendlichen angegriffenen und anschließend seinen starken Hirnblutungen erlegenen Schülers Jonny K. (20) schockierte Deutschland. Der mutmaßliche Haupttäter Onur U. setzte sich in die Türkei ab, ein Auslieferungsantrag ließ auf sich warten. Nun ist Onur U. nach Deutschland zurückgekehrt. Ihm und den mutmaßlichen Komplizen steht laut Justizverwaltung voraussichtlich ab 13. Mai ein Gerichtsverfahren bevor.

Es war ein gewaltsamer Tod, ein Anlass war nicht erkennbar und es war nicht der erste Vorfall dieser Art in Berlin, doch der vielleicht grausamste: Tödliche Schläge trafen Jonny K. unvorbereitet in den frühen Morgenstunden nahe dem Bahnhof Alexanderplatz, als er mit einem Freund auf sechs türkischstämmige Jugendliche traf, die von einer Party kamen.

Montag vergangener Woche nahm die Polizei den Amateurboxer Onur U. direkt nach der Landung in Berlin-Tegel fest, brachte ihn in Untersuchungshaft. Sechs Monate hatte sich der Doppelpass-Inhaber in der Türkei aufgehalten und sich geweigert, zurückzukehren oder etwas zur Aufklärung jener Nacht vom 14. Oktober beizutragen. Während Berlins Polizei ihn suchte, gab er in der Türkei sogar ein Interview.

Inzwischen ist klar, dass er die deutsche Staatsbürgerschaft abgelegt hat. Vor wenigen Tagen reagierte erstmals die türkische Justiz: Sie eröffnete ein Ermittlungsverfahren. Vorausgegangen war eine Intervention durch Kanzlerin Angela Merkel. Sie soll den Fall bei den jüngsten deutsch-türkischen Regierungskonsultationen im März angesprochen haben.

Die türkischen Behörden haben jedenfalls kein großes Interesse daran, den Fall selbst zu verhandeln, wie Berlins Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) sagte. Sie ließen die deutschen Ermittler nicht nur über die etwaige türkische Staatsangehörigkeit im Unklaren, sondern Onur U. auch ungeachtet eines internationalen Haftbefehls ausreisen. Allein die mögliche Aussicht auf einen Aufenthalt in türkischer U-Haft veranlasste den Gesuchten jetzt zum Einlenken, denn die Türkei ermittelt wegen vorsätzlichen Mordes. Jugendstrafrecht kommt dabei nicht zur Anwendung.

In Deutschland liegt gegen Onur U. hingegen Anklage wegen Körperverletzung mit Todesfolge (Az. 234 Js 553/12) beim Berliner Landgericht vor. Auch die anderen fünf mutmaßlichen Täter sind nach insgesamt sechs Monaten ermittelt. Zwei der Männer im Alter zwischen 19 und 21 Jahren steht ein Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung bevor. Zwei weitere müssen sich offiziell wegen Körperverletzung mit Todesfolge verantworten. Eine Anklage wegen Mordes oder Totschlags lehnte die Staatsanwaltschaft in diesen Fällen ab: Ein Tötungsvorsatz habe sich nicht bestätigt.

Die drei Verdächtigen Osman A., Melih Y. und Hüseyin I. sitzen in U-Haft. Sie belasten sich gegenseitig. Ein vierter mutmaßlicher Schläger, der Lehrling Memet E. (19), ist weiter auf freiem Fuß. Der fünfte Verdächtige stellte sich im März: Bilal K. kehrte nur vier Tage nach der hiesigen Anklageerhebung aus der Türkei nach Deutschland zurück. Er schuf damit eine Voraussetzung für eine etwaige Strafmilderung. Die ist für ihn besonders wichtig, da er als einziger Angeklagter nicht nach dem deutschen Jugendstrafrecht beurteilt wird.

Staatsanwaltschaft und Gericht wollen, dass die Verfahren gegen die fünf mit dem gegen Onur U. zu einem Prozess zusammengelegt werden. Sowohl die Hinterbliebenen von Jonny K. als auch die Anwälte der mutmaßlichen Täter begrüßen die Entscheidung.

Doch selbst ein schneller Start und die von Onur U. angekündigte Bereitschaft auszusagen, lassen nur bedingt Rückschlüsse auf die Chancen einer Verurteilung zu. Zwar belasten alle fünf bisher Verhafteten Onur U., doch dies mag auch dessen langer Flucht geschuldet sein. Welcher der Angeklagten der eigentliche Haupttäter ist, bleibt daher weiter strittig. Bisher galt die Attacke von Onur U. den Medien als ausschlaggebend, Bilal K. ebenfalls als Schlüsselfigur. Wer jedoch letztlich den tödlichen Schlag führte, ist alles andere als bewiesen: Bilder aus Überwachungskameras brachten die Ermittler zwar auf die Spur der Täter, lassen aber keine Zuordnung der entscheidenden Gewalteinwirkung zu.

Viel hängt daher von der Aussage des Hauptbelastungszeugen Gerhardt C. (29) ab. Er hat zwar die Schläger gesehen, denn er war mit Jonny K. in jener Nacht unterwegs. C. bekam aber wie ein weiterer Zeuge kaum etwas vom Moment der unmittelbaren Gewalt mit. Mit dem sechsmonatigen Abstand zur Tat wird das Gericht es schwer haben, solche Aussagen gebührend zu würdigen, auch das liegt im Kalkül der Täter.

Nun gilt es, Aussagen Beteiligter in den Medien vor Prozessbeginn zu unterbinden, denn nur so kann das Gericht noch Unvoreingenommene befragen. Onur U. jedenfalls macht keine Aussage. Immerhin würde ein gemeinsames Verfahren den Mitangeklagten das Reden erleichtern, da sie sich nicht mit Blick auf andere Prozesse belasten können. Harte Urteile sind aber in keinem Fall zu erwarten: Als Höchststrafe drohen Onur U. rund zehn Jahre Haft. Sverre Gutschmidt


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