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04.05.13 / Netzausbau nur vorgeschoben? / Telekom will Internetgeschwindkeit für Normalkunden drosseln, da Flatrates die Kosten nicht überall decken

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 18-13 vom 04. Mai 2013

Netzausbau nur vorgeschoben?
Telekom will Internetgeschwindkeit für Normalkunden drosseln, da Flatrates die Kosten nicht überall decken

Die Telekom will die Datenmengen bei der Nutzung des Internets für ihre DSL-Kunden begrenzen. Die Botschaft lautet: Wer viel will, soll mehr zahlen. Was nach einem Problem für Intensivnutzer klingt, ist ein Kampf um die Netzwerke der nächsten Generation. Dessen Ausgang beeinflusst die Mediennutzung von immer mehr Menschen.

War vor zehn Jahren rund die Hälfte aller Deutschen ab 14 Jahren im Internet, nutzen es 2013 fast 77 Prozent. Konzerne suchen daher nach profitablen Ideen für das Netz der Zukunft, dem Bürger bald ihre Steuerdaten ebenso anvertrauen wie Bankgeschäfte oder Mediengewohnheiten. Internet-Nutzer sehen jetzt aber die Freiheit der Information in Gefahr, denn die Telekom kündigte vergangene Woche Obergrenzen für den Datenverkehr ihrer Internetkunden an. „Angesichts des rasanten Datenwachstums stellt die Telekom die Tarifstruktur für Internetanschlüsse im Festnetz um“, so eine Pressemitteilung. Die Internetbandbreite wird demnach auf 384 Kilobits pro Sekunde begrenzt. Wer eine monatliche feste Rate bucht oder schon gebucht hat, muss künftig für intensivere Datennutzung extra zahlen. Die bei Kunden zunehmend beliebte Nutzung des Netzes als Radio oder Fernseher wird so teurer. Gut 3,5 Millionen Deutsche greifen bereits auf solche kostenpflichtigen sogenannten Streaming-Dienste zurück, um datenaufwendig Musik und Filme aus einem Rechnernetz in Echtzeit zu empfangen und sofort wiederzugeben. Bei den unter 30-Jährigen sind es gar 58 Prozent.

Die Telekom rechtfertigt sich so: „Wir wollen den Kunden auch in Zukunft das beste Netz bieten und dafür investieren wir weiterhin Milliarden. Immer höhere Bandbreiten lassen sich aber nicht mit immer niedrigeren Preisen finanzieren.“ Eine nun angekündigte Bandbreiten-Drosselung, die hohe Datenmengen für Standardkunden abwürgt, soll ab 2016 zum Einsatz kommen. Der Weg dorthin wird schon jetzt mit Klauseln in Neuverträgen geebnet, die den „Kunden mit sehr hohem Datenaufkommen in Zukunft mehr berechnen“. Als Argument gilt der Netzausbau. Eine landesweite flächendeckende Glasfaserverkabelung koste 80 Milliarden Euro, sagt die Bonner Zentrale. Außerdem verbrauche ein Kunde durchschnittlich nur 15 bis 20 Gigabyte (GB). Die einfachste Angebotskategorie soll künftig bis 75 GB reichen, also genug Luft nach oben, so der Tenor, denn das sei genug für zehn Filme und 60 Stunden Netzradio sowie 400 Fotos und 16 Stunden Spielspaß im Netz jeden Monat. Alles darüber wird abgestuft teurer.

Tatsächlich sind neue Gebühren verlockend für klassische Telefon- und Netzanbieter, da sie mit Anschlüssen nicht mehr viel verdienen. Sie wollen wieder den Kurs am Markt vorgeben und werden vermehrt eigene Inhalte und neue Gebühren einsetzen. Ein Erfolg dieser Strategie führt unweigerlich zu Einschränkungen für die vielen Dienstleister, die mit geringsten Investitionen Geld im Netz abschöpfen, ohne etwas zu seinem Ausbau beizutragen.

Die „Kostenlos-Kultur“ ist in Gefahr, wenn die Telekom eigene Inhalte oder die von Partnern bevorzugt. Das macht die Branche nervös, denn die Frage ist, wer zum Premiumbereich gehören wird. Simon Kissel, Geschäftsführer des Router-Herstellers Viprinet kritisiert: „Weitestgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit versucht die Deutsche Telekom unter massivem Lobbyeinsatz seit einigen Monaten, im deutschen Breitbandmarkt die Uhr zurückzudrehen, um eine Monopolposition wie zu Zeiten der Bundespost wiederzuerlangen.“ Kritiker halten der Telekom vor, in Deutschland sei das technische Rückgrat des Netzes breit genug und Überkapazitäten reichlich vorhanden, Investitionen somit nicht ausschlaggebend. Vielmehr gehe es um die Netzneutralität.

Dieses Prinzip unterschiedslosen Transports von Daten wird allen Beteuerungen zum Trotz aber kaum mehr gelten, wenn die Telekom zwischen Kunden verschiedener Qualität unterscheidet. Manche wähnen hier den grundlegenden Einstieg in den Umbau des Netzes. Die Telekom und andere Anbieter könnten sich auf Kosten der Verbraucher zu weit vielfältigeren Dienstleistern entwickeln, eigene Netzdienste nicht nur anbieten, sondern künftig gezielt bevorzugen und damit auch Inhalte vorgeben. Ein Konzernsprecher räumt diesen Verdacht zumindest nicht aus: „,Entertain‘ ist ein unterschiedlicher Datenstrom auf der gleichen Leitung und deshalb ein ,managed service‘ und kein regulärer Internetverkehr“, kurzum: Unterhaltung in Qualität kostet extra. Gerade aber über diese geleiteten Dienste („managed service“) besteht die Möglichkeit, als Träger Kontrolle auszuüben, und sei es auch nur als Nebenprodukt. Sverre Gutschmidt


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