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04.05.13 / Der Glaube als Kompass / Der Kirchentag sollte nach dem Zweiten Weltkrieg Orientierung bieten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 18-13 vom 04. Mai 2013

Der Glaube als Kompass
Der Kirchentag sollte nach dem Zweiten Weltkrieg Orientierung bieten

Die Augen leuchten, wenn heute Altgewordene von den Kirchentagen in den 1950er Jahren erzählen. Nach den unheilvollen Kriegsjahren stiegen die Teilnehmerzahlen bei den Schlussgottesdiensten von 35000 (1949) auf über 600000 (1954 und 1956) an. Die Zahl der Dauerteilnehmer lag in diesen Jahren zwar bei den heutigen Größenordnungen, aber evangelische Christen empfanden die Kirchentage ab 1949 als Fest, wo ein fast unüberschaubares Menschenmeer bei Gottesdiensten zusammenkam.

Hauptverantwortlich für den Wiederbeginn der Kirchentage nach dem Krieg war Reinold von Thadden-Trieglaff, der sich ab 1933 von den regierungshörigen „Deutschen Christen“ distanziert und sich dem kirchlichen Widerstand im Bruderrat der evangelischen Kirche der Altpreußischen Union angeschlossen hatte, was damals einem lebensgefährlichen Unterfangen glich; seine Schwester Elisabeth von Thadden (1890–1944) wurde als Widerstandskämpferin hingerichtet.

Diese leidvollen Erfahrungen bilden die Hintergrundfolie für den Aufruf zum ersten Kirchentag von 1949, den von Thadden persönlich formulierte. Nach der vernichtenden Niederlage des Krieges stand dieser noch ganz unter dem Eindruck der erlebten Zerstörungen: die „volkskirchliche Welt“ sei vergangen, in der Seele der Menschen ein „großes Vakuum“ entstanden. Der Gründer forderte „inmitten einer gottfremden Welt“ zu Glaube und Engagement für den politischen Neubeginn im Zeichen des „Laienapostolates“ auf. Von der Kirche erwartete er „erneuernde, umgestaltende und heilende Kräfte“ für die aus „tausend Wunden blutende Menschheit“.

Einen gewissen Geburtsfehler der Kirchentage erkennen einige Kritiker der heutigen Entwicklung bereits in diesem Gründungsaufruf Thaddens, der von der zeitgeistkritischen Sicht der Bekennenden Kirche sich hin zu einem gutgemeinten Engagement für den Neuaufbau Deutschlands wandelte. Dies führte jedoch zu einer Politisierung des Kirchentages, wie er heute sichtbar ist und nicht im Sinne des Gründers war. Nach den großen Teilnehmerzahlen der 50er Jahre folgte der rapide Abbruch Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre, wo dann nur noch 18000 Evangelische zum Schlussgottesdienst zusammenkamen. Im Jahr 1973 trennten sich dann die evangelikalen, pietistischen und bekenntnistreuen Christen vom Kirchentag und gründeten den „Gemeindetag unter dem Wort“, weil für sie Glaube und Bibel kaum mehr eine Rolle spielten. Dass diese Entwicklung ausgerechnet unter der Präsidentschaft eines christdemokratischen Politikers, des späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, geschah, mag ein Zeichen für sich sein.

In den 80er Jahren entwickelte sich der Kirchentag dann zu einem Forum grüner und roter Politik. Die Besucherzahlen der Dauerteilnehmer erreichten wieder die Marke von 100000, aber nur noch eine Minderheit der evangelischen Christenheit fand sich in der linkslastigen und politisierten Atmosphäre des Kirchentages wieder. H.E.B.


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