26.01.2022

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04.05.13 / Nur eine Kopie der »Beutekunst« / Vor 100 Jahren wurde nahe Eberswalde der größte bronzezeitliche Goldschatz auf deutschem Boden gefunden

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 18-13 vom 04. Mai 2013

Nur eine Kopie der »Beutekunst«
Vor 100 Jahren wurde nahe Eberswalde der größte bronzezeitliche Goldschatz auf deutschem Boden gefunden

Vor 100 Jahren, am 16. Mai 1913, wurde bei Bauarbeiten in der Nähe von Eberswalde der größte bronzezeitliche Goldschatz auf preußischem und deutschem Boden gefunden. Die 81 kunstvoll gearbeiteten Stücke sind wichtige Belege aus der Frühgeschichte unseres Landes, befinden sich aber seit 1945 in russischer Hand. Und es ist auch nicht abzusehen, wann dieser Teil der „Beutekunst“ nach Deutschland zurückkehrt. Deshalb kann in Berlin nur eine Kopie des Schatzes gezeigt werden.

Im Jahre 1913 plante die Firma „Hirsch, Kupfer- und Messingwerke AG“, welche in Heegermühle unweit von Eberswalde ansässig war, verschiedene Um- und Neubauten. Die Leitung der Arbeiten lag dabei in der Verantwortung des bekannten Berliner Architekturbüros Mebes und Emmerich. Und dieses ließ schon vor der Erteilung der offiziellen Baugenehmigung für das erste Teilprojekt, ein Arbeiterwohnhaus, einige sondierende Schachtarbeiten durchführen – unter anderem an der Stelle, an welcher sich heute die Gebäude des Gustav-Hirsch-Platzes 1-3 im nunmehrigen Eberswalde-Finow befinden. Am Nachmittag des 16. Mai, einem Freitag, stieß einer der Arbeiter in etwa einem Meter Tiefe auf einen bauchigen Tontopf mit Deckel, der unter den Spatenstichen zur Seite kippte. Dabei kamen mehrere glänzende Gegenstände zum Vorschein, was zu dem Kommentar führte: „Da ham se wohl een ollen Pott mit Messing injebuddelt.“ Der gerade in der Nähe befindliche Polier Rhangnow ahnte hingegen sofort, dass es sich hier um etwas anderes als frühere Produktionsabfälle handelte und verständigte die Firmenleitung. Daraufhin nahm sich der in Berlin lebende deutsch-jüdische Seniorchef des Unternehmens, Aron Hirsch, der Angelegenheit an und benachrichtigte Carl Schuchhardt, der seit 1908 als Direktor der Abteilung für prähistorische Altertümer des Völkerkundemuseums der Hauptstadt fungierte.

Drei Tage später, am Montag, dem 19. Mai, begaben sich Hirsch und Schuchhardt gemeinsam zur Fundstelle, wo der Ur- und Frühgeschichtler acht aus Goldblech getriebene Schalen von sieben bis zwölf Zentimetern Durchmesser aus den Resten des Topfes barg. In diesen aufwendig verzierten Behältnissen wiederum befanden sich 73 weitere Gegenstände aus Gold: 60 zu Bündeln zusammengeschnürte Armspiralen, ein Goldbarren, eine Art Schmelztiegel, ein tordierter Halsring, Spangen und Bruchgold. Alles in allem wog der Schatz 2,59 Kilogramm, was ihn zum größten vorgeschichtlichen Goldfund auf deutschem Boden machte, denn die Objekte stammten zweifelsfrei aus der späten Bronzezeit (zirka 900 v. Chr.). Eine Untersuchung der Artefakte durch die königlich-preußische Münze ergab einen wechselnden Goldgehalt, der jedoch stets über 80 Prozent lag. Damit betrug bereits der reine Materialwert des Schatzes 20000 Mark. Ansonsten ist natürlich auch noch die hochkünstlerische Machart der meisten Gegenstände zu beachten sowie die finanziell überhaupt nicht zu beziffernde Seltenheit des Fundes. Aufgrund der Art und Weise der Zusammenstellung des Inhaltes des Tonbehältnisses wurde dabei lange Zeit angenommen, es handele sich hier um das Metalldepot eines bronzezeitlichen Händlers. Heute geht man dagegen davon aus, dass die Wertgegenstände aus dem Besitz einer sozial besonders hochstehenden Persönlichkeit stammen.

Aron Hirsch, der nach damaliger Rechtslage als Grundstücksbesitzer zur Hälfte Eigentümer des einzigartigen Fundes war, zahlte die beteiligten Arbeiter, denen die andere Hälfte zustand, mit 10000 Mark aus, wobei der aufmerksame Polier Rhangnow alleine schon 6000 Mark erhielt. Danach überreichte Hirsch den Schatz komplett an Kaiser Wilhelm II. „zur freien Verfügung“. Der Monarch seinerseits übergab sämtliche Stücke im Dezember 1913 an Schuchhardt zur wissenschaftlichen Bearbeitung, Publikation und Verwahrung im Völkerkundemuseum Berlin. 1919 gingen die Eigentumsrechte dann an den preußischen Staat über, nachdem der Philanthrop Hirsch auch diesem Wechsel zugestimmt hatte. Am Verbleib in der vorgeschichtlichen Abteilung des Berliner Museums änderte das jedoch nichts: Die Artefakte lagerten dort nun genauso weiter wie der legendäre Schatz des Priamos und andere spektakuläre Funde deutscher Archäologen.

Nach der Besetzung der Reichshauptstadt durch die Rote Armee verschwanden die bronzezeitlichen Kleinode dann allerdings umgehend und gelangten bis Ende Juni 1945 auf verschlungenen Wegen nach Moskau, wo sie schließlich im Puschkin-Museum verblieben. Aufgrund der Illegalität dieses „Transfers“ wurde die Aktion von sowjetischer Seite jahrzehntelang vehement abgestritten – genau wie der Raub des Schliemannschen Goldschatzes. Daran änderte sich auch unter dem hochgejubelten Michail Gorbatschow nichts; erst der sehr viel weniger gefeierte Boris Jelzin brachte etwas Licht in die Angelegenheit, indem er zumindest den Besitz des Schatzes des Priamos einräumte. Daraufhin schlug die Stunde von Anna Sadovnikova, einer Reporterin von Spiegel TV. Diese machte nach Monaten der Suche auch den verschollenen Goldschatz von Eberswalde in einem Geheimdepot des Puschkin-Museums ausfindig.

Natürlich verweigerten die Moskauer Behörden die von der Bundesrepublik geforderte Rück-gabe der einzigartigen Stücke aus der Vorzeit, denn die russische Staatsduma hatte ja die sogenannte „Beutekunst“ aus Deutschland in einem Beschluss vom Februar 1997 zum ständigen Eigentum der Siegermacht des Zweiten Weltkrieges erklärt – und ignorierte damit jedes diesbezügliche internationale Recht. Dieser staatlich legitimierte Kulturgutraub hindert das Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte, dem nur noch das nackte Tonbehältnis des Hortfundes verblieben war, allerdings nicht daran, mit den russischen Museen zu kooperieren, die für Mitte 2013 eine große Gemeinschaftsausstellung unter dem Motto „Bronzezeit – Europa ohne Grenzen“ planen.

Während dieser Exposition soll der Goldschatz von Eberswalde erstmals seit 1945 wieder öffentlich präsentiert werden, und Berlin will das Tongefäß beisteuern, um das komplette Fundbild sichtbar zu machen. Das ist ein erhebliches Entgegenkommen, wenn man den Umstand bedenkt, dass die Artefakte nur in der Eremitage in Sankt Petersburg und dem Puschkin-Museum in Moskau betrachtet werden können, also nicht nach Deutschland kommen. Dem steht nämlich ein höchst veritables Hindernis entgegen: Befände sich der Schatz wieder auf dem Boden der Bundesrepublik, könnten die Behörden unseres Staates ihn nach geltendem Recht beschlagnahmen und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zuführen. Wolfgang Kaufmann


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