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04.05.13 / Gerechtigkeit für die Toten / Einstige DDR-Gefangene sucht nach Tätern und Antworten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 18-13 vom 04. Mai 2013

Gerechtigkeit für die Toten
Einstige DDR-Gefangene sucht nach Tätern und Antworten

Auch in ihrem dritten Buch beschäftigt sich die Kölner Journalistin Ellen Thiemann wieder mit dem Frauenzuchthaus Hoheneck in Stollberg/Erzgebirge (Sachsen). Hier rächten sich die Systemträger der DDR an den weggesperrten Republikflüchtlingen und allen sogenannten Staatsverbrechern – mit dieser Bezeichnung wurden politische Häftlinge stigmatisiert – auf wahrhaft diabolische Weise.

Die 1937 in Dresden geborene Journalistin war von 1973 bis 1975 selbst wegen versuchter Republikflucht in dem zur Frauenhaftanstalt umfunktionierten Schloss Hoheneck inhaftiert. Wie die meisten früheren Insassen kämpft sie immer noch mit den Folgen des brutalen Psychoterrors und anderer Arten von Folter, der sie ausgesetzt war. Dazu gehörte auch die Zusammenlegung der „Politischen“ mit Gewalttäterinnen und Mörderinnen.

„Wo sind die Toten von Hoheneck? Neue Enthüllungen über das berüchtigte Frauenzuchthaus der DDR“ lautet der Titel ihres engagierten, aufrüttelnden Buches. Erneut wird die sächsische Staatsanwaltschaft einige der von Thiemann vorgebrachten Bezichtigungen und Darstellungen zu prüfen haben. Zwar sind die meisten bisher aufgedeckten Verbrechen bereits verjährt, doch manches ist tatsächlich erst im Ansatz bekannt. Es müssten alle Geschehnisse in Hoheneck aufgearbeitet werden, auch wenn das eine Sisyphusarbeit für die Wissenschaftler (Historiker, Medizin-Experten, Statistiker) bedeuten würde; diesen Appell richtet die Autorin an die Zivilgesellschaft. Vorrangig wichtig sei die Aufklärung von Selbstmorden und aller Fälle von ärztlicher Mittäterschaft. Desgleichen beklagt die Autorin, dass einige der ehemaligen Aufseherinnen von Hoheneck ebenso wie viele einstige Systemträger, Stasi-Mitarbeiter und Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit (IM) mittlerweile dreist und aggressiv aufträten, zum Beispiel: früher „Hoheneck-Wachtel“, heute Personalrat der sächsischen Justiz im Beamtenstatus.

Gewidmet ist das Buch „Allen tapferen und mutigen Frauen von Hoheneck, die in den Jahren von 1945 bis 1989 dort gequält, diskriminiert, in den Selbstmord getrieben wurden oder anderweitig zu Tode gekommen sind. Aber auch an die Kinder und Jugendlichen sei erinnert, die durch die Inhaftierung ihrer Eltern in DDR-Kinderheime gesteckt oder zwangsadoptiert wurden.“ Das Geleitwort kommt vom Präsidenten des Deutschen Bundestages, Norbert Lammert, der zu bedenken gibt, dass mehr als 20 Jahre nach der friedlichen Revolution in der DDR bei vielen Deutschen, vor allem bei denen, die nach 1989 geboren wurden, das Bewusstsein dafür schwinde, dass die DDR ihre Bevölkerung unterdrückt hat.

Ellen Thiemann wurde in mehrfacher Hinsicht zum Opfer der skrupellosen Machenschaften im SED-Staat. Nach ihrer Verhaftung im Dezember 1972, als das gemeinsame Fluchtvorhaben mit ihrem Mann und ihrem zwölfjährigen Sohn aufgeflogen war, blieb sie in den Verhören standhaft, um ihren Mann zu schützen. Ende Mai 1975 wurde sie entlassen und konnte mit ihrem 14-jährigen Sohn in den Westen ausreisen, während ihr Mann, ein Sportreporter, in der DDR zurückblieb. Erst 1999 kam heraus, dass Klaus Thiemann sich um seiner Karriere willen seinerzeit längst von seiner Familie gelöst hatte. In den Folgejahren bespitzelte er als IM Sportler, Kollegen und Freunde.

Was seinerzeit niemand wusste: In Hoheneck gab es IM-Personal selbst unter den politischen Häftlingen. „Als Einzelperson Tabus und unliebsame Zusammenhänge erforschen zu wollen, ist ein äußerst schwieriges Unterfangen. Es gab so gut wie keine Kooperation“, gibt sie zu bedenken und verurteilt die Methode der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU), Klarnamen in den Akten zu schwärzen, wodurch es den Opfern der SED- und Stasi-Diktatur massiv erschwert wird, einstige Feinde und Verräter aus dem eigenen Umfeld zu erkennen. Dagmar Jestrzemski

Ellen Thiemann: „Wo sind die Toten von Hoheneck? Neue Enthüllungen über das berüchtigte Frauenzuchthaus der DDR“, Herbig Verlag, München 2013, geb., 217 Seiten, 19,99 Euro


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