15.04.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
11.05.13 / Mehr als nur der Status quo ante / Die Prussia-Sammlung soll nicht nur rekonstruiert werden – Projektvorstellung in Berlin

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 19-13 vom 11. Mai 2013

Mehr als nur der Status quo ante
Die Prussia-Sammlung soll nicht nur rekonstruiert werden – Projektvorstellung in Berlin

Ostpreußen sei, archäologisch gesehen, eine überaus attraktive Region, ja, das Samland zwischen Frischem und Kurischem Haff sei bis heute „eine der fundreichsten Landschaften Europas“. Wenn das mit dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Hermann Parzinger einer der renommiertesten deutschen Archäologen sagt, muss es wohl stimmen. Parzinger zeigte sich jedenfalls hochgemut auf einer Pressekonferenz im Neuen Museum zu Berlin, auf der ein international besetztes Forschungsprojekt vorgestellt wurde, mit dem die bisherigen archäologischen Archivalien Ostpreußens, soweit sie den Krieg überstanden haben, sowie Ergebnisse neuerer Grabungen erschlossen und für die Forschung zugänglich gemacht werden sollen.

Grundlage bilden die erhaltenen Archiv- und Sammlungsbestände des einst berühmten, vor 1945 im Königsberger Schloss beheimateten Prussia-Museums. Die im Jahr 1844 gegründete „Altertumsgesellschaft Prussia“, entstanden aus der damals überall anzutreffenden Begeisterung für die deutsche Vor- und Frühgeschichte, hatte ab 1881 im Schloss am Pregel eine erste kleine Schausammlung eingerichtet, die sich im Laufe der Jahre zu einer mehrere Hunderttausend Objekte umfassenden Sammlung mit Funden aus der Stein-, Bronze- und Eisenzeit im ostpreußisch-baltischen Raum entwickelte.

Wie so vieles wurde auch diese einzigartige Sammlung im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. Ein kleiner Teil wurde ab 1943 nach Carlshof [Karolewo], Kreis Rastenburg ausgelagert und befindet sich heute im Museum für Ermland und Masuren in Allenstein. Ein weiterer kleinerer Teil kam kurz vor Kriegende in das Fort Quednau am Stadtrand von Königsberg, das von sowjetischen Militärs besetzt war; erst nach 1990 wurde in wahrer Detektivarbeit russischer Archäologen dieser vom Verfall bedrohte Bestand wiedergefunden und gerettet. Die meisten Gegenstände aber gelangten ins vorpommersche Demmin in ein Gutshaus, wo sie dem Verfall preisgegeben waren. Was 1949 noch vorhanden war, wurde an die Akademie der Wissenschaften der DDR geschickt, die diese Bestände – vermutlich aus politischen Gründen – streng verwahrt in ihren Kellern am Gendarmenmarkt lagerte, wo Fäulnis und Wassereinbruch weitere schwere Schäden anrichteten. Bis 1994 wurden dann diese im wahrsten Sinne des Wortes vergammelten Bestände – Mitarbeiter der Akademie sollen abschätzig von dem „Gelumpe im Keller“ gesprochen haben – an das Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz übergeben, wo sie seitdem fachgerecht untergebracht sind und nach und nach erschlossen werden.

Die lange Odyssee und Teilung soll nun aber ein Ende haben. Das von Parzinger vorgestellte Projekt sieht vor, dass alle Bestände, ob in der Republik Polen, in Königsberg oder in Berlin, nach gleichen Kriterien erfasst, soweit möglich restauriert und dann sowohl für die Forschung als auch für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die etwas umständliche Finanzierung erfolgt im Rahmen des Akademienprogramms der acht deutschen Wissenschaftsakademien über die Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Neben dem Berliner Museum ist das Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie in Schleswig beteiligt. Dem wissenschaftlichen Beirat gehören Archäologen aus Moskau, Warschau und den drei baltischen Staaten an. Die Laufzeit des Vorhabens beträgt 18 Jahre, also ein typisches Langzeitprojekt wie die meisten Akademieprojekte.

Animiert werden die Wissenschaftler, wie Parzinger und seine Kollegen aus den Nachbarstaaten sagten, immer wieder durch die erstaunlich reichen Funde, auf die man bis heute stoße. Die südliche Ostseeküste war in der Vorzeit keineswegs ein abgelegener Küstenstrich, sondern ein Handelszentrum zwischen Nord- und Südeuropa. Die Fernbeziehungen reichten bis weit in die Mittelmeerländer. In Gräbern wurden Devotionalien und Schmuck mit hethitischem Einfluss gefunden, und umgekehrt war der an der Ostsee reichlich vorhandene Bernstein ein überaus begehrtes Gut in Südeuropa, wofür der römische Autor Plinius d. J. als Zeuge steht, der sich ärgerte, dass ein Stück Bernstein „mehr wert ist als ein Sklave“.

Der Fahrplan sieht vor, dass neben der archivalischen Erfassung und wissenschaftlichen Bewertung in etwa einem Jahr ein digitales Archiv arbeitsfähig ist, mithin der Öffentlichkeit zur Verfügung steht. In seinem Konzept als grenzüberschreitendes Projekt steht diese „Siedlungsarchäologische Grundlagenforschung zur Eisenzeit im Baltikum“, so der Projekttitel, mit seinem Bezug auf Ostpreußen derzeit ziemlich einzigartig da. Gewissermaßen ist es eine Wiedergewinnung der Geschichte Ostpreußens mit heutigen wissenschaftlichen Methoden. Dirk Klose

Nähere Informationen im Internet unter www.prussia-museum.eu/


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabobestellen Registrieren