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11.05.13 / Und am Abend kam das Schimmelchen / Eine Kindheitserinnerung zum Muttertag

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 19-13 vom 11. Mai 2013

Und am Abend kam das Schimmelchen
Eine Kindheitserinnerung zum Muttertag

Immer ist sie da, am Tag wie im Traum. Sie ist abrufbar zu jeder Zeit, wenn es eine Frage gibt, für die man keine Lösung zu finden glaubt. Da denkt man – und manchmal sagt man es auch: „Muttchen, was würdest du jetzt tun?“ Auch wenn man selber schon längst Mutter und sogar Großmutter geworden ist: In der Erinnerung ist und bleibt man Kind und versucht, ihr Wissen und Können, ihre Erfahrung und ihre Hilfsbereitschaft aus der Vergangenheit zu holen und in das reale Leben zu transferieren. Und manchmal hilft es sogar, das Problem zu lösen, weil man es nicht mehr durch die eigene Brille, sondern mit ihren Augen betrachtet. Vielleicht war sie eine Übermutter, wie ich sie oft empfunden habe, wenn mir in jungen Jahren manchmal ihre Dominanz zu mächtig wurde. Heute weiß ich, dass sie dazu gute Gründe hatte, denn wenn sie in der heutigen Zeit gelebt hätte, wäre mit Sicherheit ihr Lebensweg anders verlaufen. Sie, das Landkind, hatte „in die Stadt“ geheiratet, die Sehnsucht blieb: nach dem alten Haus unter den Eichen in Schöckstupönen, das so viel Geborgenheit vermittelte, nach der Weite der grünen Ebene, nach ihren geliebten Tieren, nach allem, was wächst, grünt und blüht. Als junges Mädchen hatte sie davon geträumt, Ärztin zu werden. Das Studium in der Schweiz hätte ihr ein kinderloser Patenonkel ermöglicht, aber ihr Vater war dagegen: „Marjellen studieren nicht!“ Später wollte sie Hebamme werden, aber als Frau eines preußischen Beamten war es damals vor dem Ersten Weltkrieg nicht opportun, einen Beruf auszuüben. So übertrug sie ihre Sehnsüchte, ihre Wünsche, ihren Wissensdurst auf die Kinder. Der Sohn wurde Arzt, auch die Töchter sollten Menschen werden, die sich mit den von ihnen gewählten Berufen selber ihr Leben gestalteten. Ohne sie hätte ich nicht bereits mit 17 Jahren meine ersten Gedichte veröffentlicht, ohne sie wäre ich nie Schriftstellerin geworden. Ohne sie würde ich wahrscheinlich heute im Alter von 97 Jahren nicht diese Zeilen schreiben. Dass ich, das jüngste von fünf Kindern, die sie geboren hatte, mit ihr besonders eng verbunden war, hatte viele Gründe. Ich war mitten im Ersten Weltkrieg an einem bitterkalten Februarsonntag in einer Mietwohnung zur Welt gekommen – als Frühchen, nicht einmal drei Pfund leicht, niemand gab mir Überlebenschancen – nur meine Mutter. „Die bleibt leben“, sagte sie, als mein Vater ihr den Winzling reichte, der gerade auf seiner Hand Platz hatte. Und ich blieb leben, ohne Brutkasten, ohne künstliche Ernährung – dafür stillte sie mich fast drei Jahre lang, denn sie hatte reichlich Nahrung, auch in der Hungerzeit nach Kriegsende. Als sie begann, mir ihre Märchen zu erzählen – uralte seltsame Geschichten, von Generation zu Generation weitergegeben – bauten wir uns eine eigene Wunderwelt auf der Ofenbank, die sie sich auch in der engen Stadtwohnung ertrotzt hatte. Und dann wurde ich jäh aus dieser warmen Geborgenheit gerissen durch ein Ereignis, das ich bis heute nicht vergessen habe, obgleich ich damals erst vier Jahre alt war. Es begann damit, dass meine Mutter am Morgen nicht aufstand, sondern im Bett blieb. Das fand ich wundervoll und wollte zu ihr unter die Bettdecke schlüpfen, aber das wurde mir verwehrt. „Muttchen ist krank“, sagte man mir, „du bleibst im Wohnzimmer und bist ganz still.“ Alles war still in der großen Wohnung, unheimlich still. Ein Wort, das unser Hausarzt Dr. Rosenstock sagte, als er aus dem Schlafzimmer kam, prägte sich bei mir ein: Wanderrose! Ich sang beim Spielen vor mich, denn eine Rose war doch eine schöne Blume, und die blühte nun für meine Mutter. Heimlich schlich ich mich in das Schlafzimmer und setzte mich ganz still auf das Ende ihres großen Bettes. Sie erzählte viel, sah mich aber nicht an und blickte unentwegt in die Ecke zwischen Kleiderschrank und Wand und sagte: „Gleich kommt es!“ Es schien, als ob sie ungeduldig auf etwas wartete. Vielleicht auf die wandernde Rose? Und dann lachte sie, ihre Hände schienen etwas Unsichtbares zu streicheln und sie flüsterte zärtlich „Mein Schimmelchen, mein Schimmelchen!“ Jeden Abend, wenn das Fieber stieg, begann sie zu phantasieren, dann glaubte sie den warmen Pferde­atem zu verspüren, streichelte das schnobernde Schimmelchen, das ich nie sah. Ich wollte es aber auch „puscheien“ und hockte mich auf den Bettrand, wenn ich meinen Geschwistern, die mich bewachten, entkommen war. Schließlich brachte man mich zu Onkel Max und Tante Martha, die in der belebten Kaiserstraße wohnten. Da gab es eine zwei Jahre ältere Cousine, gut zu essen und viel zu sehen – aber als ich nach drei Tagen noch immer jede Nahrung verweigerte und die Nächte durchweinte, holte man mich heim. Und man ließ mich sogar zu Muttchen in das Schlafzimmer. Ich hockte mich wieder auf das Fußende ihres Bettes und sagte keinen Ton. Muttchen auch, aber sie atmete nicht mehr so schnell und ihre Hände lagen still auf der Bettdecke. Als es dunkel wurde, wachte sie auf, blickte aber nicht zum Kleiderschrank. Warum kam denn das Schimmelchen nicht, ich wollte es doch endlich sehen? Ganz langsam rutschte ich die Bettkante entlang und legte meinen Kopf auf ihr Kissen. Ihr Gesicht glühte nicht mehr. „Wann kommt denn das Schimmelchen?“, fragte ich ganz vorsichtig. Meine Mutter sah mich erstaunt an und fragte: „Welches Schimmelchen?“ R.G.


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