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11.05.13 / Idealisierte Erinnerung / Der SPD-Politiker Egon Bahr über die Höhepunkte seines politischen Lebens

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 19-13 vom 11. Mai 2013

Idealisierte Erinnerung
Der SPD-Politiker Egon Bahr über die Höhepunkte seines politischen Lebens

In seinem neuen Buch „Erinnerungen an Willy Brandt“ schildert Egon Bahr dessen frühe Überzeugung, die SPD sei „die einzige Partei, die die Einheit wirklich will“. Auf seiner ersten Rede vor deren Delegierten betonte er, während unserer Teilung „sind wir keine Nation. Auf die Nation zu verzichten, würde Aufgabe der Wiedervereinigung bedeuten. Es wäre Selbstmord unseres Volkes und würde zum Verrat.“ Hehre Worte, die später indes im Gegensatz zu Brandts Politik standen. Als er Regierender Bürgermeister Berlins wurde, ernannte er Bahr zum Pressechef und im Mai 1961 zum Berater. Auf der Nato-Frühjahrskonferenz wurde schon nicht mehr vom Viermächte-Status Berlins, sondern lediglich von „der Lebensfähigkeit der drei Westsektoren“ gesprochen. Bald erfolgte dann auch der Bau der Mauer. Im Juli 1963 verkündete Bahr die neue Ost-Politik „Wandel durch Annäherung“. Als Kanzler gab Brandt mit Unterstützung Bahrs den Gedanken vom Deutschland in den Grenzen von 1937 mit dem Argument auf, der Krieg könne „nicht mit juristischen Formeln nachträglich gewonnen werden“.

Recht aufschlussreich sind die Seiten über den geheimen Draht zwischen Bahr und der Kremlführung, es sei für ihn „der schwierigste und unangenehmste Monolog seines Lebens“ gewesen, bevor es mit dem russischen Ministerpräsidenten Alexei Kossygin zu einem Gespräch über einen Gewaltverzicht kam. Bahrs Behauptung indes, der Zerfall der UdSSR sei „im Westen nicht erkannt“ worden und gehöre zu den „Auswirkungen der Entspannungspolitik“, ist zu widersprechen: Er wurde sehr früh von der CIA erkannt, die Ursache lag allein in ihrer Wirtschaftsmisere, die auch Bahr nicht verborgen blieb. Unwahr ist auch Bahrs Aussage, bei der Einstellung von Brandts Referenten Günter Guillaume hätten Anfragen bei den Sicherheitsstellen „nichts Negatives“ ergeben: Der Bundesnachrichtendienst hatte sehr wohl gewarnt. Richtig ist hingegen Bahrs Aussage, die spätere Verhaftung des Stasi-Spions Guillaume sei nicht der Grund für Brandts Rücktritt 1974 gewesen. Der Schwung seiner Ost-politik war vorbei, Brandt selber längst müde geworden. Hinzukommt das geradezu feindselige Verhältnis zu SPD-Bundestagsfraktionschef Herbert Wehner; der Autor spricht dabei von dessen „Gemeinheit und Heuchelei“.

Im Gegensatz zu seinen oft breiten Darstellungen wird das „Gemeinsame Papier von SPD und SED“ von 1987 von Bahr nur mit einem Satz gestreift, es sei geprägt von der Grundorientierung, „das das übergeordnete Interesse an der Erhaltung des Friedens feststellte“. Dass es nach der Kritik der Bundestagspräsidentin Annemarie Renger „der Abschied von der Hoffnung auf die künftige Einheit“ und „die Anerkennung der Daseinsberechtigung des kommunistischen Systems in der DDR“ war, verschweigt Bahr. Vergeblich sucht man ebenso nach Bahrs vielen Äußerungen gegen die Wiedervereinigung – selbst nach dem Mauerfall. Er setzte bis Ende 1989 immer noch auf die Kontakte mit der SED-Diktatur. F.-W. Schlomann

Egon Bahr: „Erinnerungen an Willy Brandt“, Propyläen, Berlin 2013, gebunden, 220 Seiten, 19,99 Euro


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