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18.05.13 / Humor auf italienische Art / Die Commedia dell’Arte ist eine Frühform der heutigen Comedy – In Sanssouci amüsiert sie beim Barocken Theatersommer

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 20-13 vom 18. Mai 2013

Humor auf italienische Art
Die Commedia dell’Arte ist eine Frühform der heutigen Comedy – In Sanssouci amüsiert sie beim Barocken Theatersommer

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg präsentiert mit dem Ensemble „I confidenti“ den Barocken Theatersommer Sanssouci. Vom 18. Mai an darf im Neuen Palais und in der Orangerie mit den Commedia-dell-Arte-Figuren Arlecchino und Pagliaccio auf italienische Art gelacht werden.

Was hat FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß mit der Commedia dell’Arte zu tun? Schaut man sich die Figuren des italienischen Theaters aus dem 16. Jahrhundert genauer an, wird es deutlich. Da gibt es den Pantalone, einen reichen venezianischen Kaufmann. Streng stellt er sich nach außen als moralische Instanz dar und ist doch nur ein Heuchler, für den seine Parolen nicht gelten. Da tritt der Dottore auf. Ein Akademiker, der zur Prahlerei neigt, ohne wirklich etwas zu wissen.

Schnell erinnern wir uns an Personen des öffentlichen Lebens, die – wie Hoeneß – ihr Image nach allen Regeln des Marketings inszenieren und sich dabei nur mit fremden Federn schmücken. Die sich als furchtlose Helden darstellen, wie der Capitano im Stegreiftheater, in Wahrheit aber ausgemachte Feiglinge sind. Einige Berühmtheiten von heute ließen sich problemlos in eine Aufführung integrieren. Andere Thematiken sind überholt, da sich das Gesellschaftsgefüge komplett verändert hat. Die Alten sind heute nicht mehr im Vorteil wie noch zu Zeiten Carlo Goldonis (1707–1793), einer der bekanntesten Autoren dieses Genres. Die Jugend ist heute selbstbestimmter.

Jung Sein ist wie nie zuvor ein Wert an sich, der Erfahrung und Wissen der Alten hintanstellt. Die Kluft zwischen Arm und Reich vor etlichen hundert Jahren lässt sich mit unserer Gesellschaft nicht mehr vergleichen. Man kann die Stücke zusätzlich zu den charakterlichen Parallelen als Zeitdokument sehen. Da die Aufführungen jedoch vorrangig für die unteren sozialen Schichten gespielt wurden, ermöglichen sie uns einen Einblick in die lebensentscheidende Realität unserer Vorfahren.

Als Vater der Kunstform ist der Komödienschreiber Angelo Beolco (1496–1542), auch Ruzante genannt, zu sehen. Antike römische Dichter sowie der venezianische Karneval spielten in die Entstehung hinein. Am 25. Februar 1545 wurde in Padua der erste überlieferte Vertrag von acht Künstlern unterschrieben. Das Datum gilt als der eigentliche Beginn der Commedia dell’Arte, was sich frei als Berufsschauspielkunst übersetzten lässt. Nun zogen Wandertruppen durch die Lande, die von ihren Einkünften leben mussten.

Erstmals waren auch Frauen dabei, denen man vorher das Schauspielern verboten hatte. Der Alltag der kleinen Leute lieferte die Themen. Auf Jahrmärkten spielte man zur Belustigung des Volkes, aber auch an Höfen. Moderat wurden die gesellschaftlichen Verhältnisse angeprangert. Natürlich nur so, dass den Künstlern im wahrsten Sinne des Wortes kein Strick daraus gedreht werden konnte. Einen feststehenden Text gab es nicht. Maskenspiel, festgelegte Dramaturgie, Improvisation und spezielle Figuren charakterisierten das Theaterspiel. Es sind somit keine Stücke überliefert, jedoch Szenen und Improvisationsabläufe.

Charakteristisch sind die Figuren. Jede mit spezieller Kleidung, Maske und Gestik ausgestattet. Traditionell standen sich im Spiel die „Zanni“ und „Vecchi“ gegen­über. Erstere sind Bedienstete aus unteren sozialen Schichten. Mit ihnen konnte sich das Publikum am meisten identifizieren. Arlecchino, ein tollpatschiger Untergebener, der für viel Verwirrung sorgt, gehört hierher, ebenso die Dienerin Columbina. Der Dottore, Pantalone und andere vertreten die höheren Schichten und gehören zu den Alten („Vecchi“). Innerhalb festgelegter Szenarien konnten die Schauspieler völlig frei improvisieren.

Bei unseren Nachbarn in Italien liebt man die Figuren und weiß genau, um wen es sich handelt, wenn man jemanden als Dottore oder Capitano bezeichnet. Die wandernden Künstler stellten ihre Stücke fast in ganz Europa vor und haben die Theaterent­wicklung bis heute ganz entscheidend beeinflusst.

Die Commedia dell’Arte tat sich schwer damit, als zu Beginn des 17. Jahrhunderts Autoren versuchten, die Stücke in eine feste literarische Form zu bringen und den Improvisationsanteil zu reduzieren. Gänzlich verschwand diese Kunstform in den Wirren der Französischen Revolution.

Wiederbelebungsversuche starteten bei uns Max Reinhard und der italieni­sche Drama­tiker und No­belpreisträger Dario Fo. Es gab eine kurze Renaissance des vor Spiellust überbordenden Theaters Anfang des 20. Jahrhunderts. Aber keinesfalls vergleichbar mit den Erfolgen der einstigen Blütezeit.

David Matthäus Zurbuchen, Spezialist der Commedia dell’Arte, hat ein Stück ins Deutsche übersetzt. Der Schweizer ist in diesem Jahr in Potsdams Barockem Theatersommer als Regisseur tätig. Präsentiert wird „I casi della fame e dell’amore“, zu Deutsch etwa „Die Vorkommnisse von Hunger und Liebe“. Es erzählt von zwei armen Dienern, Arle­cchino und Brighella, die seit Tagen nichts gegessen haben. Das versuchen sie zu ändern, indem sie Colombina Lügengeschichten erzählen. Verwirrungen sind an der Tagesordnung.

Den Schauspielern zur Seite steht das Musiktheater „I confidenti“ aus Potsdam. Obwohl in der klassischen Form Musik eine untergeordnete Rolle spielte, wird das Stück auch von Barockmusik mit Theorbe, Violine, Drehleier und Fagott begleitet. Die den Blütezeiten Venedigs entlehnten Kostüme sind von der künstlerischen Leiterin Christine Jaschinsky entworfen worden.

„Hunger und Liebe“ in der Bearbeitung von Allessandro Marcchetti und Luisella Sala kommt ab dem 18. Mai fünfmal auf die Bühne des Schlosstheaters im Neuen Palais in Potsdam. Aufgrund von Baumaßnahmen bleibt das Theater dann geschlossen. Ab August kann man dem Vergnügen in der Orangerie im Park Sanssouci beiwohnen.

Die Figuren des Kaspers im deutschsprachigen Raum, des Guignols in Frankreich, des Punches in England, des Petruschkas in Russland wären wohl ohne die Commedia dell’Arte kaum möglich gewesen. Ob Buster Keaton, Charlie Chaplin oder Harold Lloyd – sie alle stibitzten bei ihren historischen Vorgängern. Zur Freude von uns allen. Silvia Friedrich


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