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18.05.13 / Durch die Blume gesprochen / Wenn es Rosen, Nelken, Tulpen regnet – Von Mai bis August überbieten sich österreichische Gemeinden mit ihren Blumenfesten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 20-13 vom 18. Mai 2013

Durch die Blume gesprochen
Wenn es Rosen, Nelken, Tulpen regnet – Von Mai bis August überbieten sich österreichische Gemeinden mit ihren Blumenfesten

Landauf, landab ziehen in diesen Wochen echte Blumenkorsos durch die Straßen vieler Orte in Österreich. Was wie Karnevalszüge aussieht, sind bunt geschmück­te Wagen, mit denen die Alpenbewohner das Blumenfest zelebrieren.

Wegen seiner feinen Trachten ist das Ausseerland im Salzkammergut seit Langem weltberühmt. Inzwischen hat sich jedoch auch die Kunde vom Brauchtum um Altaussee, Bad Aussee und Grundlsee bis ans andere Ende der Welt verbreitet. Denn beim Ausseer Narzissenfest 2011 war das chinesische Staatsfernsehen zu Gast. Dank Internet ist der Bericht jetzt auf dem ganzen Globus zu sehen.

Doch damit nicht genug. Ob es nun die Narzissen waren oder einfach nur die umwerfende Landschaft, die Chinesen haben sich derart in das Salzkammergut verliebt, dass sie im Reich der Mitte ein ganzes Dorf der Region nachgebaut haben. 2012 wurde in der subtropischen Provinz Guangdong nach nur einjähriger Bauzeit eine Kopie der Unesco-Welterbe-Gemeinde Hallstatt eingeweiht, samt Kirche und See. Auf das chinesische Blumenfest à l’autrichienne darf man gespannt sein. Es kommt bestimmt.

In Österreich selber hat das Blütenfest längst zahlreiche Nachahmer gefunden. Während im Ausseer Land in diesem Jahr vom 29. Mai bis 2. Juni bereits das 54. Narzissenfest über die Bühne geht, schicken sich die Tiroler mit ihrem Blumenkorso in Seefeld (4. August), Kirchberg (15. August) und Ebbs (24. und 25. August) an, den Ausseern den Anspruch auf Österreichs größtes Blumenspektakel streitig zu machen.

Denn sie alle legen sich mächtig ins Zeug und kein Superlativ ist dabei übertrieben. Will jeder Teilnehmer mit seiner floralen Kreation doch nicht nur die Jury überzeugen und einen Preis mit nach Hause nehmen. Er will vor allem die Herzen erfreuen, die der Touristen, aber auch die seiner Landsleute. Und welches Herz geht nicht auf, wenn es Micky Maus, Snoopy, Tom und Jerry oder Lucky Luke, indische Elefanten, fliegende Pferde, Riesenschnecken, ja ganze Kirchenbauten aus Abertausenden von Blumen zusammengesteckt an sich vorüberziehen sieht?

Dass die Figuren vor allem Kinderherzen höher schlagen lassen, ist kein Zufall. Die Blumenschauen sind auch und besonders ein Fest des Nachwuchses. So steht das florale Defilée in Seefeld dieses Jahr gar unter dem Motto „Zauberhafte Märchenwelt“. Je­des Jahr tauchen im Blumenkorso neue Figuren auf. Wenn sie mit bis zu 50 bunt verzierten und reich bestückten Blumenautos und auf Hochglanz polierten Oldtimern, alten Traktoren und Feuerwehrautos durch die Orte gezogen werden, nehmen sie jedoch auch gerne einmal Bezug auf das traditionelle oder aktuelle Tagesgeschehen.

Bis zu eine halbe Million Blüten, darunter Dahlien, Nelken, Gerbera oder Sonnenblumen, werden auf jeder Veranstaltung in Tirol verbraucht. Mehr als das Doppelte, rund 1,2 Millionen Blüten, sind es im Ausseer Land. Denn von Mitte Mai bis Mitte Juni überzieht hier – je nach Höhenlage – die wild wachsende Sternblütige Narzisse (Narcissicus radiiflorus) die Wiesen mit weißen Tupfen. Man nennt sie auch Dichter-Narzisse (Narcissicus poeticus), was kein Zufall ist. Zieht das Ausseerland seit dem 19. Jahrhundert doch zahllose Dichter, Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Musiker, Komponisten, aber auch Wissenschaftler, Gelehrte und Schauspieler wie magisch an.

Nicht nur aus Österreich: Johannes Brahms, Gustav Mahler und Richard Strauss haben das Herz des Salzkammergutes genauso besucht wie Sigmund Freud, Sinclair Lewis, Thomas Mann oder Carl Zuckmayer. Heute führen Künstlerwege auf ihren Spuren durch die schöpferische Landschaft, die zwölf Kilometer lange Via Artis Bad Aussee, die vier Kilometer lange Via Artis Altaussee, die bei dem von Alois Mayrhuber gegründeten Literaturmuseum beginnt, die zehn Kilometer lange Via Artis Grundlsee, die zwölf Kilometer lange Via Artis Grimming-Orte.

Ein Großteil der insgesamt 3000 freiwilligen Helfer beim Pflücken der Blumen und Stecken der Figuren sind hier Jugendliche. „Diese Zahl an Helfern muss man erst einmal zusammenbringen“, sagt Ernst Kammerer vom Tourismusverband. Schließlich zählen alle drei Gemeinden zusammen gerade 8000 Seelen. Und er ergänzt: „Aber der Stolz auf Tradition und Heimat, diese Freude, gemeinsam etwas zu schaffen, ist überall spürbar. Und wenn diese teils aus mehr als 100000 Einzelblüten bestehenden Figuren dann auf dem See schwimmen, berührt einen das noch tiefer als die beeindruckende Landschaft.“ Denn beim Narzissenfest – und nur hier – teilt sich der Blumenkorso in einen Autokorso, der durch Bad Aussee führt, und einen Bootskorso, der über den tiefgrünen Grundlsee gleitet. Ein Augenschmaus, den sich Jahr für Jahr 20000 Zuschauer gönnen.

Vollkommen unmotorisiert bewegt sich der florale Umzug dagegen seit 25 Jahren durch Ramsau (8. bis 9. Juni). Ebenfalls vor spektakulärer Kulisse zu Füßen des Dachstein, der zum Unesco-Weltnaturerbe zählt.

Beim Frühlingsfest der Pferde ziehen Noriker, Haflinger, Lippizzaner und Vertreter anderer Rassen bis zu 20 Blumenfiguren durch den Ort. Rund 200 geschmückte Tiere und über 500 Personen wirken an dem zweistündigen Umzug mit. Historische Brauerei- und Feuerlöschwagen, Streitwagen oder Spiderkutschen sind dabei genauso mit von der Partie wie Reitergruppen auf blumengeschmückten Rössern oder Trachten-, Musik- und Schnalzergruppen. Noch Tage nach dem Fest zieren die meist aus Margeriten, rotem Klee und als grüne Beigabe Schwarzbeer-Laub – also den Blättern von den vielen Wald-Heidelbeer-Sträuchern, die es in Ramsau am Dachstein gibt – geschmückten Wagen die Ortseinfahrten und in die Höfe.

„Bei unserem Umzug gibt es nicht einmal ein Begleitfahrzeug. Man ist hautnah an den Figuren und Tieren dran und kann mit dem Kutscher gar ein Schnapserl trinken oder ein gemeinsames Foto schießen. Denn es wird immer wieder einmal stehen geblieben“, erklärt eine Ramsauerin voller Stolz auf die echten Pferdestärken.

In Österreich dürfte es kein anderes derartiges Fest geben. Schon gar nicht in dieser lebenden Pferdestärke. Doch der Kutschenkorso hat Schule gemacht, wenn auch in anderer Verbindung. Seit mittlerweile 13 Jahren lockt der Heufiguren-Umzug im Salzburger Land immer mehr Besucher nach Sankt Martin am Tennengebirge. Alljährlich am letzten Sonntag im August ziehen hier in der landestypischen Begleitung von Schnalzern und Trachtlern Noriker und Haflinger zusammen mit Oldtimer-Traktoren kunstvoll gestaltete Heuskulpturen durch den Ort.

Im Gegensatz zu den Blumenfiguren kann man sich bei den Kreationen aus Heu Zeit lassen. Und so arbeitet der eine oder andere Heuart-Künstler auch schon einmal mehrere Wochen an seinem Werk. Die Besten schaffen es auf den Heufigurenweg in Annaberg-Lungötz, um auch Jahre danach noch bestaunt werden zu können. Die Blumenpracht dagegen ist nur ein vorrübergehender großer Rausch. Helga Schnehagen


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