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18.05.13 / Spionageblick auf die Elbe / Von oben auf Straßen, Häuser und Menschen gespäht – Mit zwei Filmen kann man Pfingsten den Norden aus der Vogelperspektive sehen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 20-13 vom 18. Mai 2013

Spionageblick auf die Elbe
Von oben auf Straßen, Häuser und Menschen gespäht – Mit zwei Filmen kann man Pfingsten den Norden aus der Vogelperspektive sehen

Vielflieger fragen am Schalter nach Beinfreiheit. Wer mehr vom Flug haben will, bittet um einen Platz am Fenster. Fatal ist freilich, wenn man im Flugzeug auf der falschen Seite sitzt: rechts die interessante Küstenlinie, links nur Wasser. Die bessere Vogelperspektive hat man aus einem Helikopter: Rundumsicht und langsames, beschauliches Fliegen.

Dafür gibt es in diesen Tagen zwei sehenswerte Beispiele: Die „Elbe von oben“ wird im Fernsehen, die „Ostsee von oben“ in 400 deutschen Kinos intensiv erlebbar. Beide Filmteams arbeiteten mit Spezialkameras, die ursprünglich von Militär und Geheimdienst für gestochen scharfe Bilder genutzt wurden.

Pfingstensonntag und -montag zeigt das NDR-Fernsehen jeweils um 18 Uhr in zweimal 45 Minuten „Die Elbe von oben“. Genau genommen sind es nur die letzten 250 der rund 725 Kilometer von Deutschlands zweitlängstem Fluss, die ins Bild kommen – die Elbe, wie sie vom weitgehend noch naturbelassenen Lauf zum betriebsamen Strom wird. Dies sei vorweg schon denen gesagt, die Dresden oder Magdeburg, die Sächsische Schweiz oder gar die versteckte Quelle auf der böhmischen Seite des Riesengebirges vermissen und im Titel zu viel Versprochenes sehen.

Dokumentarfilmer Marcus Fischötter und Kameramann Mi­chael Dreyer beginnen ihren vom NDR in Auftrag gegebenen Hubschrauber-Ausflug bei Schnackenburg, wo die Elbe sich noch durch Auwälder und Feuchtwiesen windet und seit 1997 ein Biosphärenreservat der Unesco ist. Die Festung Dömitz und die benachbarte Gemeinde Rüterberg kommen in Sicht. Hier beginnt für den Zuschauer oder vielmehr den „Mitflieger“ im Fernsehsessel schon der besondere Reiz des Ausflugs entlang der Elbe, sozusagen die intimere Sicht. Wie von einem Adlerauge erspäht, zoomt die Kamera Menschen heran, die bei einer imaginären Zwischenlandung von Leben und Arbeit am Fluß erzählen.

So ist es der Bürgermeister von Rüterberg, der daran erinnert, dass die Elbe bis 1989 zwischen Schnackenburg und Lauenburg streng bewachte innerdeutsche Grenze war. Seine Gemeinde, jahrelang von Stacheldraht eingeschlossen und Tag und Nacht von Grenztruppen kontrolliert, erklärte sich kurz vor der Wende zur „Dorf-Republik Rüterberg“, um so der Isolation zu trotzen.

Weiterflug, immer neue Sicht von Altbekanntem. Und Gespräche mit denen, die von der einst russischen Armeekamera herangezoomt werden: der Binnenschiffer auf dem Weg nach Magdeburg; der Wasserkundler, der Proben dem wieder sauber gewordenen Fluss entnimmt; die letzten Elbfischer, die Stint und Aal, aber auch eingewanderte Wollhandkrabben für China-Restaurants fangen; ein Ge­müsebauer in den Vier- und Marschlanden und in Hamburg, schließlich eine 23-jährige Barkassenführerin der Hafenbehörde.

In Hamburg beginnt Teil zwei des Films. Am Elbufer in Blankenese, wo Autor Fischötter zuhause ist, trifft er einen Schiffs-„Spotter“, einen Mann, der Schiffe auf der verkehrsreichsten Wasserstraße der Welt“ fotografiert. 20000 hat er schon in seinem Archiv.

Auf der anderen Elbseite steht die alte Küsterin vor der Kirche von Altenwerder, dem einzigen Bau, der geblieben ist, nachdem ihr Dorf vor 40 Jahren dem Ausbau des Containerhafens weichen musste. Der Schäfer auf dem Deich, der Obstbauer im Alten Land, woher jeder dritte in Deutschland geerntete Apfel kommt, ein Holzschnitzer, der verrottete Duckdalben zu Knollennasenmännern werden lässt, der Protestler vom Atomkraft­werk Brockdorf und ein Krabben­fischer in der nun kilo­meterbreiten Flußmündung ge­ben der Elbsicht von oben jetzt von unten Gesicht und Stimme.

„Die Ostsee von oben“ kommt als abendfüllender Film ab 23. Mai in 400 deutsche Kinos, ausschließlich in Luftbildern. Und auf Großbildleinwand ist das noch faszinierender, als es der größte Flachbildschirm zuhause zu bieten vermag. Die Filmemacher Silke Schranz und Christian Wüstenberg knüpfen damit an den Erfolg von 2011 an, als ihr Film „Die Nordsee von oben“ unter den Naturdokumentationen Platz eins eroberte.

Diesmal fliegen sie entlang der Ostseeküste von Flensburg bis Usedom. Strände, die Boddenlandschaft, Rügens Kreidefelsen, aber auch die Städte Kiel, Lübeck, Rostock, Stralsund und Greifswald haben sie im Fokus der unter dem Helikopter montierten schwenkbaren Kamera aus CIA-Spionage-Diensten. Ohne Fördergelder hat das Duo Schranz-Wüstenberger das Projekt von der Recherche über Schnitt bis hin zu Vertonung und Verleih in zweijähriger Arbeit mit aller Leidenschaft allein gestemmt.

Silke Schranz weiß um den Reiz dieser Von-oben-Filme: „Unsere Heimat, die wir doch zu kennen glauben, ist aus der Luft nicht mehr dieselbe.“ Und von einigen Sequenzen ihres Ostsee-Filmes schwelgt sie geradezu: „Die Farben erinnern an Karibik und Südsee. Jedes Bild ist ein Gemälde.“ Karlheinz Mose


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