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18.05.13 / Opern-Duett / Lieber Wagner oder Verdi?

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 20-13 vom 18. Mai 2013

Opern-Duett
Lieber Wagner oder Verdi?

Kaum jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner (am 22. Mai) und von Verdi (am 10. Oktober) zum 200. Mal, wird der Buchmarkt mit unzähligen Biografien, Monografien oder Bildbänden über die beiden Großmeister der Oper überschwemmt. Einer, der gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt, ist der Musikexperte Holger Noltze. In seinem Buch „Liebestod – Wagner, Verdi, Wir“ zieht er Parallelen zwischen den Leben und Werken beider Komponisten. Wenn es danach geht, könnte man unzählige Doppelbiografien verfassen, etwa weil zwei Geistesgrößen einmal zufällig durch denselben Ort gefahren sind oder dasselbe Sauerstoff­atom eingeatmet haben.

Doch Noltzes Mixtur geht überraschend gut auf. Einmal abgesehen davon, dass Wagner und Verdi im selben Jahr geboren wurden und sich als Opernkomponisten betätigten, haben sie weitere biografische Ähnlichkeiten aufzuweisen, die sie in ihrem Werk thematisch verarbeitet haben.

Als motivische Klammer dient bei Noltze der „Liebestod“. Gewiss sind Liebe und Tod, wie der Autor anmerkt, „Themen der Oper von Anfang an“. Doch wie kommt es, dass beide Komponisten ihre schönste Musik schufen, wenn ihre Protagonisten tat­sächlich wegen der Liebe sterben? Am ausgeprägtesten sicherlich bei Wagner in „Tristan und Isolde“. Aber auch im „Fliegenden Holländer“, im „Tannhäuser“ und im „Lohengrin“ sterben die Helden an gebrochenem Herzen.

Und bei Verdi? Da folgt Aida ihrem geliebten Radames freiwillig mit in den Tod. Aber auch „Rigoletto“ oder „Othello“ enden auf ähnlich fatale Weise.

Nun gut, der Liebestod ist eben ein typisch romantisches Motiv. Es wäre ja auch zu profan, wenn die vergreist und grauhaarig gewordenen Helden einfach am Schlaganfall oder am Herzinfarkt stürben. Wo bliebe da die Leidenschaft? Und hier setzt Noltze seine biografische Klammer an. Beide Komponisten waren vom Typ her extrem leidenschaftlich – in der Liebe wie in der Politik. Dass Wagner wie Verdi bei der musikalischen Gestaltung der amourösen Verwicklungen in ihren Opern aus eigenem Erleben geschöpft haben, ist offensichtlich.

Doch ihre Liebe ging noch weiter, nämlich die für das Vaterland. Beide waren politisch extrem aktiv. Wenngleich sich trotz aller Parallelen deutliche Unterschiede aufzeigen, wie Noltze betont: Wagner als gescheiterter Revolutionär, der wie ein geprügelter Hund aus Sachsen fliehen musste, und Verdi als gefeierter Volkstribun, der sich erfolgreich für die Einheit Italiens eingesetzt hat und als Abgeordneter ins erste italienische Parlament gewählt wurde.

Dass Wagner wie auch Verdi eigene biografische Erfahrungen mit in das Werk eingeflochten haben, ist nicht gerade neu. Welcher Künstler tut das nicht? Doch Noltze frischt den Stand der musikwissenschaftlichen Erkenntnis spritzig und pointiert auf. Dabei kommt ihm zugute, dass er als Musikprofessor in Dortmund sachlich fundiert argumentiert und als Journalist sowie Moderator unter anderem beim WDR sein Publikum jederzeit bei der Stange halten kann.

Das gelingt ihm vor allem bei seinen Opernanalysen. Wer eine Einführung in „Nabucco“, „Der Fliegende Holländer“, „Lohengrin“, „La Traviata“, „Aida“ sowie „Tristan und Isolde“ braucht, der wird bei Noltze bestens bedient. Dass sich der Autor dabei eher als Verdianer denn als Wagnerianer outet, spielt keine Rolle. Eine zehnseitige Chronik mit den wichtigsten Daten beider Komponisten sowie parallel abgelaufenen historischen Ereignissen rundet das unterhaltsam geschriebene Werk ab, dem ein Namensverzeichnis zum leserfreundlichen Nachschlagen aber gut angestanden hätte. Harald Tews

Holger Noltze: „Liebestod – Wagner, Verdi, Wir“, Hoffmann und Campe, Hamburg 2013, gebunden, 450 Seiten, 24,99 Euro


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