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18.05.13 / Tischlerleim statt Liebe / Tagebuch über die Blockade Leningrads im Zweiten Weltkrieg

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 20-13 vom 18. Mai 2013

Tischlerleim statt Liebe
Tagebuch über die Blockade Leningrads im Zweiten Weltkrieg

Vom Verlag als „russische Anne Frank“ beworben, ist nun seit einigen Wochen das Tagebuch von Lena Muchina auch in deutscher Sprache erschienen. Wenn der Verlag auch ein wenig zu dick aufträgt, so ist „Lenas Tagebuch“ doch durchaus lesenswert, denn es zeigt, wie ein Krieg das Leben von Menschen innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf stellen kann und wie aus einem lebenslustigen, pubertierenden Mädchen eine Tischlerleim essende Kreatur werden kann, die mit letzter Kraft ihre letzten Angehörigen zur Totensammelstelle transportiert.

Lena Muchina selbst kann zu den Umständen, unter denen sie ihr Tagebuch 1941 und 1942 in St. Petersburg/Leningrad schrieb, also während der Belagerung durch die deutsche Wehrmacht, im Nachhinein nichts mehr sagen. Sie verstarb bereits 1991 im Alter von 66 Jahren in Moskau, nicht ahnend, dass ihre verloren gedachten Aufzeichnungen noch existieren. Diese wurde zwar bereits 1962 einem Archiv übergeben, doch dort wusste man über mehrere Jahrzehnte nicht, wer die Verfasserin des Tagebuchs war und ob dieses authentisch ist. Erst bei der Durchsicht eines anderen Nachlasses fanden russische Archivare Hinweise auf Lena Muchinas Aufzeichnungen, und erst 2011 wurde das Tagebuch in Russland veröffentlicht. Ins Deutsche übersetzt wurde der Text dann von Lena Gorelik, die 1981 selbst in St. Petersburg/Leningrad geboren wurde und in einem Vorwort beschreibt, wie die Erlebnisse ihrer Großmutter während der deutschen Blockade noch zwei Generationen später ihre Kindheit geprägt haben. Goreliks Hinweis darauf, dass die Überlebenden der Belagerung von der sowjetischen Propaganda als Helden gefeiert wurden, helfen, Lena Muchinas Aufzeichnungen historisch einzuordnen.

Von Heldentum ist jedoch in dem Tagebuch nicht viel zu spüren. 632253 Zivilisten starben offiziell während der 900 Tage andauernden Blockade an Hunger, Krankheit oder durch Bombardements, aber auch weil die sowjetischen Behörden mit der Situation absolut überfordert waren. Lena Muchina überlebte zwar, aber, wenn auch nur wenig über ihr weiteres Leben bekannt ist, offenbar erfüllte sich keiner der Träume, für die Muchina hatte überleben wollen. Für die Liebe wollte sie leben, doch nichts deutete daraufhin, dass ihr das gelang, von Krankheiten geplagt, blieb sie kinderlos und unverheiratet. Doch die Sehnsucht nach Liebe ist es wohl, die die 1924 Geborene immer wieder motivierte.

Das erste Drittel ihres Tagebuchs dreht sich nur um ihre Liebe zu ihrem Mitschüler Wowka. Nebenbei schreibt sie über Prüfungen in der Schule, ärgert sich über Mitschülerinnen, plappert sowjetische Propaganda über die deutschen „Untiere mit menschlichem Antlitz“ nach und erwähnt nebenbei Luftangriffe, die sie sowie ihre Tante, bei der sie aufwächst, und die bei ihnen lebende 75-jährige Aka in den Keller treiben. Auch spielt sie mit dem Gedanken, Krankenschwester zu werden, denn so könnte sie ja junge Männer kennenlernen. „Mama“ nennt Lena ihre Tante. 1941 stirbt dann auch ihre leibliche, schwerkranke Mutter, was Lena in ihrem Tagebuch betrauert, ohne zu wissen, dass erst Aka und dann ihre „Mama“ sie auch bald verlassen werden.

Stück für Stück wird die Versorgungslage der Bevölkerung schwieriger, in den Geschäften ist fast nichts zu bekommen, doch von 125 Gramm Brot am Tag kann man nicht überleben. Mehr und mehr schreibt Lena nur noch darüber, wo sie was zu essen ergattert hat. Freude über erfolgreiche „Beutezüge“ wechselt sich ab mit Frust über Tage des Hungers. Man spürt stets, dass hier eine 16-Jährige schreibt, die sich ausprobiert. Mal dichtet Lena, am Ende schreibt sie in dritter Person über ihr Leben.

Akas Tod am 1. Januar 1942 empfindet Lena erst als Segen, hofft sie doch, dass ihre „Mama“ und sie die Lebensmittelkarten der alten Frau für die nächsten Tage behalten können und sie sich endlich einmal satt essen können, doch Lenas Wunsch erfüllt sich nicht, sie muss weiter „Sülze“ aus Tischlerleim essen und freut sich sogar darüber, weil diese das Gefühl des Hungers vertreibt. Als jedoch ihre „Mama“ vor Entkräftung stirbt, weiß Lena nicht, was aus ihr werden soll und ist auf fremde Hilfe angewiesen. Dass diese in harten Zeiten nicht allzu leicht zu bekommen ist, erfährt der Leser, ist aber doch erstaunt, dass es trotz allem Überlebenskampf immer wieder Menschen gibt, die sich des Mädchens annehmen, das verzweifelt hofft, endlich aus der Stadt evakuiert zu werden.

Ob die erwachsene Lena Muchina es gewollt hätte, dass ihr Tagebuch veröffentlicht wird, ist zu bezweifeln, denn natürlich vertraut sie ihrem Tagebuch all ihre intimen Sorgen und Wünsche an. Das sorgt dafür, dass man sich als Leser manchmal wie ein Voyeur vorkommt. Allerdings ist „Lenas Tagebuch“ auch ein authentisches Zeitzeugnis von historischem Wert und für Historiker gehört die Verletzung der Privatsphäre von Toten zum Alltag. R. Bellano

Lena Muchina: „Lenas Tagebuch“, Graf, München 2013, gebunden, 374 Seiten, 18 Euro


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