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18.05.13 / Notheimat Türkei / Über Ernst Reuter und andere Deutsche, die während der NS-Zeit in Ankara Schutz suchten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 20-13 vom 18. Mai 2013

Notheimat Türkei
Über Ernst Reuter und andere Deutsche, die während der NS-Zeit in Ankara Schutz suchten

Türkische Universitäten galten in der NS-Zeit als beste deutschsprachige Hochschulen im Ausland – wegen der zirka 100 deutschen Professoren, die dort Exil gefunden hatten. Zusammen mit Assistenten, Dozenten und Bibliothekaren dürften es rund 1000 Personen gewesen sein, die die Türkei, an sich kein klassisches Exilland, zu einem „Modellfall der Elitenemigration“ machten. Wie 1492 die iberischen Juden (Sephardim) Zuflucht im Osmanischen Imperium fanden und diesem eine Fülle neuer Techniken mitbrachten, so schützte ab 1933 die Türkei zahlreiche deutsche Wissenschaftler, zumeist „nichtarische“, woraus eine unschätzbare „Entwicklungshilfe“ für türkische Wissenschaft, Kultur, Verwaltung und Musik resultierte. Details bringt das faktenreiche, leserfreundliche Buch „Wartesaal Ankara. Ernst Reuter – Exil und Rückkehr nach Berlin“ von Reiner Möckelmann, einem früheren Diplomaten und noch aktiven Türkei-Kenner.

Zentralfigur der deutschen Kolonie in Ankara war der spätere Regierende Bürgermeister von West-Berliner, Ernst Reuter, laut US-Geheimdienstlern ein „entschiedener und intelligenter Gegner“ von Hitlers System. Reuter (1889–1963) wies damals schon eine ungewöhnliche Biografie auf: Als Kriegsgefangener in Russland wurde er 1918 von Lenin zum Volkskommissar der Wolgadeutschen bestimmt, 1926 war er Kommunalpolitiker in Berlin, 1931 Oberbürgermeister von Magdeburg, von den Nationalsozialisten 1933/1934 zweimal ins KZ geworfen, bis er 1935 über England in die Türkei gelangte, wo er mit seiner Familie bis 1946 blieb.

Reuter hat die Türkei mitunter „zweite Heimat“ genannt, dann wieder die „goldenen Ketten“ beklagt, die er durch die Ungewissheit kurzfristiger Verträge tragen musste. Ganz ernst dürfte das nicht gewesen sein, denn seine inzwischen guten Sprachkenntnisse und sein fachliches Renommee in Urbanisierung, Städteplanung und Kommunalverwaltung machten ihn unersetzbar. Mit der „Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaftler im Ausland“ verschaffte er bedrängten Fachleuten Arbeit und Wohnung in der Türkei. Dabei kam ihm zugute, dass dieses von Atatürk reformerisch umgekrempelte Land einen enormen Bedarf an innovativem Geist hatte, den Reuter und sein Kreis befriedigten.

Lange Passagen des Buchs füllen Porträts deutscher Wissenschaftler und Künstler, die damals in Ankara wirkten. Nur wenige dieser Mediziner, Juristen, Ökonomen und Dirigenten sind noch bekannt, womit auch viel Wissen um stilles Heldentum verloren ging, zum Beispiel von dem Ärztepaar Erna und Albert Eckstein, als Juden aus Deutschland vertrieben, in Ankara Helfer aller Diplomatenkinder, dabei so in Angst vor Hitlers Verfolgung, dass sich Albert Eckstein nur unter dem Schutz Atatürks zu einer Behandlung nach Wien wagte.

Kürzer und „bissiger“ sind Möckelmanns Aussagen über NS-Diplomaten in Ankara und ihre Umtriebe, beginnend bei Botschafter Franz von Papen, vormals Hitlers Vizekanzler, und dessen großmäuligen Adlatus Hans Kroll, 1958 erster westdeutscher Botschafter in Moskau. Ein besonderes Übel war der NS-Kulturfunktionär Herbert Scurla, der Reuter und andere laufend verfolgte und denunzierte, nach dem Krieg aber als Agitator in der DDR Karriere machte.

Reuter, der schon 1943 mit dem „Deutschen Freiheitsbund“ Überlegungen zur Nachkriegsentwicklung anstellte, kam spät nach Berlin zurück, wo ihn Vorbehalte bei Bevölkerung und Besatzern sowie kommunistische Hetze gegen ihn als „Türken“ und „Papens Schützling“ empfingen. Im Juni 1947 verhinderte ein Veto der Sowjets seinen Amtsantritt als Oberbürgermeister. Er revanchierte sich am 9. September 1948 mit seiner legendären Rede an „die Völker der Welt“, die das Ende von Stalins Berlin-Blockade einläutete.  W. Oschlies

Reiner Möckelmann: „Wartesaal Ankara. Ernst Reuter – Exil und Rückkehr nach Berlin“, Berliner Wissenschaftsverlag, Berlin 2013, gebunden, 368 Seiten, 29 Euro


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