17.06.2024

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01.06.13 / Die ostpreußische Familie / Leser helfen Lesern

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 22-13 vom 01. Juni 2013

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

das „Plachanderstundchen“, von dem wir in Folge 20 berichteten, hat anscheinend einige Leserinnen und Leser angeregt, auch mit unserer Familie e bätke to plachandre, etwas zu erzählen, wozu man beim Lesen unserer Familienseite angeregt wurde. Wenn da ein Name oder Begriff aus längst vergangenen Tagen auftaucht und plötzlich eine Erinnerung wach wird, die man längst vergessen glaubte – dann ist das schon ein Anlass, einfach drauflos zu schabbern. Das hat auch Herr Otto Meitza aus Meerbusch getan, der immer durch unsere Familienseite an seine ostpreußische Heimat erinnert wird und nun zur Feder griff, als er in Folge 16 den von Frau Adelheid Kloo erwähnten Ortsnamen Schmauch las. Hier im Kreis Preußisch Holland ist auch Herr Meitza zu Hause, und so erinnert er sich bis in alle Einzelheiten an ein Erlebnis aus seiner Schulzeit: „Im Sommer 1938 unternahm die Frauenschaft von Schmauch eine Ausflugsfahrt mit dem Busunternehmer Thimm aus Liebstadt nach Rudczanny/Niedersee. Da der Bus nicht voll ausgelastet war, hat Lehrer Hahn, der in unserer einklassigen Volksschule Kallisten unterrichtete, die noch offenen Plätze mit den oberen Schuljahren aufgefüllt. Für mich war dieser Ausflug ein einmaliges Erlebnis, das bis heute in meiner Erinnerung geblieben ist. Herr Thimm hat dort für alle Schüler ein Eis spendiert. Möglicherweise hat eine der Angehörigen von Frau Kloo, vielleicht sogar ihre Mutter, diesen Ausflug mitgemacht!“ Es dürfte eher die Oma von Frau Kloo gewesen sein, die an der Fahrt teilgenommen hat. Immerhin taucht jetzt zum ersten Mal dieser Ortsname auch von anderer Seite in unserer Kolumne auf, was sich Frau Kloo mit ihrer ersten Suche vor zwei Jahren so sehr erwünscht hatte, damals leider vergeblich. Ein winziges Fünkchen Hoffnung für die Enkelin, endlich etwas über ihre geliebte Großmutter Berta Weil aus Schmauch zu erfahren, wenn sich nun aufgrund der Erinnerung von Herrn Meitza vielleicht auch andere Leserinnen und Leser aus dem Kreis Mohrungen melden.

Unser Leser aus Meerbusch baut mir eine gute Brücke zu den nächsten Zuschriften, die noch immer auf die Schilderung meiner Konfirmation in Folge 13 eingehen. Allerdings kann er sich im Gegensatz zu mir noch sehr gut an seinen Einsegnungsspruch, den Pfarrer Bohle in der Kirche von Reichau am Palmsonntag 1939 sprach, erinnern: „Herrgott, du bist meine Zuflucht für und für.“ In meine Konfirmationskirche, die Altroßgärter Kirche in Königsberg, führt nun der Brief von Frau Elisabeth Lehnert geborene Pensky, die auch dort eingesegnet wurde – von Pfarrer Pensky, mit dem sie auch entfernt verwandt ist. Elisabeth wohnte ganz in der Nähe des Gottes­hauses, in der Alt­roßgärter Kirchenstraße 13, wo sich im Hinterhaus der große Saal der Landeskirchlichen Gemeinschaft „Tabor“ befand. Das wird nun wieder Herrn Heinz Ney interessieren, der für seine Dokumentation „Gottes Häuser in Königsberg“ Informationen benötigt. Bedanken möchte ich mich da bei Herrn Johannes Meyer aus Castrop-Rauxel, der zu diesem Thema sämtliche Königsberger Baptistengemeinden aufgelistet hat, die im Jahr 1932 rund 4000 Mitglieder zählte. Wir haben sie an Herrn Ney weitergeleitet.

Aber Frau Elisabeth Lehnert baut mir nun eine weitere Brücke für unsere Kolumne, denn unvergessen bleibt für sie ihre Lehrerin an der Roßgärter Mädchen-Mittelschule in Klingershof, Lucy Falk. Sie war für das Mädchen nicht nur ein pädagogisches Vorbild, denn Lucy Falk war auch eine angesehene Autorin von Jugendbüchern. „Immer wenn ein neues Buch von ihr herauskam, besorgte ich es mir bei Gräfe und Unzer“, schreibt Lehnert und fragt, ob ich die Bücher von Lucy Falk kenne. O ja, und nicht nur ihre Bücher, sondern sie persönlich, denn sie gehörte zu unserem Königsberger Autorenkreis, der einmal im Monat zusammen kam. Sie zählte zu den Unauffälligen, den Stillen in unserer Runde, eine liebe Kollegin, die vor allem Mädchenbücher schrieb. Und nun kommt die Brücke, über die ich weiter gehen kann und die zu Herrn Dr. Martin Völker führt. Über den Berliner Literaturwissenschaftler, der sich besonders der – fast – vergessenen Autoren aus Ostpreußen annimmt und bereits einige ihrer noch auffindbaren Werke als Reprint herausgebracht hat, haben wir oft und ausgiebig berichtet. Herr Dr. Völker leistet damit für unsere Heimat eine großartige Kulturarbeit, denn er beweist, wie reich und vielfältig die ostpreußische Literaturszene in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts war. Das kommt auch in den Informationen zum Ausdruck, die Herr Dr. Völker mir jetzt zusandte. Sie basieren auf einem Schriftwechsel des Philologen mit Frau Lehnert, die ihn auf Lucy Falk hinwies, über die Dr. Völker nun zu recherchieren begann. Dabei stieß er nun auf eine weitere Autorin des damaligen Königsberger Kreises, Clara Hanssen, die seit 1945 als verschollen gilt. Ich hatte Dr. Völker schon auf diese Königsberger Schriftstellerin hingewiesen, und so war ihm der Name bekannt. Die Autorin mehrerer Romane gilt seit 1945 als verschollen. Und nun fand er in dem bekanntesten Buch von Lucy Falk „Ich blieb in Königsberg, Tagebuchblätter aus dunklen Nachkriegsjahren“ die Stelle, an der Clara Hanssen aus ihrem Gesichtskreis verschwand und nie wieder auftauchte. Herr Dr. Völker hat einen Auszug seinem Brief beigelegt, weil er meint, diese Szene aus dem sterbenden Königsberg würde auch unsere Leserinnen und Leser interessieren. Am 8. April 1945 verlassen die befreundeten Autorinnen das Wohnhaus von Lucy Falk in der Beekstraße. Beide werden von Russen bedrängt, drei Tage lang irren sie ohne das verlorene Gepäck umher. „Clara ist völlig erschöpft, schon ganz teilnahmslos. Sie geht wie im Traum, ist mit ihren Gedanken ganz weit fort. Plötzlich sagt sie: Grüßen Sie mir die Freundschaft!“ Nach einem weiteren schrecklichen Erlebnis mit den Russen, die es auf eine Frau mit Kind abgesehen haben, verlieren sich Lucy und Clara aus den Augen. „Noch geht Clara Hanssen in der Dunkelheit neben mir. Da schreckt uns ein gellender Hilfeschrei aus nächster Nähe auf, die Menschen flüchten, wir auch. Clara ist jetzt nicht mehr neben mir. Wo ist sie geblieben? Ich rufe mehrmals nach ihr – keine Antwort.“ Clara Hanssen ist und bleibt von da an verschwunden, und es ist zu vermuten, dass sie am Abend des 11. April 1945 – erschöpft, fortgeschleudert oder zertreten im Gedränge – verstarb.

Soweit Herr Dr. Völker. der sich nun noch stärker als zuvor verpflichtet fühlt, das literarische Erbe der kaum noch bekannten Autorinnen jenes Königsberger Literaturkreises mit Lucy Falk und Clara Hanssen zu erhalten und es zeitgemäß aufzubereiten, wie er es bereits mit dem Buch von Katharina Botsky getan hat. Natürlich ist er dann auch auf Zeitzeugen angewiesen, und da wird ihm unsere Ostpreußische Familie wieder helfen. (Dr. phil. Martin A. Völker, Donaustraße 86 in 12043 Berlin, Telefon 030/61308390, E-Mail: drm.voelker@web.de)

Alte Bücher sind Schätze, und manche bergen auch welche. Was ist da schon zwischen Seiten an Briefen, Andenken, Dokumenten und Fotos entdeckt worden, die besonders wichtig sind, wenn sie aus den Vertriebenengebieten stammen. So könnte es sein, dass das Foto, das wir heute zeigen, auch einer aus Königsberg oder Umgebung stammenden Familie Freude macht, falls die Identifikation des kleinen Jungen gelingt. Denn das Kerlchen, das darauf abgebildet ist, muss heute im Seniorenalter sein, und das lässt sich auch nicht einwandfrei bestimmen, da auf dem Foto kein Datum angegeben ist. Es gibt auch keinen Hinweis, in welchem Buch das Bild gefunden wurde. Da hätte eine Signatur vielleicht weiter geholfen. Frau Dorothea Blankenagel aus Düsseldorf hat es von einer Bekannten erhalten und überlässt es nun uns in der Hoffnung, dass unsere Leser und Leserinnen weiter helfen können. Dafür gibt es schon einige brauchbare Hinweise. Das Foto wurde im Atelier von Lotte Jurgeit, das sich am Paradeplatz 4 in Königsberg befand, aufgenommen. Die Fotografin war in den 30/40er Jahren für ihre exzellenten Porträts bekannt. Ich selber besitze ein Foto von mir, das in diesem Atelier aufgenommen wurde. Es hat das gleiche Postkartenformat, auch die Rückseiten sind identisch. Ich erhielt mein Foto nach dem Krieg von einer Freundin zurück, der ich es gewidmet hatte – mit Datumsangabe: 1939. So könnte auch das Kinderbild etwa in dieser Zeit entstanden sein. Das Foto weist einige Merkmale auf, die auch weiterhelfen könnten. So ist das Gesicht des vermutlich Drei- oder Vierjährigen schon sehr ausgeprägt mit der hohen Stirn und der leichten Fehlstellung des linken Auges. Auffällig ist der mit Edelweißblüten bestickte Hosenlatz, der für Ostpreußen untypisch ist. Allerdings hält er keine Lederhose, sondern eine gestrickte Büx. Es könnte ja sein, dass sich ein älterer Landsmann daran erinnert, dass er in dem Atelier am Paradeplatz fotografiert wurde – immerhin für solch einen kleinen Hosenmatz ein großes Ereignis. Auffällig ist der gute Zustand des Bildes, das keinerlei Beschädigung aufweist und aussieht, als sei es gestern gemacht worden. Wir sind neugierig, ob sich dieses Kinderbild einer ostpreußischen Familie zuordnen lässt. Wir danken Frau Dorothea Blankenagel und ihrer Bekannten für die Überlassung. Ach ja, auch das konnte uns Frau Blankenagel mitteilen: Die von ihr angebotenen Bücher fanden im Handumdrehen ihre dankbaren Abnehmer. Sie war selber noch beim Lesen der PAZ, da kam schon der erste Anruf und die Betreffende erhielt die Büchersendung. Die zweite Anruferin bekam „margrietsch“ von Frau Blankenagel eine Abbildung der – auch innig von mir geliebten – Kleinbahn nach Neuhausen–Tiergarten. So holt einen immer wieder die Erinnerung ein.

Und „Erinnerung“ ist auch das Wort für die Brücke, die uns Herr Rainer Claaßen aus Wülfershausen zu unserem letzten Thema baut. Der stellvertretende Landesvorsitzende der Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen, Landesgruppe Bayern, reicht eine Bitte weiter, die das Elbinger Mitglied Agnieszka Kopczynska an alle ehemaligen Elbinger stellt. Das Elbinger Museum sucht ehemalige Bewohner, die ihre Erinnerungen mit den heute dort Lebenden teilen möchten und können. Herr Claassen bittet uns um Unterstützung, die wir ihm durch Veröffentlichung des Aufrufes von Frau Kopczynska gerne erfüllen. „Einladung zum Programm Zeugnisse“ – so hat die Archäologin ihn betitelt, denn er beinhaltet auch die Aufforderung, bei einem Heimatbesuch das Archäologisch-Historische Museum zu besuchen. Ziel und Zweck der Befragung von Zeitzeugen ist eine Filmdokumentation in Form von Interviews mit ehemaligen Elbingern, die hier bis zum Jahr 1945 gewohnt haben. Frau A. Kopczynska schreibt dazu:

„Wir hoffen, dass die Gespräche mit früheren Elbingern uns – den heutigen Elbingern – die uns unbekannte Geschichte der Zeit ihrer Kindheit wieder bringen, ihre Spiele, ihre Pflichten, der jungen Freundschaften, der ersten Liebe. Wir möchten wissen, wie man früher in Elbing Festtage gefeiert hat, was zu Mittag gekocht wurde, wohin man in den Urlaub gefahren ist, welches Kino, welches Cafe man besucht hat. Mit Hilfe der gesammelten Erinnerungen werden wir uns ein Bild über die Stadt und Leute verschaffen können, das nur in Erinnerungen geblieben ist. Im Rahmen des Programms wird eine Ausstellung mit Fotos der Interview-Teilnehmer und ihrer Familien, Archiv-Fotos, Dokumenten und alten Gegenständen entstehen. Wir wenden uns deshalb mit der herzlichen Bitte an die ehemaligen Elbinger: Teilen Sie mit uns Ihre Erinnerungen und stellen Sie uns Ihre Fotos, Dokumente und Andenken zur Verfügung, so dass wir sie digitalisieren können. Das ist für uns, die heutigen Bewohner der Stadt, sehr wichtig.“ Soweit Frau Kopczynska, die sich in Elbing als deutschsprachige Kontaktperson für die Besucher anbietet. Sie hat mit ihrem Mann im Internet (www.elbing.pl) eine der interessantesten Elbing-Seiten aufgebaut. (Internetseite des Projekts: www.mob.elblag.pl/

Deutsch­sprachiger Kontakt: Agnieszka Kopczynska, Telefon 0048509414 210, E-Mail: info@elbing.pl)

Eure Ruth Geede


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