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01.06.13 / Kreuz und quer mit Donnerhall / Im Wagner-Jahr auf den Spuren des Meisters in Sachsen – nicht nur in Leipzig und Dresden hat er seine Duftmarke hinterlassen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 22-13 vom 01. Juni 2013

Kreuz und quer mit Donnerhall
Im Wagner-Jahr auf den Spuren des Meisters in Sachsen – nicht nur in Leipzig und Dresden hat er seine Duftmarke hinterlassen

Richard Wagner ist ein Leipziger, stellt Thomas Krakow, Vizepräsident des Richard-Wagner-Verbandes International, entschieden fest. Am 22. Mai 1813 erblickte er auf dem Brühl das Licht der Welt. „Aber zeit seines Lebens ist er nie so recht mit seiner Vaterstadt warm geworden, und umgekehrt auch nicht“, sagt Krakow.

„Im wunderschönen Monat Mai kroch Richard Wagner aus dem Ei. Ihm wünschen, die zumeist ihn lieben, er wäre besser drin geblieben“, dichtete Wagner an seinem 42. Geburtstag. Wollte er vielleicht damit auch das ambivalente Verhältnis zu seiner Geburtsstadt persiflieren? Zum Glück zeigt das nach der Wende wie Phönix aus der Asche wieder auferstandene Leipzig Flagge und widmet ihrem größten Sohn gleich mehrere Ausstellungen sowie das handliche Faltblatt „Wagner Wege“, das sämtliche Stationen des Meisters akribisch nachzeichnet – vom Brühl über den berühmten „Arabischen Coffe Baum“ und Auerbachs Keller bis hin zum Richard-Wagner-Hain am Elsterflutbecken, wo die Figurengruppe des Rheintöchter-Brunnens zu bewundern ist.

Auch vor der ehemaligen StasiZentrale am Goerdelerring – einem tristen grauen Plattenbau – steht ein von Max Klinger geschaffener Sockel mit drei nack­ten Grazien aus dem „Ring.“ Am Wagner-Geburtstag ist jetzt ein lebensgroßes, vom Bildhauer Stephan Balkenhol geschaffenes lebensgroßes Denkmal darauf montiert worden (s. Seite 9).

Was hat Müglenz, das verschlafene Nest bei Wurzen, nur mit Richard Wagner zu tun? In der Müglenzer Kirche spielte sein Urgroßvater Samuel einst die Orgel. Und in dem kleinen Haus unweit der Kirche wurde Wagners Großvater Gottlob Friedrich Wagner 1736 geboren. Jahrelang tobte ein erbitterter Kampf zwischen Wolfgang Wagner, dem Patriarchen auf dem Grünen Hügel, und der bescheidenen Pfarrei um die „Besitzansprüche“ an den Vorfahren des großen Meisters. Mit einer üppigen Spende beendete der Wagner-Enkel schließlich den Streit. Pfarrer Klaus-Peter Schmidt strahlt noch heute über das ganze Gesicht, wenn er an die Rettung seiner stark sanierungsbedürftigen Kirche mitsamt Orgel denkt. Der warme Regen aus Bayreuth kam buchstäblich in letzter Minute.

Ihr Name ist Programm: Cosima Curth gilt als Wagner-Spezialistin par excellence, die sich mit ihren Gästen in Dresden auf Spurensuche begibt. Die Häuser, in denen Wagner lebte, hat der Feuersturm des Zweiten Weltkrieges hinweggefegt. Einen kostbaren Schatz hütet die Sächsische Staats- und Universitätsbibliothek – den Autografen von Wagners Chorwerk „Das Liebesmahl der Apostel“. Der Weg führt zur Kreuzschule, in der Richard nach dem Umzug der Familie ins Elbflorenz einst die Schulbank drückte, und schließlich zum Stadtmuseum, das in diesem Jahr mit einer aufwendigen Wagner-Ausstellung prunkt.

Eine glückliche Zeit – eine Art Urlaub – verbrachte Wagner 1846 während seines Dresdner Engagements als Hofkapellmeister in Graupa in der Sächsischen Schweiz. Seine erste Frau, die Schauspielerin Minna Planer, die er in Königsberg ehelichte, stand ihm zur Seite, als er in der unberührten Natur des „Schäferschen Gutes“ große Teile seiner Oper „Lohengrin“ schuf. Die Richard-Wagner-Stätten in Graupa mit frisch renoviertem Jagdschloss und dem anmutigen Lohengrin-Haus haben sich inzwischen zu einem Wallfahrtsort erster Güte entwickelt. Am 12,5 Meter hohen Denkmal – dem größten Wagner-Denkmal der Welt – klicken die Kameras, brummt es auf dem reich mit Informationstafeln über den Lebensweg des Komponisten bestückten Richard-Wagner-Wanderweg im Schlosspark an den Wochenenden wie in einem Bienenstock. Babylonisches Stimmengewirr: Hier geben sich Wagnerianer aus allen Himmelsrichtungen ein Stelldichein.

Und weiter geht es in Wagners Schicksalsstadt Chemnitz, die während der DDR-Zeit unter dem Namen Karl-Marx-Stadt be­rühmt-berüchtigte schmuddelige Industriemetropole. Viel schöner ist die Stadt auch nach 1989 nicht geworden. Ein riesiger Kopf des Verfassers vom „Kapital“ ziert – oder besser – verunziert die Innenstadt, die allerdings ein tolles Theater aufweist, in der viele großartige Opern- und Theaterinszenierungen auf die Bühne kommen. Was wenige wissen: Chemnitz verdanken wir den Großteil von Wagners Werk. Aber eines nach dem anderen: Der Meister, gleichermaßen Erneuerer der Oper und enfant terrible der Musikwelt, wurde wegen aufrührerischer Umtriebe von der Obrigkeit während der Mai-Revolution in Dresden im Jahre 1849 steckbrieflich gesucht: „Wagner ist 37 Jahre alt, mittlerer Statur und trägt eine Brille“, lautete die Beschreibung der Stadt-Polizei-Deputation, welche die Bevölkerung aufforderte, „Wagnern im Betretungsfalle zu verhaften und uns davon schleunigst Nachricht zu erteilen“.

Der polizeilich Gesuchte entzog sich der Festnahme mit Hilfe seines Freundes und späteren Schwiegervaters Franz Liszt, der ihm Geld und einen gefälschten Pass besorgte. Per „diligence“ (Eil-Postkutsche) flüchtete er in das Haus seiner Schwester in der Chemnitzer Schönherrfabrik, an welchem eine Inschrift an den denkwürdigen Besuch des Bruders erinnert. Von hier sollte es nach Zürich gehen. Zu Wagners Verdruss verspätete sich die Kutsche. Ein Glücksfall, wie sich später herausstellen sollte. Denn um ein Haar wäre Wagner seinen Häschern in die Arme gelaufen. Vielen Wagnerfans gilt Chemnitz als gelobter Ort. Allein die Vorstellung, dass ihr Idol arretiert und womöglich zum Tode verurteilt worden wäre, ist ein Albtraum. Mit Revolutionären pflegte man seinerzeit kurzen Prozess zu machen.

Ein angenehmeres Kapitel im Leben Wagners spielte sich im Herrenhaus Ermlitz in Sachsen-Anhalt ab. Das elegante zweigeschossige Schlösschen mit prächtigem Landschaftsgarten – während der DDR-Zeit Kinderheim und heute nach gründlicher Renovierung Veranstaltungsort für Hochzeiten und Konzerte – dürfte so recht nach dem Herzen des Komponisten gewesen sein. „Mein lieber Schwan“, wird mancher ausrufen, der die Aufzeichnungen des Hausherrn und Wagner-Gönners Theodor Apel liest. Der große Meister war offenbar nicht nur ein sehr anspruchsvoller Gast, sondern auch ein Schnorrer ersten Grades. Ständig in Geldnöten und auf der Flucht vor seinen Gläubigern, schrieb er eine Reihe äußerst aufdringlicher Bittbriefe an Apel.

Müssen wir Wagner deshalb verachten? Mitnichten. Halten wir es doch mit den alten Römern, die mit dem Diktum „De mortuis nihil nisi bene“ („nichts als Gutes über die Toten“) taktvoll über die großen und kleinen Schwächen der Verstorbenen hinwegsahen. Ein Jahrtausendgenie wie Richard Wagner hat dies allemal verdient. Uta Buhr


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