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01.06.13 / Schießwütiges Ekel? / Tagebuch lässt Erzherzog Franz Ferdinand unsympathisch erscheinen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 22-13 vom 01. Juni 2013

Schießwütiges Ekel?
Tagebuch lässt Erzherzog Franz Ferdinand unsympathisch erscheinen

„Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“, ließ Matthias Claudius 1786 seinen Maulhelden Urian eine bitterböse Suada gegen alle Völker und Länder der Erde starten. Der Dichter ahnte nicht, dass knappe 110 Jahre später der habsburgische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand auf dem Kreuzer „Kaiserin Elisabeth“ mit 400 „Mann“ Besatzung und 20 „Herren“ als moderner Urian und „österreichischer Grantler“ um die Welt gondeln würde. Daraus erwuchs ein Reisetagebuch von 1100 Seiten, die nun der Herausgeber Frank Gerbert in „Die Eingeborenen machten keinen besonders günstigen Eindruck“ auf ein Fünftel eindampfte, wobei dennoch „ein Dokument von Rassismus und jägerischem Größenwahn“ verblieb.

Der ungebildete, arrogante Erzherzog Franz Ferdinand war dem Wiener Hof in wechselseitiger Abneigung verbunden: Ihm war der europäische Hochadel inzestuös zur „Hälfte Trottel und Epileptiker“, und Wien verzieh ihm nicht die im Juli 1900 mit Sophie Chotek, einer „nicht ebenbürtigen“ böhmischen Kleinadligen, geschlossene Ehe. Beide wurden am 28. Juni 1914 in Sarajevo ermordet. Die Trauer des politischen Wien war zwar überschaubar, doch bot sich ein Vorwand zum Krieg gegen Serbien, woraus der Erste Weltkrieg erwuchs.

Warum Jung-ehemann Erzherzog Franz Ferdinand im Dezember 1892 – 18 Monate nach Eheschließung und ein halbes Jahr nach der Geburt des ersten Kindes – für zwei Jahre auf Weltreise verschwand, wird im Buch nicht dis-kutiert. War sie ein weiterer „Schnellkurs“ in Weltpolitik für den künftigen Kaiser, der nie den Thron bestieg? Suchte der chronisch TBC-Kranke Heilung, oder war er der närrische Wirrkopf, als den ihn die halbe Welt ansah? Das Buch ist voll mit Passagen, die Erzherzog Franz Ferdinand als unreifen Charakter hinstellen. Mit infantiler Freude schildert er seitenlang Bordfeste wie die „Äquatortaufe“, eigene Erfahrungen mit Tätowierungen oder Tanzvergnügungen, was alles einfach albern wirkt. Auf mentale Defekte deutet die morbide Lust des Erzherzogs auf Stätten und Prozessen abnormer Eigenheiten: Begräbnisstätten in Indien, wo Geier die Leichen „entsorgen“, inhumane Gefängnisse und Strafkolonien in Asien oder Gerichtsverhandlungen, bei denen die Angeklagten mit sadistischen Quälereien „vernommen“ werden. Dafür nimmt sich der Autor zehn und mehr Seiten Raum, für Lohnenderes hat er hingegen keinen Blick.

Der Thronfolger hat, so scheint es, nur zwei Interessen. Zum einen lässt er seinem kolonialen Überlegenheitsgefühl freien Raum: In Asien tragen sogar Buddha-Statuen „unintelligente“ Züge, Singhalesen sind „unschön“, Tibetaner „äußerst hässlich“, die „bezopften Brüder“ (Chinesen) heimtückisch und von „charakteristischer Unsauberkeit“, Indianer in Amerika „träge und dreckig“, Weiße „faul und roh“, zudem von „amerikanischer Rücksichtslosigkeit“ befangen. Zweitens lebte Erzherzog Franz Ferdinand seine Freude an der Jagd aus, die ihn in seinem Leben 274899 Tiere erlegen ließ. Er schoss auf alles, was sich bewegte – indische Elefanten, australische Koalas, Rochen in der Südsee, sogar auf amerikanische Stinktiere. Am liebsten veranstaltete er seine Gemetzel von Zug-Plattformen aus oder in abgesperrten Gehegen wie bei Kängurus in Australien. Böse wurde er nur, wenn ihm in den USA „No Shooting“-Schilder die Ballerei versagten.

Selten einmal finden sich im Buch Passagen, die von Interesse sind, wie etwa diese: „Während die 423 Reservationen Kanadas vorwiegend ertragfähiges und den Indianern zusagendes Land darstellen, sind die Indianergebiete in (den USA) ärmliche und ungastliche Ländereien, deren Umfang immer wieder eingeschränkt wird.“ In Unkenntnis des vollständigen Tagebuchs ist es allerdings nicht mit Sicherheit zu sagen, ob Herausgeber Frank Gerbert bewusst nur die Stellen ausgewählt hat, die Franz Ferdinands Beschränktheit belegen oder ob der Erzherzog wirklich nichts anderes zu bieten hatte. Wolf Oschlies

Franz Ferdinand von Österreich-Este: „Die Eingeborenen machten keinen besonders günstigen Eindruck. Tagebuch meiner Reise um die Erde 1892 bis 1893“, Verlag Kremayr & Scheriau KG, Wien 2013, geb., 286 Seiten, 24 Euro


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