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01.06.13 / Ein Haus, das erzählen kann / Roman aus der ungewöhnlichen Perspektive eines Gebäudes

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 22-13 vom 01. Juni 2013

Ein Haus, das erzählen kann
Roman aus der ungewöhnlichen Perspektive eines Gebäudes

So mancher macht sich Gedanken, was wohl seine Nachbarn, die Frau an der Kasse, der Kellner im Café oder die Dame in der Reinigung von ihm denken mögen. Woran jedoch kaum jemand einen Gedanken verschwendet, ist, was das Haus, in dem wir wohnen, wohl über uns sagen würde, sofern es denn denken und diese Gedanken mitteilen könnte.

In dem Buch „Hausroman“ hat die Autorin Gudrun Seidenauer genau diese Vorstellung weitergesponnen. Ein Haus erzählt dem Leser die Geschichte seiner Bewohner als stiller Beobachter, immer präsent, immer wachsam, aber nie in der Lage, aktiv einzugreifen. Bewohner kommen und gehen wieder mit der Zeit und ebenso verhält es sich auch mit deren Liebe. Als der Architekt Konrad mit seiner schwangeren Frau Dora im Haus einzieht, glaubt er, sein Glück gefunden zu haben. Jahre später wird Dora ihn mit ihrer gemeinsamen Tochter Katharina verlassen, in der Überzeugung ,Konrad und seine Marotten nicht länger ertragen zu können.

Das Haus schildert dem Leser unbeeindruckt die fürchterlichsten und schicksalhaftesten Ereignisse, dies jedoch auf eine fast sanfte und melancholische Art. Gudrun Seidenauer verleiht dem Haus eine Seele, ein freundlich distanziertes Wesen, das unweigerlich Zeuge all der Ereignisse in seinem Inneren wird. Und dennoch scheint das Haus über die Taten seiner Bewohner nachzudenken, kommentiert deren Verhalten und scheint sich durch sie sogar weiterzubilden.

Das Haus interpretiert das Verhalten und das Gesagte seiner Bewohner, deren Gesten und Taten, deren Miteinander. Etwas befremdlich wirkt es auf den Leser jedoch, dass das Haus ebenso die ungesagten Dinge weiß sowie den Geist einer frisch verstorbenen Rentnerin wahrnimmt und deren Empfindungen und Erinnerungen mit dem Leser teilt. Unkritisch verfolgt es die Grübeleien der Mieter und gewährt dem Leser einen Einblick in die Facettenvielfalt der Charaktere der Bewohner. Eine Botschaft sendet das Haus jedoch unterschwellig mit jeder neuen Geschichte, jeder Beschreibung eines Bewohners aus: Wenn die Liebe geht, bleibt nur eine triste Leere, die es zu füllen gilt.

Ein positiver Nebeneffekt des Romans ist, dass die ruhige Art des Hauses in der Rolle des unbeteiligten Erzählers während des Lesens auf den Leser abzufärben beginnt. Gudrun Seidenauer gelingt es auf diese Weise, den Leser von seinem Alltagsstress zu entschleunigen, um sich voll auf die Geschichten und Schicksale in „Hausroman“ einzulassen. Denn im Vergleich zu uns Menschen ist das Haus in einem Punkt deutlich im Vorteil – es hat jede Menge Zeit. Vanessa Ney

Gudrun Seidenauer: „Hausroman“, Residenz Verlag 2012, geb., 250 Seiten, 21,90 Euro


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