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15.06.13 / Dauertöner mit Fagott und Geige / Staatskapelle Schwerin wird 450 Jahre alt – Enge Bindungen zu Preußen verhalfen dem Orchester zu Ruhm und Glanz

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 24-13 vom 15. Juni 2013

Dauertöner mit Fagott und Geige
Staatskapelle Schwerin wird 450 Jahre alt – Enge Bindungen zu Preußen verhalfen dem Orchester zu Ruhm und Glanz

Nach dem Orchester des Staatstheaters Kassel und dem Bayerischen Staatsorchester in München zählt die Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin als das drittälteste Orchester Deutschlands. Als Gründungsdatum gilt der 17. Juni 1563. Das Orchester hat Kriege und Diktaturen überstanden. Jetzt muss es nur noch den Rotstift überleben. Musikfeste im Sommer sollen ein Formhoch bringen.

Eines der ältesten Orchester der Welt kann dieses Jahr auf sein 450-jähriges Bestehen zurück­blicken: die Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin. Die offizielle Gründung des sinfonischen Klangkörpers geht auf Herzog Johann Albrecht I. zurück. Als gelehrter und kultivierter Renaissance-Fürst wollte er neben Lehre und Wissenschaft auch den Künsten gebührenden Platz einräumen. Auf entsprechende Musikanten konnte er dabei allerdings nicht zurückgreifen.

Besonders offenkundig wurde das Problem bei den Vorbereitungen zu seiner Hochzeit mit der Preußin Anna Sophie im Jahr 1555. Zwar wurde mit dem niederländischen Emigranten Adrian Petit Coclio ein Künstler gefunden, der nicht nur eine dem Anlass würdige Musik komponierte, sondern die Stücke auch mit den Knaben der Particularschule und vorhandenen Instrumentalisten einübte. Doch Verhandlungen, ihn als Hofkapellmeister vertraglich zu binden, zerschlugen sich. Coclio zog es vor, sein Amt als Organist zu behalten.

Die Zielrichtung aber war vorgegeben. Schließlich gelang es am 17. Juni 1563 den Zwickauer David Köhler als Hofkapellmeister unter Vertrag zu nehmen. Mit seiner Unterschrift fand die Geburtsstunde der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin statt. Köhler brachte zwölf Knaben aus dem Erzgebirge mit. Darüber hinaus hatte er sein Ensemble aus dem vorhandenen Fundus an „Stadtkindern“ als Sänger sowie „Instrumentisten, Posauner und Zinkenbläser“ als disponibles Personal zu bilden. Diese Personalausstattung war rückblickend betrachtet recht großzügig, denn schon mit dem Tod von Herzog Johann Albrecht I. am 12. Februar 1576 versank Schwerins Musikleben auf lange Zeit im Halbdunkel. In Zeiten, wo Seuchen und Kriege unvorstellbaren Ausmaßes das Land heimsuchten, reduzierte sich die Hofkapelle im Kern auf die Gruppe der Hof- und Feldtrompeter.

Nicht ohne kuriose Episoden. Als Christian I. der allgemeinen Faszination des Sonnenkönigs und seines Hofes in Versailles unterlag, waren die Folgen am heimischen Hof erheblich: Der Herzog bereiste nicht nur Frankreich und legte sich den Beinamen „Louis“ zu, er trat auch zum Katholizismus über, ließ sich nichtsdestotrotz sogar scheiden und nahm 1664 die schöne Isabella Angelika von Montmorency zur zweiten Gemahlin. Als diese 1672 endlich in Schwerin auftauchte, versüßte ihr der Gatte die Ankunft mit einem achtköpfigen Streich-Orchester nach französischem Vorbild: den sogenannten Violons. Das Schweriner Glück war jedoch nur kurz. 1673 entfleuchte die Gemahlin schon wieder samt Tafelsilber und Musikanten. Die Hofkapelle war erneut passé.

Zu einer echten Neugründung der Mecklenburg-Schweriner Hofkapelle mit etatmäßiger Stärke von zwölf Mitgliedern, Anstellung von Hofmusikanten und der Berufung eines renommierten Kapellmeisters namens Johann Fischer kam es erst wieder 1701 unter Christian Louis’ I. Neffen Friedrich Wilhelm. Die Passion dieses ausgesprochenen Musikliebhabers war leichter zu befriedigen. Er orientierte sich an der blühenden Musikszene von Hamburg. Die alles entscheidende Wende im Schweriner Musikleben aber kam 1836 mit der Eröffnung des Großherzoglichen Hoftheaters. Dass dieses zu einer angemessenen Institution wurde, dafür sorgte Erbherzog Paul Fried­rich. Verheiratet mit Alexandrine, Tochter des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise, ließ er seinen Großvater Friedrich Franz I. wissen, dass seine Frau das Berliner Kulturangebot gewohnt sei und sollte man in Schwerin nichts Adäquates vorfinden, das Paar gezwungen sei, der Vergnügungen wegen den Winter in Berlin zu verbringen, was erheblich teurer würde.

Mit dem neuen Theaterbau stand nunmehr auch ein Ort für Opernaufführungen zur Verfügung, dessen Leitung für einige Jahre in den Händen des Komponisten Friedrich von Flotow lag, der vor allem auf Qualitätssteigerung durch das Engagement herausragender Künstler setzte. Unter die gastierenden Dirigenten und Virtuosen der Hofkapelle im 19. Jahrhundert reihten sich so klangvolle Namen wie Johannes Brahms oder Felix Mendelssohn Bartholdy. Schwerin war in aller Munde und wurde zum norddeutschen Ziel der Wagner-Verehrer. 1873 kam der Meister sogar persönlich in die Stadt, um sich eine Vorstellung des „Fliegenden Holländers“ anzusehen. Zum Besuch von Kaiser Wilhelm II. 1889 wurde eigenes eine einstündige Lohengrin-Fassung erarbeitet. Diese war wohl so überzeugend, dass der Kaiser 1905 die begabte Berliner Sängerin Frieda Hempel zum Einüben des Repertoires nach Schwerin schickte. Eine Praxis, die sich bis heute erhalten hat. Martin Winkler, der dieses Jahr den Alberich in Bayreuth singt, war zu Beginn seiner Karriere in Schwerin engagiert.

1918 noch Großherzogliche Hofkapelle, später Mecklenburgische Landeskapelle, wurde sie 1926 schließlich offiziell zur Meck­lenburgischen Staatskapelle Schwerin. Nach 1945 gehörten Kurt Masur, Klaus Tennstedt und Hartmut Haenchen zu den prägenden Generalmusikdirektoren. Als Ensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin ist das Orchester in alle Produktionen des Musiktheaters sowie in Ballettabende eingebunden. Ne­ben Sinfoniekonzerten und Kammermusik bilden seit Anfang der 1990er Jahre die Schlossfestspiele – 2013 „Die Fledermaus“ von Johann Strauß (bis 21. Juli) – und die Konzertreihe „Meck­Proms“ (3. bis 22. Juli) als sommerliche Open-Air-Veranstaltungen publikumswirksame Höhepunkte der Konzertsaison.

Die Umwälzungen nach der „Wende“ sind auch an Schwerin nicht spurlos vorübergegangen. Von 86 Musikern zu DDR-Zeiten sind heute noch 66 fest engagiert. Die Zukunft des Klangkörpers sieht Orchesterdirektor Gebhard Kern angesichts weiterer drohenden Streichungen daher auch eher düster. Bleibt dem Orchester nur zu wünschen, dass am Ende die Tradition über den Rotstift siegt. Helga Schnehagen


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