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15.06.13 / Die ostpreussische Familie / Leser helfen Lesern

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 24-13 vom 15. Juni 2013

Die ostpreussische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

wie würdet Ihr reagieren, wenn das Telefon läutet und eine unbekannte Stimme sagt: „Hier ist dein Freund aus alten Kindertagen, kannst du dich noch an mich erinnern?“ Wenn diese Jahre so weit zurückliegen, dass man sein Gedächtnis schon sehr strapazieren muss, wird zuerst ein atemloses Schweigen herrschen. Die Stimme scheint wie aus einer anderen Welt zu kommen. Misstrauen steigt auf: Will dich jemand reinlegen, vielleicht ist das ein neuer Betrügertrick nach dem Vorbild des lieben namenlosen Neffen, der nur mal eben 30000 Euro benötigt? Aber der Anrufer will ja kein Geld, er will dir nur sagen, dass er dich gefunden hat, nach fast 70 Jahren erfolgloser Suche. Und nun überglücklich ist und hofft, dass sich seine Euphorie auch auf dich überträgt. Die dann auch mehr oder weniger schnell – je nach Alter, Gesundheitszustand und Temperament – wie eine heiße Welle in dir hochsteigt und du nur stottern kannst: „Das darf doch nicht möglich sein!“

So oder ähnlich muss es jedenfalls der 77-jährigen Königsbergerin ergangen sein, die bis zur Flucht als Ursula Brandenburg auf dem Tragheim gewohnt hat und heute in einer kleinen niedersächsischen Stadt lebt. Als das Telefon ging, hat sie mit Sicherheit nicht im Entferntesten daran gedacht, dass sich ihr Freund und Mitbewohner von einst melden würde. Sie hatte ja überhaupt keine Ahnung, dass der zwei Jahre jüngere Spielgefährte noch lebt und seit Jahrzehnten nach ihr gesucht hatte. Und wir mit, denn Werner Mai aus Maisach hatte sich bereits im vergangenen Jahr an uns gewandt mit der Bitte, ihm bei der Suche nach Ursula Brandenburg und anderen Mitbewohnern des Hauses Schönstraße 11 helfen. Es hatten sich nach der Veröffentlichung Teilerfolge, aber auch Irrtümer ergeben, im Falle von „Ulla“ jedoch herrschte Schweigen. Keine Spur von seiner einstigen Freundin, mit der er in dem gemeinsam von beiden Familien bewohnten Obergeschoß des gegenüber der „Regierung“ gelegenen Hauses gespielt hatte. Mit der er Hand in Hand durch die brennenden Trümmer der Pregelstadt gelaufen war, wobei sie, die zwei Jahre ältere, den kleinen Freund immer beschützt hatte. Das bleibt eben unvergessen, und so wandte sich Herr Mai erneut an uns mit der Bitte, noch einmal den Namen seiner Freundin zu veröffentlichten. Was wir auch in Folge 19 taten, allerdings ohne das – gerettete – Foto, das die Kinder Hand in Hand auf dem Balkon des Hauses in der Schönstraße zeigt. Diese uns von Herrn Mai zugesandte Aufnahme traf leider erst auf der Redaktion ein, als die betreffende PAZ-Ausgabe bereits im Druck war.

„Na, dann behalten wir das Bild, bis wir Ursula Brandenburg gefunden haben!“, tröstete ich Herrn Mai am Telefon – und ahnte nicht, wie schnell sich diese Hoffnung erfüllen sollte. Einige Tage später erhielten wir eine Zuschrift mit den vermutlichen Adressen von mehreren in unserer Kolumne Gesuchten, darunter auch die Anschrift von einer Ursula Sch. geborene Brandenburg. Nach eingehender Recherche konnten wir gewiss sein, dass es sich um die von Herrn Mai gesuchte Freundin handelte, und ihm dies mitteilen. Seine Reaktion: unglaubliches Staunen und verhaltene Freude. Die dann in offenen Jubel überging, als er eine halbe Stunde später anrief: „Sie ist es, sie ist es!“ Nach 68 Jahren hatten sich die Kinder von einst als nunmehrige Senioren gefunden. Aber bereits in den ersten Gesprächen zeigte sich, dass sich ihr Lebensweg schon einmal gekreuzt hatte, ohne dass sie voneinander wussten: Beide waren auf der Flucht mit ihren Müttern auf der „Gustloff“ gelandet, beide mussten wieder das Schiff verlassen, und das war ihre Rettung. Vorerst wird es wegen der weit entfernten Wohnorte nur bei Telefonaten bleiben, aber ein Wiedersehen ist bereits geplant. Es scheint, als müssten beide die Gewissheit, dass sie sich gefunden haben, erst verarbeiten. Aber wir können nun diese wahre Geschichte mit einem Bild versehen, das besser nicht passen könnte: Ulla und Werner auf dem Balkon ihrer Wohnung in dem noch unzerstörten Königsberg.

Diese erst nach erneuter Veröffentlichung erfolgte Findung soll auch den Suchenden Mut machen, die bisher keinen Erfolg hatten, sich aber schon darüber freuen, dass wir uns ihres Problems angenommen haben. So Frau Ingrid Klose, für die wir in Folge 16 nach Personen gesucht hatten, die etwas über ihren Vater Helmut Tertel, *1909 in Salga, Kreis Lötzen, zu sagen wussten. Wie ich befürchtete, hat sich niemand gemeldet, der den Bankbeamten gekannt hatte, der im Geburtsjahr seiner Tochter – 1935 – durch einen Unfall ums Leben kam. Frau Klose erhielt aber vom Staatsarchiv in Allenstein die Auskunft, dass sich dort die Geburtsregister von 1909 befinden, und so hofft sie, wenigstens die Geburtsurkunde ihres Vaters zu bekommen. Dann könnte man aufgrund der dort verzeichneten Eltern etwas genauer nach der Familie forschen.

„Leider lesen eben nicht alle, die in Ostpreußen geboren wurden, das Ostpreußenblatt“, schreibt Frau Lilly Heinemann, die jede PAZ-Ausgabe mit Inbrunst liest. Das denke ich auch manchmal, wenn sich erst spät – und leider auch zu spät – die Lösung einer vor längerer Zeit veröffentlichten Suchfrage ergibt. Wir müssen und können uns auf unsere treuen Leserinnen und Leser verlassen, die ihre eigenen Erfahrungen und Kenntnisse mit einbringen, die auch nach neuen Informationsquellen suchen und dabei viel Zeit und Mühe aufbringen. Sie sind die großen Stützen unserer Familienarbeit, deren Erfolge manchen Außenstehenden kaum fassbar erscheinen. Es ist darum kein Wunder, wenn ihre Namen immer wieder auf unserer Seite auftauchen, so wie der von Herrn Dirk Oelmann aus Oranienburg, der gleich zweimal in der heutigen Ausgabe erscheint. Einmal hier in unserer Familie – und dann in unserem Extra-Beitrag. Unter den Zuschriften, die Herr Artur Kinzel auf die Frage nach dem Verbleib seines seit dem Russeneinfall vermissten Vaters erhielt, die wir in Folge 11 veröffentlichten, war auch die von Herrn Dirk Oelmann, die zwar keine Klärung des Schicksals von Artur Kinzel aus Rosengarten erbrachte, aber viel Informatives über die Lage der Orte im Kreis Heilsberg nach dem Zusammenbruch enthielt. Denn auch ein Zweig der Familie von Herrn Oelmann stammt aus dem Kreis Heilsberg, seine in Bleichenbarth geborene Großmutter heiratete 1938 nach Süßenberg, deshalb besitzt Herr Oelmann einige Unterlagen über diesen etwa sieben Kilometer von Heilsberg entfernten Ort. So auch ein Buch, das Briefe von den noch in der Heimat gebliebenen Süßenbergern an ihren Pfarrer enthält, darunter auch einen Bericht von Ferdinand Weiß vom 7. Mai 1946, dessen Frau eine geborene Kinzel war. Ferdinand Weiß berichtet emotionslos, aber umso eindrucksvoller von der Lage in dem Ort. Der Bericht zeigt auf, wie der Tod auch noch Monate nach der russischen Okkupation seine Opfer gefordert hatte. „Von den Süßenbergern ist kaum ein Drittel der Bevölkerung hier. Einige sind ausgewandert, aber die meisten haben auf dem Friedhof ihre Ruhe gefunden. Von uns ruht seit dem 3. Januar die Hildegard, Herr, gib ihr die ewige Ruhe! Auch starb Ostern Anna Haugrund bei uns. Franz und Elisabeth sind vor einem Jahr gestorben. Auch Tolksdorfs ruhen alle drei in ihrem Garten. Der Nachbar Kasnitz, Schwager Funk, Lingnau, Krause schlafen schon seit dem letzten Winter. In Süßenberg leben noch acht Männer, die meisten sind Greise. Auch vor kurzem ist Schwiegervater Kinzel verstorben.“ Soweit der Text aus dem Buch. Herr Oelmann versucht dann, weitere Angaben, die etwas unklar sind, zu ordnen. Ferdinand Weiß war Landwirt und Uhrmacher, seine Frau Hedwig, geborene Kinzel, war bei Kriegsende 46 Jahre alt, also etwa gleichaltrig mit dem vermissten Artur Kinzel. Es würde hier zu weit führen, auf die weiteren Personen aus dieser Familie, die Herr Oelmann auflistet, einzugehen. Er wollte damit für Herrn Kinzel eine breite Namenspalette auffächern, und das ist ihm auch gelungen. Ob und mit welchem Verwandtheits-Grad in der Familienskala sich eine Verbindung ergibt, ist noch offen.

Auch der Name Ute Eichler taucht oft bei uns auf, und immer bürgt er für eine Überraschung, zumeist für einen Fund, den die Leiterin des Archivs der Kreisgemeinschaft Lötzen wieder einmal gemacht hat. Und diesmal ist es eine ganz besondere Entdeckung, die vor allem unsere Landsleute aus dem Kreis Rastenburg betrifft, genauer die ehemaligen Schulkinder der Schule Sausgörken/Gut Sandlack. Und das kam so: Frau Eichlers ostpreußischer Ehemann und dessen Schulleiterkollege Wilhelm Kölling aus Dithmarschen stehen auch nach dem Abschied aus dem Schuldienst in Verbindung. Doch erst jetzt kommen immer mehr Ostpreußenbezüge zutage. So entdeckte Herr Kölling im Nachlass seines Vaters, dass dieser Mitte der 30er Jahre Briefkontakte zwischen den Schülern der Schule Deichhausen bei Büsum und den Schülern von Sausgörken vermittelt hatte. Solche Verbindungen kamen damals durch das Deutsche Jugendrotkreuz zustande. Erhalten haben sich aus den Jahren 1935/36 zwei Mappen mit Aufsätzen und thematischen Beschreibungen von den Schulkindern aus Sausgörken. Sie geben Einblick in das Leben der Bewohner des im Kirchspiel Barten gelegenen Dorfes – und sind heute authentische Zeugnisse einer vergangenen Welt, die noch in tiefstem Frieden lag. Um die insgesamt 53 Texte aufbereiten zu können, sucht Frau Ute Eichler nun nach den ehemaligen Schulkindern von Sausgörken, die sich an diesem Briefwechsel beteiligten. Es handelt sich um 31 Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen zehn und 14 Jahren. Hier ihre Namen:

Alma Badach, Erwin und Walter Barz, Gustav und Fritz Dreier, Bruno Dreyer, Walter Frank, Heinz Flor, Erna und Gertrud Gissel, Paul Grünheit, Erna und Otto Hildebrandt, Heinz Kastner, Lola Kohlfeld, Bruno und Helmut Krause, Hildegard Leinberger, Fritz und Lisbeth Majewski, Frieda Maletzky, Elfriede und Fritz Mindt, Alfred und Helmut Pietsch, Heinz Plaumann, Kurt Pörschke, Wilhelm Romey, Erwin und Herta Schiwek und Alfred Thiel.

Frau Eichler hofft, dass sich einige von den Genannten bei ihr melden oder dass sie Hinweise aus unserem Leserkreis erhält, ob und wo die ehemaligen Schulkinder von Sausgörken heute leben. Es war ja nur ein kleiner Ort mit 360 Einwohnern. Deshalb tauchen unter den Namen viele Geschwister auf. Die einklassige Dorfschule muss aber einen sehr engagierten Lehrer gehabt haben, der seine Schüler zu der Teilnahme an dem Briefaustausch anregte. Was er nicht ahnen konnte: Durch den Erhalt der Texte könnte in Verbindung mit Aussagen der heute noch lebenden Schulkinder von Sausgörken eine einmalige Dokumentation entstehen, die Vergangenheit und Gegenwart verbindet. (Ute Eichler, Bilenbarg 69, 22397 Hamburg, Telefon 040/6083003, Fax 040/60890478, E-Mail: KGL.Archiv@gmx.de

Eure Ruth Geede


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