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15.06.13 / Wetter macht, was es will / Die Geschichte des Klimas

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 24-13 vom 15. Juni 2013

Wetter macht, was es will
Die Geschichte des Klimas

Wer die Innenseite des Buchumschlags „Geschichte des Klimas“ von Frank Sirocko aufklappt, findet eine „Zeittafel Klimageschichte“, die nichts erklärt, aber eines klar zeigt: Zu keiner Zeit in den letzten 60 Millionen Jahren war das Klima konstant. Folgerichtig lautet das erste Kapitel „Wetter und Klima ändern sich: gestern – heute – morgen“. Dies betrifft ebenso das vor und zurück der Alpengletscher wie das Auftreten von Hochwasserereignissen. Der Main in Würzburg verzeichnet den absolut höchsten Pegelstand beim Jahrtausendhochwasser am 21. Juli 1342. Dann folgen der 29. Februar 1784, der 30. März 1845 und erst an 14. Stelle das Hochwasser vom 6. Januar 2003. Die Extremereignisse fanden alle zu einer Zeit statt, „als der Mensch die Natur noch nicht beeinflusste“.

Das zweite Kapitel handelt über die wichtigsten Prozesse im Klimasystem. Dabei geht es um die Kontinentalverschiebungen, die Umlaufbahnen der Erde um die Sonne, die Sonnenaktivitäten, den Vulkanismus, die Luft- und Meeresströmungen. Das sind alles Naturvorgänge, die nichts mit der Existenz des Menschen zu tun haben und von ihm nicht beeinflusst werden können. Ein weiteres Kapitel widmet sich den diversen Klimaarchiven, denn, da es keinen Naturvorgang namens Klima gibt, muss man den Spuren des Wetters in der Natur – seinen Auswirkungen auf Vegetation und Tierwelt, die Böden und See- und Meeressedimente, die Kalkbildungen in Tropfsteinhöhlen, die Eisschichten – nachgehen, um mit diesen Hinweisen das ewige Auf und Ab der Temperaturen und Niederschläge zumindest zu rekonstruieren. Im nächsten Kapitel wird versucht, die vielen Klimaveränderungen im Zeitalter des Quartärs nachzuzeichnen. Dann folgt eine Beschreibung des unregelmäßigen Rhythmus der Kalt- und Warmzeiten in den letzten 600000 Jahren.

Ist allein die Rekonstruktion des zeitlichen Ablaufs des Klimas ein komplexes und schwieriges Problem, so ist eine wahre Ursachenanalyse völlig unmöglich. Dies betrifft selbst die Interpretation der holozänen Klimaarchive und ihre Datierung nach der letzten Eiszeit vor etwa 10000 Jahren. Sogar die historische Klimaentwicklung, beginnend mit dem römischen Klimaoptimum (50 v.–250 n. Chr) und der nachfolgenden Völkerwanderung (250–500 n. Chr.), ist voller offener Fragen. Der Übergang der Germanen über den zugefrorenen Rhein in der Neujahrsnacht 406/407 ist aus der für dieses Jahr berechneten Temperaturanomalie aus Baumringweiten nicht abzulesen. Für die „Klima-anomalien“ des Mittelalters zwischen 500 und 1300 n. Chr., die Katastrophen des 14. Jahrhunderts, die Kleine Eiszeit von 1350 bis 1830 n. Chr. und die „Wetterextreme“ der letzten 100 Jahre, gibt es Beschreibungen, aber keine Erklärungen.

So angenehm auch das Buch zu lesen ist, so befremdend ist, wie der Autor immer wieder dem „Zeitgeist“ huldigt und versucht, dem Kohlenstoffdioxid CO2 und dem „Treibhaus-Effekt“ einen Einfluss auf die Klimageschichte anzudichten. Dieses krampfhafte Bemühen stört so, dass es interessierte Laien abstößt. Um die „Erwärmung“ ab etwa 1830 als „menschengemacht“ und singulär hinstellen zu können, muss insbesondere das mittelalterliche Klimaoptimum heruntergeredet werden. Dazu einige Textstellen von Sirocko: „Dieses mittelalterliche Klimaoptimum spielt eine große Rolle in der heutigen Klimadiskussion … allerdings gibt es keine Anzeichen, dass die Temperaturen im Mittelalter wirklich höher waren als heute … der beste Beweis für die Klimagunst des Mittelalters ist vermutlich der Anbau von qualitativ gutem Wein in England … nach Hubert Horace Lamb gab es in England von 1050 bis 1250 keine Nachtfröste und die Sommertemperaturen lagen um etwa ein Grad höher als heute.“ Dieser Kotau vor der Politik zu Beginn des Zitats ist mehr als nur ärgerlich, auch wenn das Bundesministerium für Bildung und Forschung das paläoklimatische Forschungsprogramm von Frank Sirocko über viele Jahre hinweg finanziert hat. Wolfgang Thüne

Frank Sirocko: „Geschichte des Klimas“, Theiss Wissen Kompakt, 2013, 188 Seiten, 19,95 Euro


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