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15.06.13 / »Katholisches Oberbayern war für uns ein Glücksfall« / Juden berichten, wer ihnen half, den Holocaust zu überleben

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 24-13 vom 15. Juni 2013

»Katholisches Oberbayern war für uns ein Glücksfall«
Juden berichten, wer ihnen half, den Holocaust zu überleben

Allein in Berlin konnten sich rund 250 Kinder dem Zugriff der NS-Häscher entziehen. 15 von ihnen schildern in „Uns kriegt ihr nicht. Als Kinder versteckt – jüdische Überlebende erzählen“ ihre damaligen Erlebnisse, manche zum wiederholten Male, manche haben bis jetzt gebraucht, um sich die Last von der Seele zu schütteln. „Es befreit mich heute, über meine Geschichte zu reden und sie gedruckt zu sehen“, so Hana Laufer, die bislang geschwiegen hatte.

Jedes Schicksal ist einmalig. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten als Regel, so die Vielzahl der Helfer und der Quartiere, die jeder Gerettete zum Überleben benötigte. Keiner von denen, die das Buch porträtiert, zählte zu den nur abstrakt Gefährdeten. Alle waren von der Deportation unmittelbar bedroht, der sie aber entkamen, teils glücklicher Umstände wegen, teils dank der eigenen Courage, teils dank der Hilfe Dritter. Meist haben alle Faktoren zusammengewirkt.

In der Regel waren die Helfer Hitler-Gegner. Aber erstaunlich häufig heißt es so oder sinngemäß wie bei Margot Friedländer ausdrücklich: „Der Lagerleiter mochte die beiden, sie waren gute Arbeiter. Er gab ihnen ein separates Zimmer auf dem Gelände, duldete stillschweigend, dass ihre kleine Tochter mit ihnen lebte.“

War es hier der Lagerleiter, so ist es im nächsten Beitrag der Blockwart, der die Augen zudrückt, dann ein junger Leutnant, dann ein „tausendprozentiger Nazi“. Ganze Regionen werden mit Lob bedacht: „Das katholische Oberbayern war für meine Mutter und mich ein Glücksfall. Die meisten Leute, vor allem auf dem Land, waren gläubige Katholiken und standen den Nazis eher ablehnend gegenüber.“ Oder: „In der Brunnenstraße wohnten viele gute Leute, die uns manchmal etwas zusteckten. Jeder wusste, dass wir Juden waren. Es war eine Arbeitergegend mit einfachen Häusern … Andere Nachbarn sagten: ‚Passt auf, der von der Nummer 9 ist in der Partei. Vor dem müsst ihr euch in Acht nehmen.’ Wieder andere schnitten uns, schwärzten uns aber nicht an.“

Aus dem Rahmen fällt Heinz „Coco“ Schumann. „Der Musik verdanke ich mein Leben“, ist sein Beitrag überschrieben. Auch in den Kriegsjahren hat er in Berlin Musik gemacht. „Alle in der Band schützten mich. Einmal stand einer der SS-Männer direkt vor der Bühne und klatschte im Rhythmus meiner Gitarre.“ Mit der Begründung, er habe auf der Bühne den Judenstern nicht getragen, wurde er festgenommen und nach Theresienstadt deportiert. Dort gelang ihm der Anschluss an die „Ghetto-Swingers“, denen es erlaubt war, im Lager Jazz und Swing zu spielen. Doch im Oktober 1944 wurde er nach Auschwitz verlegt: „Vor den Toren des Lagers musste ich spielen, die Lagerleitung wünschte sich ‚La Paloma’ während die Menschen ihren letzten Weg ins Gas gingen.“

Alle Beiträge beeindrucken. Sie sind anschaulich und glaubwürdig. Es ist erfreulich, dass sich immer noch Zeitzeugen von damals vernehmen lassen. Sie verdienen unsere Beachtung. Konrad Löw

Tina Hüttl/Alexander Meschnig: „Uns kriegt ihr nicht. Als Kinder versteckt – jüdische Überlebende erzählen“, Piper, München 2013, 288 Seiten, 19,99 Euro


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