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06.07.13 / Die Erweckung der Steinzeit / Abenteuer Archäologie: Wie aus ein paar alten Speeren ein neues, millionenteures paläontologisches Museum erwuchs

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-13 vom 06. Juli 2013

Die Erweckung der Steinzeit
Abenteuer Archäologie: Wie aus ein paar alten Speeren ein neues, millionenteures paläontologisches Museum erwuchs

Irgendwo im niedersächsischen Niemandsland haben Architekten ihre ganze Kreativität entfaltet. In Schöningen bei Helmstedt bietet ein neues Museum einen futuristischen Kontrast zu seinen Ausstellungsschätzen aus der Steinzeit. Dank einiger uralter Speere, die in der Gegend gefunden wurden, wurde dort jetzt das ultramoderne Forschungs- und Erlebniszentrum Paläon eröffnet.

Am Rande des Schöninger Braunkohletagebaus unweit der früheren innerdeutschen Grenze scheint ein Ufo gelandet zu sein. Tatsächlich aber handelt es sich um ein Forschungs- und Erlebniszentrum, das seinen Besuchern einen Ausflug in die Altsteinzeit gewährt. Es heißt Paläon, abgeleitet von „Paläolithikum“, was „Altsteinzeit“ bedeutet. Seine Hauptattraktion sind die seit 1994 in unmittelbarer Nähe bei der archäologischen Begleitung des Braunkohleabbaus entdeckten „Schöninger Speere“. Mit ihrem Alter von 300000 Jahren sind sie eine Weltsensation, handelt es sich doch um die ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Menschheit.

Mit dem Paläon ist dem in Zürich und Berlin ansässigen Architekturbüro von Barbara Holzer und Tristan Kobler ein großer Wurf gelungen. Ein auf unregelmäßig sechseckigem Grundriss kantig aufragender Fremdkörper, der sich gleichwohl mit der Umgebung arrangiert, denn auf seiner spiegelnden Außenhaut bilden sich Landschaft und Himmel ab. Im Inneren des dreigeschossigen Gebäudes entwickelt grauer Sichtbeton seinen spröden Charme, begleitet von maigrünen Einbauten und magentafarbenen Treppenwangen. Träger des „paläon“ ist die im Landkreis Helmstedt gelegene Stadt Schöningen, Hauptfinanzier das Land Niedersachsen, das 15 Millionen Euro aufwendete. Das eine Nutzfläche von 2000 Quadratmetern aufweisende Bauwerk ist von einem

24 Hektar großen Landschafts-park umgeben, den ein Berliner Architekturbüro gestaltet hat. Seine Pflanzengesellschaft, zu der Ahorn und Linde, Holunder und Heckenkirsche gehören, orientiert sich an der Vegetation eines warmzeitlichen Zyklus der Urzeit.

Im ersten Obergeschoss des Paläon ist ein Forschungsbereich eingerichtet. Das Besucherlabor hält für den interessierten Laienforscher „Fundboxen“ bereit. In ihnen liegt pflanzliches und tierisches Material, das es unter fachkundiger Anleitung zu bestimmen gilt. Es schließen sich zwei Labore für Wissenschaftler an. Denn nach wie vor wird der Braunkohletagebau archäologisch begleitet – und täglich könnte es zu neuen sensationellen Entdeckungen kommen. Schöningen gehört zu den zehn bedeutendsten Grabungsstellen der Altsteinzeit.

Herzstück des Paläon ist die sich im zweiten Obergeschoss auf 600 Quadratmetern ausbreitende Dauerausstellung. Für die wissenschaftliche Betreuung der Funde ist das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege zuständig. An der Konservierung, Aufarbeitung und Auswertung der Objekte sind das Senckenberg Forschungsinstitut und das Naturmuseum Senckenberg in Frankfurt sowie das Römisch-Germanische Zentralmuseum Mainz und das Deutsche Archäologische Institut beteiligt.

Die Architekten haben eine bizarre weiße Ausstellungsarchitektur mit unregelmäßigen Ecken und Kanten entwickelt, in deren Nischen und Höhlen Wissen über unseren Urahnen – den Homo heidelbergensis – sowie seinen Lebensraum vor rund 300000 Jahren anhand von archäologischen Funden, kurzen Filmen und Texttafeln vermittelt wird.

Immer wieder wird versucht, Bezüge zu uns und unserer Lebenswelt herzustellen. Schließlich lautet das Motto der Schau: „Entdecke den Urmenschen in dir!“ Stefan Winghart, Präsident des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege, erklärt: „Die Erkenntnisse, die uns diese Funde eröffnen, erweitern unser Bild vom Menschen, seinen Fähigkeiten und der Dauer kultureller Entwicklung. Sie berühren uns direkt, denn am Ende der Ent­wick­lung stehen wir selbst, die heutigen Menschen.“

Auffällig und ungewöhnlich ist die ästhetische Überformung der Präsentation. Für die haben Künstler gesorgt. So hat Misha Shenbrot eine 30 Meter lange und vier Meter hohe Collage aus Bildern und Texten, kurzen Filmen, Tierpräparaten und Knochen, etwa von Kragenbär und Höhlenlöwe, sowie Haselnüssen und anderen pflanzlichen Überresten erarbeitet. Sie zeigt den Ablauf einer Hunderttausende Jahre zu­rück­liegenden Warmzeit in Schöningen. Die geologischen Besonderheiten des Fundortes gewähren auf einzigartige Weise Einblicke in die Klimaentwick­lung einer gesamten Warmzeit zwischen zwei Eiszeiten.

Zum Publikumsliebling dürfte die äußerst lebensecht wirkende Nachbildung eines Heidelberger Menschen (Homo heidelbergensis) werden. Der arme, spärlich behaarte Kerl ist nackt, wie die Künstlerin und Dermoplastikerin Elisabeth Daynes ihn schuf. Sie hätte ihm ruhig einen Lendenschurz gönnen können, zumal Fachwissenschaftler annehmen, dass diese Urmenschen mit Fellen gekleidet waren. Der Heidelberger Mensch hält einen Pferdeschädel in der Hand und blickt nachdenklich drein. Vertreter jener Spezies werden die Schöninger Speere zugeschrieben. In der sogenannten „Speerekapelle“ sind sie ausgestellt. Fünf der aus Fichtenholz hergestellten, über zwei Meter langen und um die 500 Gramm schweren Speere sind in einer Vitrine versammelt. Als Solisten treten ein weiterer Speer sowie eine Lanze auf.

Entdecker der Speere ist Hartmuth Thieme. Er schwärmt: „Schöningen liefert erstmals eine Serie qualitätvoll bearbeiteter, exzellent erhaltener Holzgeräte aus der Frühzeit des Menschen. Dies erhellt ganz wesentlich die frühe menschliche Kulturgeschichte. Am meisten überraschte, dass Menschen so früh technisch ausgefeilte Wurfsperre benutzten.“ Das hat unser Bild vom Urmenschen revolutioniert. Wurde er zuvor als schlichter Aasfresser beurteilt, werden ihm nun ein komplexes Sozialgefüge, ausgeklügelte Jagdstrategien und die intellektuellen Fähigkeiten vorausschauenden und planenden Denkens und Handelns zugeschrieben. Fundort der Speere war ein ehemaliges Jagdlager an einem flachen Gewässer. Tausende von Knochenfunden bekunden, dass die Urmenschen Pferde erlegten und schlachteten. Emotionaler Höhe- und Schlusspunkt des Rundgangs ist ein Film, der die Pferdejagd zeigt, wie sie vor 300000 Jahren stattgefunden haben könnte.

Gegen Ende der Vorführung tanzen die „Urmenschen“ am Lagerfeuer, bevor Menschen der Gegenwart bei einem Grillabend zu sehen sind. Diese Gleichsetzung aber erscheint arg weit hergeholt. Veit-Mario Thiede


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