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06.07.13 / Als Königsberg ein Spionagenest war / Russische Neuerscheinung zu den Aktivitäten der Agenten in Ostpreußen während der Zwischenkriegszeit

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-13 vom 06. Juli 2013

Als Königsberg ein Spionagenest war
Russische Neuerscheinung zu den Aktivitäten der Agenten in Ostpreußen während der Zwischenkriegszeit

In Russland sind lange verschollen geglaubte Akten des Polizeipräsidiums Königsberg aufgetaucht. Auf Grundlage jener Akten der Jahre 1924 bis 1942 in Verbindung mit bislang geheimen Dokumenten des sowjetischen Geheimdienstes NKWD hat der russische Historiker Oleg Cerenin kürzlich in Moskau ein Buch mit dem Titel „Spionagenest Königsberg“ herausgegeben, in dem er detailliert das Agieren polnischer, sowjetischer und deutscher Geheimdienste in Ostpreußen beschreibt.

Der sowjetische Geheimdienst spionierte bereits seit Beginn der 20er Jahre rege in Ostpreußen, wobei sich die „Freie Stadt“ Danzig als Sitz für sowjetische Geheimdienstresidenturen mit Operationsziel Ostpreußen geradezu anbot. Selbst aus dem benachbarten Litauen – dort vor allem durch die zum militärischen Geheimdienst GRU gehörigen sowjetischen Militärattachés – wurde Ostpreußen nebst dem dort stationierten deutschen Militär ausgespäht. Es überraschen die von Cerenin an dieser Stelle genannten Klarnamen zweier wichtiger sowjetischer Spione in Ostpreußen, die der Historiker beim Aktenstudium enttarnen konnte.

Der namhafte Nationalökonom und hochdekorierte frühere Berufsoffizier promovierte Professor Dietrich Preyer (1877–1959) war nicht nur stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Nationalen Volkspartei in der Provinz Ostpreußen von 1920 bis 1933 und Reichstagsabgeordneter von 1924 bis 1930. Ausgerechnet im Jahr 1933 war Preyer sogar gewählter Rektor der Albertus-Universität zu Königsberg. Nachdem man Preyer ab 1926 aufmerksam beobachtet und „bearbeitet“ hatte, gelang es angeblich der Auslandsabteilung INO des NKWD, ihn 1929 während einer Moskaureise, die er gemeinsam mit seiner Sekretärin Gertrud Lorenz unternahm, als Agenten anzuwerben. Da Preyer in Kreisen von Industrie und Wirtschaft gut vernetzt war, lieferte er massenhaft wertvolle Informationen über die Einstellung deutscher Wirtschaftskreise zur Sowjetunion. Preyer wurde auf finanzieller Basis angeworben.

Selbst im persönlichen Umfeld des ostpreußischen NSDAP-Gauleiters Erich Koch besaß das NKWD einen treuen und langjährigen Informanten. Seine Decknamen lautete „Luks“ und er informierte ausführlich über alle Ostpreußen betreffenden Probleme. Hierbei soll es sich gemäß der Recherchen von Cerenin um Erich Kochs Rechts- und Steuerberater Bruno Dziuba gehandelt haben.

Eine andere wichtige, wenngleich unfreiwillige sowjetische Informationsquelle in Königsberg stellte der japanische Konsul Hini Sugahara dar. Er telegrafierte bis zum 22. Juni 1941 alle seine politischen und militärischen Beobachtungen in Ostpreußen chiffriert via Moskau nach Japan. Da eifrige sowjetische Codeknacker seine Chiffre brachen, lasen sie manche wichtige Beobachtung mit. So war aus dem Bericht des Konsuls vom 31. Mai 1941 ersichtlich, dass sich in den Häfen von Memel und Pillau viele militärische Transportschiffe sammelten, Ostpreußen sich mit Truppen füllte und Sugihara auf seiner Bahnfahrt von Berlin nach Königsberg am 29. Mai 1941 unterwegs insgesamt 29 Militärtransporte begegneten.

Manches des von Cerenin Geschilderten ist nicht neu, wie etwa der aufsehenerregende bewaffnete Grenzzwischenfall von Neuhöfen, Kreis Marienwerder. Damals hatte der polnische Geheimdienstler und Grenzwachtkommissar Adam Biedrzynski versucht, einen deutschen Kriminalbeamten anzuwerben. Als letzterer zum Schein auf das Angebot einging und am 24. Mai 1930 auf deutschem Boden in der Passkontrollstation Neuhöfen einige Geheimdokumente an den Polen übergab, entwickelte sich jäh und unverhofft ein Schusswechsel. Deutscherseits versuchten nämlich sechs mit Pistolen bewaffnete Polizeibeamte, den Polen auf frischer Tat zu verhaften, der wiederum zu seiner Abdeckung acht mit Karabinern ausgerüstete polnische Grenzschützer unmittelbar an der deutschen Grenze postiert hatte. Zwar mussten sich die waffentechnisch unterlegenen deutschen Polizisten eiligst zurückziehen und hatten einen Schwerverletzten zu beklagen. Doch konnten sie Biedrzynski mit sich fortschleppen. Außerdem hatte ein polnischer Grenzschützer schwere Verletzungen erlitten und verstarb auf deutschem Boden. Biedrzynski wurde anschließend wegen Spionage und versuchter Tötung vom Reichsgericht Leipzig zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, doch schon wenige Jahre darauf gegen deutsche, in Polen ertappte Spione ausgetauscht.

Auch eine weitere von Cerenin ausführlich beschriebene polnische Spionageattacke aus den 30er Jahren ist nicht neu, wenngleich der polnische Geheimdienst sich seinerzeit auf seine List viel einbildete und glaubte, die Deutschen würden nie auf den angewendeten Trick kommen. Jene von der Bromberger Geheimdienstfiliale des Majors Zychon vom polnischen militärischen Geheimdienst organisierte Aktion namens „Wusek“ bestand darin, eine Besonderheit des Eisenbahnverkehrs im Polnischen Korridor auszunutzen. Deutsche Bahnbeamte übergaben dabei verplombte Waggons mit Post- und Kuriergut in die Obhut polnischer Bahnbeamte, die diese Güter bis an die Grenze zu Ostpreußen begleiteten. Mittels eigens beschaffter deutscher Originalbleiplomben und nachgemachter Plombenzangen wurden sodann während der Fahrt im polnischen Korridor die Postwaggons heimlich geöffnet, das Schriftgut militärischer und amtlicher deutscher Stellen gelesen und abfotografiert. Fand sich sehr viel interessierendes Schriftgut an, so wurde der Waggon „aus Versehen“ auch schon mal auf ein Abstellgleis bugsiert und dann 24 Stunden genau durchforscht. Allerdings blieb diese Operation der deutschen Spionageabwehr nicht, wie Cerenin fälschlich angibt, verborgen. Denn mittels einer aufwendigen kriminaltechnischen Untersuchung wurde seinerzeit die Benutzung gefälschter deutscher Plomben durch den polnischen Geheimdienst nachgewiesen. Wichtiges Schriftgut wurde seitdem nur noch auf dem Luft- oder Wasserweg nach Ostpreußen befördert. Jürgen W. Schmidt


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