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06.07.13 / Kraft Liebe geformt / Ausstellung in Rheinbach zeigt deutsche Glaskunst mit böhmischem Einschlag

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-13 vom 06. Juli 2013

Kraft Liebe geformt
Ausstellung in Rheinbach zeigt deutsche Glaskunst mit böhmischem Einschlag

Die Glasveredlung ist im Eifelstädtchen Rheinbach dank der Ansiedlung vertriebener sudetendeutscher Facharbeiter und Fachschullehrer nach dem Zweiten Weltkrieg heimisch geworden. Franz Wendler und seine Ehefrau Linda gehörten zu den engagierten Persönlichkeiten, die über Jahrzehnte das traditionelle Handwerk vor Ort und die deutsch-tschechische Freundschaft weitgehend mitgeprägt haben. Franz Wendler trug mit seiner Werkstatt in Rheinbach zur Etablierung der Glasveredlung bei und verkörperte ein lebendiges Stück europäischer Glaskunstgeschichte. Für sein soziales Engagement erhielt er die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Im Jahre 2013 hätten die Wendlers ein Doppeljubiläum feiern können: Der Graveur wäre 100, die Glasmalerin 75 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass zeigt das Glasmuseum Rheinbach eine Retrospektive mit insgesamt rund 300 Exponaten der beiden Glasgestalter. Die Ausstellungsstücke stammen teilweise aus den Beständen des Gastgeberhauses, zum anderen sind es Leihgaben der Glasmuseen Wertheim und Steinschönau [Kamenický Šenov]. Darüber hinaus hat die Museumsleiterin Ruth Fabritius über einen Aufruf in der Presse auch von 30 privaten Sammlern einige seltene Wendler-Gläser für die Dauer der Schau erhalten.

Auch wenn das Künstlerpaar Wendler aus alten Glashandwerkerfamilien aus Nordböhmen kamen, durchschritten die beiden dennoch unterschiedliche Lebensstationen. Gemeinsam pflegten sie die Leidenschaft für die Glasgestaltung, die jeder für sich entdeckt und entwickelt hat. In der Ausstellung stehen die wertvollen Glaskreationen der beiden Künstler im Fokus, doch werden auch anhand von Archivfotografien und Erinnerungsstücken die Lebensläufe der Wendlers sowie deren Einbettung in die Zeit dokumentiert.

Der begnadete Graveur Franz Wendler wurde im Jahre 1913 in München geboren. Bald danach kehrte seine Familie nach Nordböhmen zurück, wo sie in Zwitte bei Lindenau, in Haida und in Böhmisch Leipa lebte. In Langenau bei der Firma R. Markowsky hat Wendler seine Lehre zum Glasgraveur absolviert. Im Alter von 23 Jahren gründete er eine eigene Werkstatt in Haida. Bis 1945 war er Soldat, der Betrieb in Nordböhmen wurde enteignet. Wendler verblieb nach dem Krieg in Westdeutschland und gründete eine neue Werkstatt in Bedburg/Erft. 1950 kam er nach Rheinbach, wo sich inzwischen viele vertriebene Glasveredlerfamilien aus Nordböhmen niedergelassen hatten.

Wendlers „Spezialitäten“ waren meisterliche Ornamentgravuren. In der Ausstellung sind herausragende Arbeiten zu sehen, die deutlich seine Handschrift tragen. Erst beim genauen Hinsehen sind perfekt geführte Linien, präzise umschnittene Blättchen sowie geblänkte und minutiös aneinandergereihte Kügelchen auf mehreren Gläsern und Vasen zu entdecken. Der Künstler verband auf handwerkliche Akribie mit der Liebe für das Ornament. Auch wenn einige Gläser die gleiche Grundform haben, sind es dennoch dank Wendlers facettenreiche Veredlung Unikate. Das zeigt, dass die Erfindungsgabe des Künstlers innerhalb des Formenrepertoires der Ornamentik nahezu unerschöpflich war.

„Die fein geschnittenen Linien, Blätter und Girlanden sind aber mehr als nur Dekor. Franz Wendler verstand sie als Hymnus an die Schönheit, als Verbeugung vor dem Wunder des Werkstoffes Glas. Indem wir mit unseren Augen den Feinheiten seiner Ornamente nachgehen, zeichnen wir gewissermaßen die Bewegungen seiner Hände vor dem Gravurrad nach“, betonte Museumsleiterin Ruth Fabritius bei der Ausstellungseröffnung. Sie fügte hinzu: „Für Franz Wendler bedeutete gravieren gleichzeitig meditieren. Wir, die Betrachter, haben die Chance, ebenfalls eine ganz besondere Form der Meditation in Glas nachzuvollziehen.“

Wer die Ausstellung besucht, hat es nicht leicht, einige Höhepunkte aufzuzeigen. Aus der Fülle der Exponate sei auf herausragende Stücke hingewiesen, wie „Hohe Bechervasen“ aus der Glashütte Ludwigsthal, „Jugendstilrömer und Theresienthal-Fußbecher“ mit floral-linearem Design, „Jugendstil-Römer“ aus der Riedlhütte für Nachtmann aus Kristallglas mit bernsteinfarbenem Überfang und aufwendigem Schnittdekor sowie „Fußbecher und Ranftbecher“ mit Porträtgravur.

Die Lebensgeschichte von Linda (Gerlinde) Wendler verlief etwas anders als die vieler ihrer sudetendeutschen Landsleute. Sie wurde 1938 in Haida [Nový Bor] geboren und musste mit ihrer Familie als gefragte Fachkräfte für Glasmalerei in der Tschechoslowakei bleiben. Nach der Ausbildung zur Glasmalerin in Haida siedelte sie 1967 nach Deutschland um, arbeitete in der Rheinbacher Glasmalerei Markowsky und bis 1985 im Glasveredlungsbetrieb Wendler. Sie belegte Meisterprüfungslehrgänge in Rheinbach und an der Glasfachschule Zwiesel als Glas- und Porzellanmalerin und war nach der Meisterprüfung als Fachlehrerin in Rheinbach tätig.

Aus ihrer sudetendeutschen Heimat brachte Linda Wendler unter anderem die Tradition der virtuosen Emailmalerei mit feinen Abschattierungen und Vergoldungen mit. In der Ausstellung sind mehrere Dosen zu sehen, die mit dieser Technik veredelt wurden. Weitere herausragende Exponate sind die „Hohe Vase“ mit Flachemail und Goldmalerei, die „Hohe Balustervase“ aus Hyalithglas, bunt schattiert, mit leichtem Hochemail sowie die „Sektgläser“ grüne Kuppa mit Malerei in der sogenannten „Quarkmännchentechnik“. Eine Besonderheit ist auch der Fußbecher mit der Transparentmalerei Prag-Vedute.

Die exzellente Ausstellung ist im Rheinbacher Glasmuseum bis zum 6. Oktober zu besichtigen. Dieter Göllner


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