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06.07.13 / Eine Kanalfahrt, die ist lehrreich / Ein Stück Technikgeschichte – Faszination Schiffsreise auf dem Oberländischen Kanal im südlichen Ostpreußen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-13 vom 06. Juli 2013

Eine Kanalfahrt, die ist lehrreich
Ein Stück Technikgeschichte – Faszination Schiffsreise auf dem Oberländischen Kanal im südlichen Ostpreußen

Der Oberländische Kanal ist ein Wunderwerk der Technik. Auf fünf Rollbergen werden die Schiffe auf Schienenwagen über Land bewegt, um einen Höhenunterschied von knapp 100 Metern zu überwinden. Erbaut wurde der Kanal vor mehr als 150 Jahren von dem aus Königsberg stammenden preußischen Baurat Georg Steenke.

Für Reisende, die Aufenthalte in Danzig, Dirschau und der Marienburg eingelegt haben, steht gewöhnlich eine Fahrt mit dem Ausflugsschiff auf dem Oberländischen Kanal auf dem Programm. In umgekehrter Richtung wird die Fahrt auf dem Kanal ab Preußisch Eylau, Osterode oder ab einer anderen Haltestelle unternommen. Es verkehren noch immer die alten Ausflugsschiffe der Weißen Flotte, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg im Einsatz waren. Mittlerweile sind auch Privatboote auf dem Kanal zugelassen. Die Fahrt beginnt auf dem Elbing-Fluss und führt über den Drausensee, der Vogelschutzgebiet ist. Bald danach geht der Wasserweg in den Kanal über, der von einem Wall mit einem Kanal für die Schleppvorrichtungen begleitet wird. Hinter den Wällen erstrecken sich weite Schilf- und Binsenflächen.

Weltweit einmalig ist die Überwindung des Unterschieds von fast 100 Höhenmetern zwischen dem Elbing-Fluss, der ins Frische Haff mündet, und dem masurischen Oberland allein durch Wasserkraft. Bei Kleppe kommt die erste geneigte Ebene von Neu Kussfeld in Sicht, und im Verlauf von einigen Stunden passiert das Ausflugsschiff insgesamt fünf geneigte Ebenen bergauf, um den Höhenunterschied zu überwinden.

Für die Teilnehmer einer Fahrt auf dem Oberländischen Kanal ist es ein ungewöhnliches und unvergessliches Erlebnis, wenn das Schiff auf einer Lore im Pendelverkehr an der Rampe hochgezogen wird. Zum Transport der Schiffe sind die fünf Rollberge des Kanals mit Loren und Standseilbahnen ausgerüstet. Die Seile werden von Wasserrädern und Turbinen bewegt. Seit seiner Eröffnung vor mehr als 150 Jahren ist dieses Wunderwerk der Wasserbaukunst, das allein aus wirtschaftlichen Gründen errichtet wurde, auch eine Touristenattraktion. Hinter Osterode beginnt das zusammenhängend schiffbare Gebiet der oberländischen Seen. Die Hauptstrecke des Oberländischen Kanals zwischen Elbing und Osterode hat eine Länge von 82 Kilometern, was eine Fahrtzeit von elf Stunden bedeutet. Insgesamt beträgt die Länge der Wasserstraße mit allen Abzweigungen knapp 130 Kilometer. Als herausragendes technisches Denkmal wurde der Oberländische Kanal im Jahr 1997 in das Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen.

Bei einer der Schleppstationen gibt es für die Fahrgäste eine Gelegenheit, sich das Maschinenhaus anzusehen. Dort steht die Seiltrommel, deren Antrieb über ein Untersetzungsgetriebe durch ein unterschlächtiges Wasserrad erfolgt. Geräuschvoll wie in einer Wassermühle drehen sich die gut geschmierten Zahnräder, wenn der Maschinist die Ventile für den Wasserzufluss des Mühlrads von acht Metern Durchmessern geöffnet hat. Dabei werden 200 Liter Wasser pro Sekunde verbraucht. Mit Hilfe eines Bremshebels regelt der Maschinist die Geschwindigkeit am großen Schwungrad. Zur Wasserversorgung dient das Kanalsystem entlang der Strecke, auf welcher der Höhenunterschied von 100 Metern überwunden wird. Nachdem das Wasser durch einen Antrieb geflossen ist, strömt es zur weiter talwärts gelegenen Ebene und steht der dortigen Station zur Verfügung. Seit der Inbetriebnahme müssen die Drahtseile etwa alle 50 Jahre gewechselt werden. Vor einigen Jahren wurden die Schienen erstmals erneuert, hingegen sind die Führungsrollen der Seile auf den Ebenen noch immer im Original vorhanden.

Der Bedarf einer Schiffsverbindung zwischen dem seenreichen Oberland (Hockerland) mit seinem reichen Holzvorkommen und der Hafen- und Hansestadt Elbing war seit jeher vorhanden. Der Holztransport mit Flößen und Binnenschiffen über die Drewenz nach Thorn, über die Weichsel, die Nogat und den Kraffohlkanal zum Frischen Haff und weiter zur Ostsee dauerte mehr als sechs Monate und war daher unrentabel. Man hielt es aber lange Zeit für unmöglich, den Höhenunterschied zwischen dem Oberland und dem Frischen Haff durch einen Kanalbau überwinden zu können. Auf das Jahr 1789 gehen die ersten Planungen für einen Kanalbau mit Schleusen und damit für eine kürzere Schiffsroute zurück. Zwei Planungen aus dem frühen 19. Jahrhundert scheiterten zunächst. Seit 1836 befasste sich der in Elbing tätige Oberbaurat und Wasserbauingenieur Georg Steenke (geboren am 30. Juni 1801 in Königsberg, gestorben am 22. April 1884 in Elbing) mit dem Projekt. Steenke, der einer Seemannsfamilie entstammte, hatte bereits den Bau des Seckenburger Kanals in der Memelniederung geleitet. 1836 wurde er in Elbing zum „Inspekteur der Deiche und Dämme“ ernannt. Da der Bau von bis zu

30 Schleusen zu aufwendig und kostspielig war, unternahm er mehrere Reisen ins Ausland, um die damals neuesten hydrotechnischen Anlagen zu besichtigen. In New Jersey/USA nahm er die Anlagen des Morris-Kanals in Augenschein. Das brachte ihn auf die Idee, ebenfalls geneigte Ebenen zu verwenden, jedoch ohne Kammerschleusen. Zusammen mit seinen Mitarbeitern, den Oberbauräten Severin und Lentze, entwarf er Pläne für geneigte Ebenen mit Gipfeln, wodurch eine Kammerschleuse überflüssig wurde. Diese technische Innovation bewirkte eine weitere Zeitersparnis bei der Kanalfahrt.

Der Baubeginn war am 18. Ok­tober 1844. Zunächst wurden innerhalb von sechs Jahren die Wasserstände der oberen Seen auf ein einheitliches Niveau gebracht. Anschließend begann der Bau von zunächst vier Rampen, auf denen die Schiffe auf das jeweils nächste Niveau transportiert werden: die erste hinter dem Drausensee in Buchwalde mit einer Höhe von 21,5 Metern, die zweite in Kanthen mit rund

18 Metern, die dritte in Schönfeld mit 24,5 Metern und die vierte Rampe in Hirschfeld, wo 22,5 Meter Höhenunterschied zu überwinden waren. 1852 fuhr der erste Dampfer auf der Strecke zwischen Deutsch Eylau und Elbing. Die Strecke Liebemühl bis Osterode kam erst später hinzu.

Am 31. August 1860 fand die Einweihung des Oberländischen Kanals statt, und der Warentrans­port mit Dampfschiffen begann. Im Durchschnitt passierten den Kanal zwölf bis 20 Schiffe am Tag. Die direkte Verbindung von Osterode oder Preußisch Eylau über Elbing zum Frischen Haff verkürzte die Verschiffung von Holz aus den ostpreußischen Wäldern, das besonders im Schiffbau und für Segelschiffmasten benötigt wurde, um mehrere Monate. Dies betraf auch andere landwirtschaftliche Produkte, die zum Export bestimmt waren.

Steenke hatte die Kammerschleusen im Abschnitt zwischen Kussfeld und dem Drausensee durch eine weitere geneigte Ebene ersetzen wollen. Erst zwischen 1874 bis 1881 entstand demgemäß die fünfte geneigte Ebene in Neu Kussfeld von 13 Metern Höhe. Hier wurde später ein elektrischer Antrieb mittels einer Wasserturbine eingebaut. Bis zum Einsatz der Ausflugsdampfer im Jahr 1912 wurden die Reisenden auf den Frachtschiffen befördert. Auch nach der Eröffnung der Eisenbahnstrecke Elbing–Osterode im Jahre 1893 passierten weiterhin täglich mehrere Frachtschiffe mit Waren aus dem Oberland den Kanal, doch das Transportvolumen ging kontinuierlich zurück. Dafür aber blühte der Kanaltourismus auf. Dagmar Jestrzemski


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