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14.09.13 / Aufbruch zu neuen architektonischen Ufern / Vor 45 Jahren wurde die Nationalgalerie Berlin eröffnet: Mies van der Rohe hat den Bau gestaltet

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 37-13 vom 14. September 2013

Aufbruch zu neuen architektonischen Ufern
Vor 45 Jahren wurde die Nationalgalerie Berlin eröffnet: Mies van der Rohe hat den Bau gestaltet

Kaum einer verbindet mit dem Namen des Stararchitektens Mies van der Rohe ein Landhäuschen mit rotem Satteldach. Doch genau damit begann seine Karriere.

Ludwig Maria Michael Mies erblickt am 27. März 1886 in Aachen das Licht der Welt. Sein Vater ist Steinmetzmeister. Früh kommt Ludwig mit vielen Materialien in Berührung, lernt handwerkliches Arbeiten. Er besucht eine Gewerbeschule, macht eine Maurerlehre und arbeitet als Zeichner in Architekturbüros. Der später zu den einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts gehörende Deutsche wird nie im Leben Architektur studieren.

Ein Mitarbeiter rät ihm, sich nach Berlin zu bewerben. Ludwig schreibt auf eine Zeitungsannonce und wird genommen. 1905 darf er als Zeichner im Städtischen Bauamt Rixdorf eine Stelle antreten. Man überlässt ihm die Ausarbeitung der Wandverkleidung des Rathausplenarsaales. Doch er will mehr. Noch 1905 beginnt er im Architekturbüro von Bruno Paul zu arbeiten. Paul war gerade Direktor der Kunstgewerbeschule geworden. Auch der junge Aachener schreibt sich als Student ein. Zeitgleich mit Ludwig Mies kommt der renommierte Philosophieprofessor Alois Riehl nach Berlin und sucht ein Domizil zum Wohnen. Durch einen Kollegen im Büro Paul lernen sich Mies und das Ehepaar Riehl kennen. Die gutsituierten Herrschaften möchten einen jungen Architekten fördern. Der 20-jährige Ludwig bekommt den Auftrag, obwohl er nichts vorzuweisen hat als eine Maurerlehre. Vielleicht ist es die Begabung, die dem Professor auffällt, oder die selbstbewusste, uneitle Art, mit der Mies Zeit seines Lebens seine Auftraggeber zu beeindrucken weiß. Er erhält den Auftrag und schafft ein Erstlingswerk, das in keinster Weise den Anfänger zu erkennen gibt. Die Riehls sind begeistert, schenken ihm zu Studienzwecken eine Reise nach Italien. Später laden sie ihn oft zu sich ein. Im hochkarätigen Freundeskreis des Paares findet er neue Auftraggeber. Das zunächst schlicht er­scheinende Landhaus mit steilem Satteldach und querstehendem Giebel steht auf ei­nem Pla­teau, in einem Rosengarten. Nicht einsehbar von der Straßenseite erhebt sich auf einer Feldsteinmauer die klassische Giebelfront zum stark abfallenden Hanggrundstück. Sicher wissen weder Bauherr noch Baumeister, dass es einmal als „Meilenstein der Moderne“ be­zeichnet werden wird, als Brücke zwischen preußischer Bautradition und Moderne. Mies startet im Villenviertel in Potsdam-Babelsberg mit diesem Haus seine Weltkarriere. In der Folgezeit, er ist inzwischen in das Büro des damals

wohl berühmtesten Architekten Deutschlands, Peter Behrens, in Neu-Babelsberg gewechselt, entstehen nach seinen Entwürfen verschiedene Villen im Berliner Westen. Walter Gropius, Bauleiter im Büro Behrens, kreuzt seinen Weg. Mit dem späteren Bauhaus-Gründer arbeitet er an einer Kleinmotorenfabrik im Wedding und an einer Turbinenfabrik in Moabit. 1913, Mies hat sich inzwischen als freier Architekt in Berlin-Steglitz niedergelassen, heiratet er Ada Bruhn, eine reiche Tochter aus gutem Hause. Die Ehe wird zwar nicht glücklich, aber dennoch nie geschieden. Sie bekommen drei Töchter, was Ada nicht davon abhält, ihren untreuen Ehemann 1920 zu verlassen. Als Schreiber kann sich Mies durch den Ersten Weltkrieg retten, politisch uninteressiert ist er sein Leben lang. Erst jetzt, in der Zeit nach dem Krieg um 1920, fügt er seinem Namen den Mädchennamen seiner Mutter „Rohe“ hinzu und ein niederdeutsches „van der“, was zeigen soll, dass der Krieg einen anderen aus ihm gemacht hat. Um seinen Lebensstil zu finanzieren, führt er Bauaufträge aus, die längst nicht mehr zu seiner revolutionären Künstlerseele passen. Mit den Landhäusern reicher Zeitgenossen hat es ein Ende, als nach der Inflation endlich Geld für seine avantgardistische Architektur vorhanden ist. Dass er in seinem bisherigen Leben die Bekanntschaft mit Walter Gropius, Le Corbusier und Hendrik Petrus Berlage machte, prägt seine Entwicklung entscheidend. Die Architekten brachen mit alten akademischen Vorstellungen auf der Suche nach radikal Neuem. Baukunst sei nun die räumliche Auseinandersetzung des Menschen zu seiner Umwelt und Ausdruck dafür, wie er sich darin zu behaupten vermöge. Kein starres Weltbild, kein althergebrachtes Gesellschaftsmodell mit fest zugewiesenem Platz soll bestimmend sein für die Stellung des Menschen in der modernen Welt. 1922 bringt Mies seinen Wettbewerbsbeitrag zum „Turmhaus“ an der Fried­richstraße, ein ganz mit Glas ummanteltes Gebäude, monumental und kompromisslos. Er veröffentlicht in dieser Zeit fünf Idealentwürfe in Zeitschriften, ein Hochhaus in Stahlbeton und Wohnbauten, deren frei stehende Wände keine Raumbereiche mehr umschließen. Überwindung des Historismus durch strikte Rationalität war sein Lösungsvorschlag beim Aufbruch zu neuen architektonischen Ufern.

1929 entwirft Mies den Deutschen Pavillon für die Weltausstellung in Barcelona, in dem sich in harmonischer Weise Innen- und Außenraum durchdringen. Schon bald wird dieser Bau zur Legende für die Klarheit des Rationalismus und ist laut Peter Behrens „der schönste Bau des 20. Jahrhunderts“. Mies ist Vizepräsident des Deutschen Werkbundes, Koordinator der Werkbundausstellung „Die Wohnung“ und der Weißenhofsiedlung in Stuttgart und war von 1930 bis 1933 Direktor des Bauhauses in Dessau und Berlin. Er kreiert den MR-Stuhl, bestehend aus einem gebogenen Stahlrohr, einem Ledersitz und einer Rückenstütze und den „Barcelona-Sessel“.

Nach der NS-Machtergreifung gerät auch das Bauhaus zunehmend unter politischen Druck. Die Mitarbeiter beschließen 1933 die Selbstauflösung. Mies van der Rohes Bemühungen, sich mit den Machthabern zu arrangieren, schlagen fehl. Er erhält keine Aufträge mehr. Als ein amerikanischer Architekt, der den Deutschen sehr verehrt, ihm einen Bauauftrag verschafft, geht er für immer in die USA. Viele Projekte werden realisiert, wovon hier nur das 1954 bis 1958 entstandene Seagram-Building in New York erwähnt werden soll, ein Prototyp moderner Büroarchitektur. Er erhält eine Professur, hat ein Büro in Chicago und wird US-Staatsbürger.

In den 60er Jahren bittet die Stadt Berlin ihn um ein Gebäude für die „Galerie des 20. Jahrhunderts“. Mies schafft daraufhin einen lichten Bau aus Glas, einen klassischen Tempel in moderner Sprache und krönt damit sein Lebenswerk. Ein Jahr nach der Einweihung der „Neuen Nationalgalerie“ stirbt er 1969 in Chicago.

Als Körper gewordene ewige Grundprinzipien der Architektur sind seine Bauten bezeichnet worden. „Weniger ist mehr“, hat Mies gesagt. Silvia Friedrich


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