16.04.2024

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14.09.13 / Die ostpreussische Familie / Leser helfen Lesern

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 37-13 vom 14. September 2013

Die ostpreussische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

es ist ebenso mit der Nadel im Heuhaufen – selbst ein starker Magnet kann sie nicht entdecken, wenn die Durchsuchung im Eiltempo erfolgen soll. Alles braucht seine Zeit, und die war für die Forschung nach der alten Niddener Schulchronik zu knapp bemessen. Das hatten wir auch schon in Erwägung gezogen, als wir die Frage, wo sich jetzt das Original befindet, in Folge 34 veröffentlichten. Herr Hans-Jörg Froese, der aktiv mithilft, dass eine Dokumentation über die gesamte Schulgeschichte des Nehrungsortes erstellt wird, hatte sich schon mit fast allen in Frage kommenden Institutionen in Verbindung gesetzt und immer nur negative Bescheide erhalten. Zuletzt wurde ihm noch vom Herder-Institut in Marburg mitgeteilt, dass die Chronik nicht im dortigen Bestand vorhanden sei und man auch keine Kenntnisse habe, wo sie sich befinden könne. Ein vager Hinweis bezog sich auf das Nord-Ost-Institut in Lüneburg (Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa e.V. an der Universität Hamburg, kurz IKGN), das über längere Zeit einen gewissen Sammlungsschwerpunkt in ostdeutscher Schulgeschichte hatte. Eine Nachfrage von Herrn Froese in Lüneburg erbrachte auch hier nur: Fehlanzeige! „Daher ist es nicht auszuschließen, dass sich das Original der gesuchten Chronik im Besitz eines privaten Sammlers befindet“, meint Herr Froese und setzt hinzu: „Somit ruht die ganze Hoffnung zum Auffinden jetzt ganz und gar auf der Suche mittels der Ostpreußischen Familie in der PAZ!“

Dass die nicht ganz unberechtigt ist, beweisen die Erfolge, die wir heute unseren Leserinnen und Lesern melden können, und die bestätigen wiederum, was ich schon sagte: Alles braucht seine Zeit! Viel Zeit sogar, wenn man die Mail liest, die gerade frisch auf meinen Tisch kam. Absender ist Herr Jürgen Sczuplinski aus Duderstadt, dessen Ruhe in dem beschaulichen Städtchen jäh unterbrochen war, als er von einer ihm unbekannten Frau Ingeborg Karpati aus Köln Post erhielt, die sich aber als Verwandte entpuppte. Vor zehn (!) Jahren hatte Herr Sczuplinski eine kleine Suchfrage gestellt, denn er wollte wissen, ob jemand noch seinen Vater Karl Sczuplinski und seine Tante Gertrud aus dem im Kreis Neidenburg gelegenen Dorf Frankenau gekannt hatte. Damals gab es kein Echo, aber das kam jetzt, denn Frau Karpati war nun erst auf die Suchfrage gestoßen und konnte ihm mitteilen, dass sie die Enkelin von Frieda Sczuplinski sei. Und diese Frieda war die Schwester von Hermann Sczuplinski, dem Großvater des Suchenden. „Die Freude war recht groß“, schreibt der 54-Jährige, der nun in der Kölnerin eine – etwas entfernte – Cousine gefunden hat. Na, da freuen wir uns doch mit und erwidern herzlich die Grüße aus Duderstadt und Köln!

Sie findet sich eben doch, die Nadel im Heuhaufen, und wenn das stimmt, was sich im folgenden Fall abzeichnet, dann hat unser Magnet „Ostpreußische Familie“ eine ungeahnte Anziehungskraft bewiesen. Jedenfalls behauptet das Herr Andy Kuhn aus Isselburg-Werth, der die Nadel in einer weit zurück liegenden PAZ-Ausgabe fand. Blenden wir zurück: In Folge 11/2000 hatten wir in unserer Ostpreußischen Familie über das Schicksal eines „Wolfskindes“ berichtet, das seine Herkunft klären wollte und auf verständliche Schwierigkeiten stieß. Verständlich aus dem Grund, weil der von ihm angegebene Eigenname nicht der Richtige sein konnte und auch alle von ihm gemachten Angaben zu seiner Familie auf sehr vagen Erinnerungen beruhten. Richard Stad aus Spremberg, wie er durch eine späte, ohne Urkunden erfolgte Legitimation angeblich hieß, wandte sich an uns, weil er alle ihm zur Verfügung stehenden Suchmöglichkeiten ergebnislos ausgeschöpft hatte. Wir müssen diese Geschichte noch einmal schildern, denn ohne sie ist die Tragweite der Mitteilung von Herrn Andy Kuhn in ihrem vollen Umfang nicht zu erkennen.

Richard Stad kommt seinen Erinnerungen nach aus einer ostpreußischen Familie. Er erinnert sich an ein großes, von einem Eisenzaun umgebenes Haus, das in der Nähe eines Flughafens lag. Dorthin begleiteten an jedem Morgen der kleine Richard und seine Schwester, die er „Käthi“ nennt, mit ihrer Mutter den in einen langen Ledermantel gekleideten Vater. Alles andere – bis auf die Erinnerung an einen Hund und eine Kinderschaukel – bleibt im Dunkeln. Gravierender sind dann seine Erinnerungen an die Zeit, als der Krieg seine Heimat überrollte, in der er mitten im Kampfgetümmel von Mutter und Schwester getrennt wurde und in eine kleine Gruppe von Flüchtenden geriet, die bettelnd nach Litauen zog. Bei einem Aufenthalt versteckte ihn ein Pfarrer unter seinem Mantel. Später brachte ihn ein litauischer Theologiestudent zu seinen Eltern, die auf dem Lande lebten. Der Junge erhielt den litauischen Namen Algis Kurmanskis. Als er erwachsen wurde und zur Armee musste, wurde sein Name in Richard Stadas geändert. So hatte er sich wohl selber als Kind genannt und diesen Namen hatte der Pfarrer vermerkt. Er wurde dann später auf Richard Stad gekürzt, aber sicher ist dies nur ein Teil seines richtigen Nachnamens, den der kleine Richard nicht voll aussprechen konnte. Ich hatte bei der Bearbeitung dieses Falles vermutet, dass es sich um den altpreußischen Namen „Stadie“ handeln dürfte, seine Schwester könnte demnach „Käthe Stadie“ heißen. „Ein winziger Funken Hoffnung, aber vielleicht entzündet er eine Lunte, die zur richtigen Spur führt“, hatte ich damals geschrieben.

Die Lunte blieb anscheinend jahrelang am Glimmen. Denn nun kommen wir zu Herrn Andy Kuhn, der erst jetzt im Internet auf diese bisher erfolglos gebliebene Suchaktion stieß. „Käthe Stadie“ - das ist auch der Mädchenname seiner Schwiegermutter. Und, wie er nun erst erfuhr, verlor diese ihren kleinen Bruder zur gleichen Zeit auf die Art und Weise, wie Richard sie in Erinnerung hat. Herr Kuhn wandte sich sofort an die damals angegebene Adresse von Richard Stad in 03130 Spremberg, Heinrichsfelder Allee 69. Leider stimmt sie nicht mehr, es sind ja auch inzwischen 13 Jahre vergangen! Also muss unsere Ostpreußische Familie erneut in Aktion treten und fragen: Wo lebt Richard Stad heute? Da er kein Abonnent unserer Zeitung ist, dürfte er die PAZ auch nicht lesen. Aber unsere Leserinnen und Leser, die Richard Stad kannten und von seinem heutigen Aufenthaltsort wissen, bitten wir, sich mit uns in Verbindung zu setzen. Wenn es hier zu einem späten Zusammenfinden von Bruder und Schwester kommen sollte, wäre das nur ein Beweis, dass es auch bei fast aussichtslos erscheinenden Suchfragen, die nur auf Vermutungen beruhen, zu Lösungen kommen kann. Der Funke Hoffnung muss eben nur am Glimmen gehalten werden!

Dieser Fall erinnert mich an einen der schönsten Sucherfolge unserer Ostpreußischen Familie kurz nach der Wende. Da hatte sich ein Geschwisterpaar zusammengefunden, das ohne voneinander zu wissen, jahrzehntelang „fast nebenan“ in der damaligen DDR gewohnt hatte.

In Königsberg waren Helmut und sein Bruder von ihrer jüngeren Schwester Irmgard getrennt worden. Das kleine Mädchen, das in ein Waisenhaus kam, konnte seinen Namen noch nicht richtig sprechen, obgleich dieser einsilbig war. Er endete auf „p“ und diesen Buchstaben hatte Irmgard nicht im Gedächtnis. So blieb die Suche der Brüder, die nach Litauen geflüchtet und 1951 in die DDR ausgewiesen wurden, erfolglos, obgleich Helmut sogar sehr viel später nach Königsberg fuhr, um dort etwas über das Schicksal seiner Schwester zu erfahren. Ohne Erfolg – bis die „Wende“ kam und im Jahr 1993 Helmuts Suchfrage im Ostpreußenblatt erschien. Und sie fanden sich, die Brüder und ihre Schwester, die alle in Mitteldeutschland lebten. Es hatte sich herausgestellt, dass in den Registrierkarten des DRK der Familienname einmal mit „p“ und einmal ohne den Endbuchstaben vorhanden war. Das hatte eine Zusammenführung bis zu diesem Zeitpunkt verhindert. Auf Grund der Daten konnte geklärt werden, dass es sich einwandfrei um die Geschwister K. handelte. Ein einziger Buchstabe hatte also genügt, dass ein Wiederfinden fast 50 Jahre lang nicht erfolgen konnte!

Welch ein Echo eine einzige Suchfrage in unserm Leserkreis bewirken kann, hat Herr Harry Greve aus Dassel zu spüren bekommen. „Ich bin geradezu überwältigt“, teilte er mir schon wenige Tage nach der Veröffentlichung seines Suchwunsches in Folge 35 mit und legte noch mit dem Satz „Ich kann vor Freude kaum sprechen“ nach. Aber so viel habe ich doch herausgehört, dass seine Frage nach dem Heimatdorf seiner Mutter, Godrienen, Sofortreaktionen bei unseren Leserinnen und Lesern hervorgerufen hat, die weit über das Maß hinausgingen, das Herr Greve sich gesetzt hatte. Kein Wunder, denn er hatte zwar früher oft an Godrienen gedacht, auch bei einem Ostpreußenbesuch im Königsberger Gebiet ein starkes Heimatgefühl gespürt, wusste aber nicht, an wen er sich wenden sollte. Bis er dann im Internet auf den Namen „Godrienen“ stieß, den wir bereits 2007 in unserer Kolumne erwähnt hatten. Unsere letzten Veröffentlichungen, die wir auch mit einem Bild von dem Gasthaus Godrienen versahen, hatte er da noch nicht entdeckt. Gut und schön, er wandte sich telefonisch an uns und war schon froh, dass wir einige Angaben zu dem Heimatdorf seiner Mutter machen konnten und ihm versprachen, seine Suchbitte an unsere Leserschaft weiter zu geben. Daraufhin müssen sich wohl viele Leserinnen und Leser an ihn gewandt haben, denn wie sich aus dem letzten Gespräch ergab, hat er nicht nur über den Ort Informationen erhalten, sondern auch über seine mütterliche Familie und damit über mögliche Verwandte. Da ich dankenswerter Weise im Besitz sogar einer erst vor zwei Jahren erstellten Seelenliste von Godrienen bin, konnte ich in dieser den Namen seiner Großmutter Therese Scheffler ausfindig machen, die ihm als „so liebe Frau“ in Erinnerung geblieben ist. Sie starb in Lauenberg, dem Wohnort von Harry Greves Mutter Elfriede, als ihr Enkel sechs Jahre alt war. Elfriedes erster Ehename war Borries, und auch hier zeigt die Seelenliste mehrere Godriener dieses Namens auf. Ich bin gespannt, wie sich diese Familiensuche weiter entwickelt, denn wir werden mit Sicherheit mehr von Herrn Greve hören.

„Was unsere Störche können, das kann ich auch“, hatte sich Frau Rosemarie Pakleppa aus Paal in Südafrika gesagt und ist ihnen nach Deutschland hinterher geflogen. Ende Juli rief sie mich an und erzählte mir ihre eigene Storchengeschichte, die ich in Folge 30 veröffentlichte. Und nun ist unsere Leserin – eine unserer längsten und treuesten – wieder den Störchen nach geflogen und nach Südafrika zurückgekehrt. Sie hat in diesen Sommermonaten viele Begegnungen mit alten Freunden und Landsleuten gehabt, vor allem im engeren Heimatkreis der Schirwindter, denn sie stammt aus dieser alten Grenzstadt an der Szeszuppe/Ostfluss, die für sie, die das Schicksal an den Südzipfel Afrikas verschlagen hat, immer die Heimatstadt blieb und bleiben wird. Sie bat mich in einem Telefongespräch kurz vor ihrem Abflug, allen Landsleuten Dank zu sagen, die ihr halfen, ihren Heimweh-Akku wieder aufzuladen. Den Wunsch erfülle ich gerne und möchte Rosemarie Pakleppa mit der alten Aufnahme von Schirwindt, die wir dem Heimatbuch „Schlossberg (Pillkallen) im Bild“ entnommen haben, ein kleines Dankeschön für ihre immer rege Mitarbeit sagen.

Und damit beenden wir für heute unsere Kolumne, die mit den vielen Erfolgen aufzeigt, was unser „Netzwerk Ostpreußische Familie“ bewirken kann. Hoffentlich auch in unserem Sonderbeitrag, der buchstäblich aus dem Rahmen fällt.

Eure Ruth Geede


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