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21.09.13 / Perfide Inszenierungen / Debatte über den Rauswurf von Schülern aus der Berliner Ossietzky-Schule im Jahr 1988

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-13 vom 21. September 2013

Perfide Inszenierungen
Debatte über den Rauswurf von Schülern aus der Berliner Ossietzky-Schule im Jahr 1988

Im September 1988, ein Jahr vor der friedlichen Revolution in der DDR, wurden vier Schüler aus der Ossietzky-Oberschule in Berlin-Pankow geworfen: Philipp Lengsfeld, Kai Feller, Katja Ihle und Benjamin Lindner. Ihnen wurde unter anderem „antisozialistisches Verhalten“ vorgeworfen. Der Rausschmiss der Schüler erregte damals großes Aufsehen.

Über die Ereignisse an der Ossietzky-Oberschule vor 25 Jahren diskutierten jetzt bei der „Deutschen Gesellschaft e.V.“ in Berlin Lengsfeld und Feller mit Marianne Birthler und Carsten Krenz, dem Sohn des letzten SED-Generalsekretärs Egon Krenz. Krenz junior besuchte seinerzeit, wie etliche Kinder von SED-Größen auch, ebenfalls die Ossietzky-Schule.

Lengsfeld ist der Sohn der früheren CDU-Bundestagsabgeordneten Vera Lengsfeld. Der 41-jährige Physiker ist jetzt selbst CDU-Bundestagskandidat in Berlin. Wie er erzählte, seien er und seine Mitschüler sehr leistungsbewusst gewesen. Doch habe man die ständigen Gängeleien satt gehabt. „Wir waren eher kritische Jugendliche“, erklärte er, „die nicht mehr in das System reinpassten.“ Den Rauswurf von der Schule habe man jedoch nicht erwartet.

Den Schülern war 1988 erlaubt worden, an einer „Speaker’s Corner“ genannten Säule in der Schule Meinungsäußerungen anzubringen. Kai Feller hatte darauf einen selbstgeschriebenen Artikel aufgehängt, in dem er sich unter anderem kritisch zur geplanten Militärparade zum DDR-Jubiläum äußerte. Dazu sammelte er auch noch 38 Unterschriften. Jetzt schritt der Schuldirektor ein: Unterschriftensammlungen seien gesetzwidrig. Eine Schulrätin und die Stasi wurden informiert. Unter massivem Druck wurden die Schüler aufgefordert, ihre Unterschriften zurückzuziehen. Auch mit den Eltern wurden Gespräche geführt. Acht Schüler zogen ihre Unterschriften nicht zurück.

Von ihnen erhielten zwei einen Verweis, zwei mussten die Schule wechseln, die genannten Vier jedoch flogen von der Schule, ohne eine andere besuchen zu dürfen.

Lengsfeld schilderte, wie sie „durch die Mangel gedreht“ worden seien. Wie man Mitschüler gezwungen habe, über ihre Schulkameraden abzustimmen, auch über den Ausschluss aus der FDJ. Und wie „spalterisch“ man bei den einzelnen Bestrafungen vorgegangen sei. „Auch die Relegation selber“, erklärte er, „war eine ganz perfide Inszenierung. Frühmorgens bei einer Schulvollversammlung hat der Direktor uns einzeln aufgerufen und der Tür verwiesen.“

Carsten Krenz erklärte, er habe eben „auf der anderen Seite“ gestanden. „Aus heutiger Sicht“ hätte sich das System nicht mehr anders zu wehren gewusst. Marianne Birthler, damals Jugendreferentin im Stadtjugendpfarramt, fragte Krenz, wie man sich fühle, wenn man Mitschüler schmählich im Stich gelassen und sich „wirklich einmal schweinisch verhalten“ habe? Krenz gab zu, für FDJ-Verbandsstrafen gegen seine Mitschüler gewesen zu sein. Doch auch die FDJ hätte in diesem Falle nicht wirklich etwas zu entscheiden gehabt. Als Lengsfeld meinte, vielleicht hätte man versuchen sollen, Krenz auf die eigene Seite zu ziehen, erklärte dieser: „Das wäre Illusion gewesen. Ich stand politisch woanders.“ Michael Leh


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