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21.09.13 / Geld verlässt China / Krise in den Schwellenländern spitzt sich zu: Spanien und Griechenland lassen grüßen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-13 vom 21. September 2013

Geld verlässt China
Krise in den Schwellenländern spitzt sich zu: Spanien und Griechenland lassen grüßen

Die großen Schwellenländer taumeln schweren Krisen entgegen. In Indien herrscht bereits Panik, in China Unruhe, in der Türkei und Brasilien begehrt die neue Mittelschicht auf.

Sie waren der Rettungsanker der Weltwirtschaft: Dass insbesondere Deutschland nach dem Einbruch von 2009 so rasant wieder zu Wachstum fand, ist auch den Schwellenländern geschuldet. China oder Indien, die Türkei oder Brasiliens waren seinerzeit weit weniger von der Finanzkrise betroffen, weil ihre Ökonomien weit mehr von der Produktion und dem Konsum realer Werte geprägt waren als von Finanzgeschäften und Immobilienspekulationen. So traten sie als kaufkräftige Importeure deutscher Waren auf, als den Märkten in Europa und Amerika das Geld ausging.

Doch die Zeiten haben sich dramatisch geändert. Nicht bloß deutsche Industrie-Exporteure gingen damals verstärkt auf die Schwellenmärkte. Auch die gestrauchelte Finanzindustrie entdeckte diese Gebiete stärker denn je und überschüttete sie mit einer Kreditflut, da dort der Zinssatz höher und das Wachstum intakt war und so hohe Renditen versprachen. Rückblickend betrachtet aber wiederholte sich dort in der Folge nur, was sich zuvor auf dem US-Immobilienmarkt und in den späteren europäischen Krisenländern schon einmal zugetragen hatte. Angstvoll warnen Experten daher heute, dass auch das Ende des Kreditbooms in den Schwellenländern näher komme und dass dies ähnlich ka-tastrophale Folgen haben könnte wie in den Euro-Krisenländern.

Beispiel China: Dort hat dieser Tage für Aufsehen gesorgt, dass der vermutlich reichste Mann Asiens, Li Ka-Sching, angekündigt hat, seine Immobilien in China zu verkaufen. Li, der laut „Forbes“-Liste auch der achtreichste Mann weltweit ist, ist Besitzer einer großen Supermarktkette. Aufmerksam dürften die Chinesen auch registriert haben, wie ausgerechnet der Chef des größten chinesischen Immobilienkonzerns die Ankündigung des Multimilliardärs aufnahm. Er lobte Li als „weisen Mann“ dafür, dass er seine Immobilen in Peking und Schanghai verkaufe, und riet via Internet seinen Landsleuten, mit chinesischen Immobilien vorsichtig zu sein – ein Wink mit dem Zaunpfahl.

Tatsächlich hat sich eine gigantische Blase auf dem dortigen Häusermarkt gebildet. Riesige Neubaukomplexe stehen leer, vieles erinnert an Spanien vor fünf, sechs Jahren: Noch sind die Preise astronomisch, doch die Marktlage schreit nach einer brutalen Korrektur. Daneben zieht eine Bankenkrise herauf, die durch eine chinesische Besonderheit noch aufgeheizt wird. Weil die Staatsbanken auf politischen Druck hin Kredite vor allem an Staats- und Genossenschaftsunternehmen vergeben, muss sich die Masse der Mittelständler (die den Großteil der Wirtschaftsleistung und der Arbeitsplätze stellen) bei sogenannten Schattenbanken bedienen. Die reichen von großen Fonds bis zu kleinen Kredithaien. Dort müssen sie oft sehr hohe Zinsen bezahlen. Die Verschuldung der chinesischen Unternehmen hat seit 2008 um 30 Prozent zugenommen und lag damals schon über dem Schnitt der Industrienationen. Überdies ist die Gesamtdimension des Schattenbanken-Sektors kaum zu übersehen, was die Einschätzung der Risiken schwierig macht.

Das drohende Szenario erinnert sehr an Spanien: Erst kollabieren die Immobilienpreise. Das drückt massiv auf die Kaufkraft der Konsumenten, was verschuldete Unternehmen in den Ruin treibt. Dadurch gerät die Bankenwelt, vor allem die Schattenbanken, in Schieflage – der spanische Cock-tail wäre komplett. Und schlimmer noch: In China sind – anders als seinerzeit in Spanien und eher an Griechenland gemahnend – auch die öffentlichen Hände (auf lokaler und regionaler Ebene) bestialisch verschuldet. Von hier ist also kaum Hilfe zu erwarten, wenn die Wirtschaft unter Wasser gerät.

Nicht besser sieht es beim zweitgrößten Schwellenland Indien aus. Der Subkontinent wurde mit ausländischem Kapital überschüttet. Nun, da die Zinsen in den entwickelten Industrieländern leicht steigen, zieht sich dieses Kapital wieder zurück. Der Kapitalabfluss hat zum Einbruch der Leistungsbilanz und der Währung Rupie geführt. Hektisch versuchen Regierung und Notenbank gegenzusteuern. So wird, um das Leistungsbilanzdefizit zu begrenzen, beispielsweise der Goldimport mit deftigen Zöllen, Steuern und Verboten bekämpft. Folge: Die wohlhabende Mittelschicht gerät laut Anlagespezialisten in Singapur in „Panik“ und versucht mit allen Mitteln, Geld, Gold oder sogar Diamanten an den Finanzplatz in Südostasien zu schmuggeln, weil sie „das Vertrauen in das indische System bereits verloren“ habe. Es ist ein Teufelskreis: Je mehr die indische Führung gegen den Abfluss von Kapital unternimmt, desto höher steigt die „Panik“ der Anleger, am Ende in der Falle zu sitzen, und damit ihr verzweifelter Wunsch nach Flucht. Somit hebeln sich die Schutzmaßnahmen selber aus.

In der Türkei sind Immobilienpreis und private Verschuldung seit 2008 ebenfalls durch die Decke gegangen. Nun kommt zu den wirtschaftlich düsteren Aussichten noch politische Instabilität hinzu: Der Streit um den Gezi-Park in Istanbul hat eine breite Bürgerbewegung ausgelöst, wie sie für die Regierung angesichts der sich abzeichnenden wirtschaftlichen Turbulenzen kaum ungünstiger kommen konnte. Ähnliches gilt für Brasilien. In beiden Ländern hat sich in den guten Jahren eine neue Mittelschicht herausgebildet, die von ihrer Regierung mehr will als stabile Brotpreise. Sie fordert ein funktionierendes modernes Staatswesen, ein Ende von Korruption und Unsicherheit. Damit aber sind die Eliten beider Länder überfordert. Sie handeln noch in alter Klüngel-Manier.

Für Europa und die USA sind das alles beunruhigende Nachrichten. Sobald sich die Euro-Krise im Speziellen und die Finanzkrise (die auch eine Dollar-Krise ist) im Allgemeinen zurück­melden, stehen keine Schwellenländer mehr bereit, um wenigstens der Realwirtschaft wieder hochzuhelfen. Dabei wurden die Probleme etwa des Euro bestenfalls aufgeschoben, wahrscheinlich eher noch vertieft. Dass sie wieder aufbrechen, und das mit umso größerer Wucht, ist wahrscheinlich. Hans Heckel


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