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21.09.13 / Zermürbt vom DDR-Alltag / Der Autor der »Nikolaikirche« ist tot – Eine persönliche Erinnerung an Erich Loest

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-13 vom 21. September 2013

Zermürbt vom DDR-Alltag
Der Autor der »Nikolaikirche« ist tot – Eine persönliche Erinnerung an Erich Loest

Die Nachricht kam zu nachtschlafender Zeit. Um 4.55 Uhr am Freitagmorgen kam eine Mail aus Berlin: Erich Loest ist tot! Später erfuhr ich, er wäre am 12. September abends um 18.10 Uhr aus einem Fenster im zweiten Stock der Leipziger Universitätsklinik ge­stürzt, die Polizei ginge von einem Selbstmord aus.

Dass er seit Jahren schwer krank war, wusste man. Die sieben Zuchthausjahre in Bautzen von 1957 bis 1964 wegen „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ hatten an seiner Gesundheit gezehrt, im Lauf der Jahre waren ihm zwei Drittel seines Magens herausgeschnitten worden. Die Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte häuften sich.

Aber hätte er so im Alter von 87 Jahren sterben müssen, so fern von Freunden? Er war wie Uwe Johnson ein DDR-Autor, der an der deutschen Teilung litt und darüber wie in seinem verfilmten Buch „Nikolaikirche“ schrieb. Die West-Autoren hat dieses Thema nie interessiert. Noch im vorletzten Roman „Sommergewitter“ setzte er sich mit dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 auseinander, der in der DDR-Literatur als „faschistischer Putschversuch“ denunziert wurde.

Gelesen von Erich Loest und seinem Schicksal habe ich zuerst im Sommer 1959, als sein Freund Gerhard Zwerenz, der 1957 vor der drohenden Verhaftung aus Leipzig nach West-Berlin hatte fliehen können, in der „Stuttgarter Zeitung“ über ihn geschrieben hatte. Im Oktober 1959, als ich, damals Student an der Freien Universität in West-Berlin, Verwandte in Leipzig besuchte, klingelte ich eines verregneten Abends bei Ehefrau Annelies Loest, die zwei Häuser weiter in der Oststraße wohnte, und lieh mir drei Romane aus, darunter „Die Westmark fällt weiter“ (1952), deren Ausleihe mir in der Deutschen Bücherei verweigert worden war, weil Erich Loest als „Staatsfeind“ galt.

Kennengelernt habe ich Erich Loest erst Jahrzehnte später, im Herbst 1977, als er an der Universität Osnabrück auftrat, mich danach beiseitenahm und sagte: „Du bist also der Unglücksvogel, der 1961 nach Leipzig gefahren ist.“ Später hat er in seinem Buch „Prozesskosten“ (2007) auf mehreren Seiten über mich und meine damalige Verhaftung durch die „Staatssicherheit“ in Leipzig geschrieben. 1987 las er zu Ehren meines 50. Geburtstags aus seinem berühmten Leipzig-Roman „Völkerschlachtdenkmal“ (1984), der in diesem Jahr wieder zum 200. Jahrestag der Leipziger Völkerschlacht hochaktuell ist, in der Stadtbücherei Coburg.

Man kann die Titel der Bücher gar nicht alle aufzählen, die man den Lesern empfehlen möchte, allen voran die Autobiografie „Durch die Erde ein Riss“ (1981). Bis zuletzt ist er als Schriftsteller aktiv gewesen in der Kasseler Straße 23 in Leipzig-Gohlis, wo er seit der Rückkehr von Bonn 1990 mit seiner Lebensgefährtin Linde Rotta wohnte. Noch kurz vor seinem Tod ist die Erzählung „Lieber hundertmal irren“ im Göttinger Steidl-Verlag erschienen.

In seinem Tagebuch „Man ist ja keine Achtzig mehr“ (2011) hat Loest minutiös beschrieben, was ihn krank gemacht hat und wie er mit den Ursachen dafür umging. Was ihn zermürbt hat, war einmal der ewige Streit mit der Stadt Leipzig, die mit der SED-Vergangenheit unkritisch umging, und die juristischen Auseinandersetzungen mit seinem Sohn Thomas Loest, dem Verleger des Linden-Verlags, in denen es um Buchrechte ging. Loest verlor jeden Prozess und musste zahlen.

Wer in zwei, drei Jahrzehnten sich für den DDR-Alltag interessieren sollte, der wird nicht umhin können, zu Erzählungen und Romanen Erich Loests zu greifen. Jörg Bernhard Bilke


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