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21.09.13 / »Man hat mich wie einen Hund davongejagt« / Vor 50 Jahren musste Bundeskanzler Konrad Adenauer Ludwig Erhard weichen und wurde »aufs Altenteil geschickt«

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-13 vom 21. September 2013

»Man hat mich wie einen Hund davongejagt«
Vor 50 Jahren musste Bundeskanzler Konrad Adenauer Ludwig Erhard weichen und wurde »aufs Altenteil geschickt«

Böse Zungen behaupten, wenn Konrad Adenauer bereits kurz nach seinem Rück­tritt als Bundeskanzler im Herbst 1963 gestorben wäre, hätte die kleine Rhöndorfer Marienkapelle für die zu erwartenden Trauergäste vollkommen ausgereicht. Heute ist man geneigt, den Fokus auf die unbestreitbaren Erfolge des ersten Regierungschefs der Bundesrepublik zu richten. Zumindest Adenauers Nachruhm hätte es jedoch nicht geschadet, wenn er nicht bis weit in sein 88. Lebensjahr hinein an der Kanzlerschaft festgehalten hätte. Und selbst da war der Abschied nicht freiwillig.

Es geschah am 15. Oktober 1963: Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier würdigte ihn: „Heute steht der Deutsche Bundestag vor Ihnen auf, Herr Bundeskanzler, um für das deutsche Volk dankbar zu bekunden: Konrad Adenauer hat sich um das Vaterland verdient gemacht.“ Auch wenn die 40-minütige Lobrede in dieser klassischen Formel ihren Höhepunkt fand, so hatte sich doch selbst Gerstenmaier eines Seitenhiebes nicht enthalten können. Er war auch auf Bismarck zu sprechen gekommen, „wahrscheinlich auch der einzige, mit dem der Vergleich lohnt“. Nicht ganz wahrheitsgemäß führte der Bundestagspräsident aus, dass der Abschied des Reichskanzlers in Unfrieden erfolgt sei, was ein Unterschied zu Adenauer sei. Dieser wiederum war in seiner Replik aufrichtiger, wenn er seinen Dank aussprach, und zwar „dem einen mehr und dem anderen weniger natürlich“.

„Sehen Sie, Herr Kohl, man hat mich wie einen Hund davongejagt und aufs Altenteil geschickt.“ – diese Worte gebrauchte der Altkanzler später gegenüber seinem noch späteren Nachfolger. Eine Demütigung, die Adenauer sich hätte ersparen können. Zu den unbestreitbaren Erfolgen seiner Regierungsführung zählen Wiederaufbau, Integration der Vertriebenen, weitgehende Wiedererlangung der Souveränität, Nato-Mitgliedschaft und Westintegration – letztere freilich auf Kosten der real nur noch als Fernziel in Auge gefassten deutschen Einheit. Dass er 1955 für die Heimkehr der letzten 10000 Kriegsgefangenen aus der Sowjet­union sorgte, galt als seine größte Einzeltat. Im historischen Rück­blick stellt sich diese Aktion differenzierter dar, auch war das Ganze mit der Konzession verbunden, diplomatische Beziehungen mit dem Kreml aufnehmen zu müssen. Dennoch war die Wirkung immens. Bei der Bundestagswahl 1957 erreichten die Unionsparteien die absolute Mehrheit. Adenauer wurde nach 1949 und 1953 zum dritten Mal Kanzler. Der 80. Geburtstag lag da schon hinter ihm, mehrere Gelegenheiten hätten sich geboten, das Amt des Regierungschefs auf dem Höhepunkt seines persönlichen Ansehens zu übergeben. Die auch nach Ansicht seiner engsten Vertrauten beste Möglichkeit wäre es gewesen, seinen politischen Lebensweg mit der Übernahme des Amtes des Bundespräsidenten zu krönen, dessen Neubesetzung nach dem Ablauf der Amtszeit von Theodor Heuss im Jahr 1959 anstand. Adenauer-Experte Hans-Peter Schwarz hat das entsprechende Kapitel in seiner großen Biografie treffend als „Präsidentschaftsposse“ überschrieben. Adenauer hatte sich im Frühjahr zur Übernahme der Kandidatur bereit erklärt. Er musste aber bald feststellen, dass seine Ansicht falsch war, das höchste Staatsamt böte große machtpolitische Spielräume, die von Heuss nur nicht genutzt worden wären. Viel schlimmer war für Adenauer allerdings, dass der von ihm ungeliebte Ludwig Erhard unweigerlich seine Nachfolge angetreten hätte. Natürlich hatte Adenauer auch selbst Namen für seine Nachfolge ins Spiel gebracht, allerdings fehlte dem von ihm favorisierten Franz Etzel, zu dieser Zeit Finanzminister, schon der nötige Rückhalt in der Fraktion. Unionfraktionschef Heinrich Krone wiederum hatte von sich aus keinerlei Ambitionen. Ganz im Gegensatz zu Erhard, welcher der CDU zudem als unverzichtbare „Wahlkampflokomotive“ galt. Gegen seinen äußerst erfolgreich agierenden und populären Wirtschaftsminister hatte Adenauer von Anfang an eine nicht ganz rational zu erklärende Abneigung. Erhard formulierte einmal, er selbst sei barock, Adenauer hingegen gotisch – was sowohl die jeweilige Physiognomie als auch die Lebensführung treffend auf den Punkt bringt. Außerhalb des ökonomischen Aufgabenbereiches sprach der Kanzler Erhard die Kompetenzen ab, erst recht die eines Regierungschefs. Ein bevorstehender Einzug Erhards ins Bundeskanzleramt hatte sich spätestens seit Frühjahr 1959 deutlich abgezeichnet. Diesen zu verhindern wurde für Adenauer zur fixen Idee seiner letzten Regierungsjahre. Seine Präsidentschaftskandidatur zog er zurück, er blieb Kanzler. Allerdings agierte er deutlich glückloser als in den vorhergehenden Jahren und büßte mehr und mehr an Rück­halt ein. Dass er unmittelbar nach dem Mauerbau im August 1961 nicht nach Berlin flog – auf Wunsch der US-Amerikaner und zur Zufriedenheit des britischen Premiers Harold Macmillans – erwies sich als folgenschwerer Fehler. 1961 war er wieder auf eine Koalition angewiesen. Die FDP, die im Wahlkampf ein Zusammengehen mit der CDU/CSU, jedoch ohne Adenauer, gewünscht hatte, presste ihm eine Erklärung ab, etwa in der Mitte der Legislaturperiode sein Amt niederzulegen. Als infolge der Spiegelaffäre im Herbst 1962 – die auch von Adenauer-Anhängern als massiver Angriff auf die Pressefreiheit wahrgenommen wurde – die FDP-Minister zurück­traten, liebäugelte der Kanzler mit der Bildung einer Großen Koalition und mit einer Amtsführung bis 1965. Das christlich-liberale Bündnis wurde jedoch erneuert, auch um den Preis, dass Adenauer sich auf ein definitives Rück­trittsdatum festlegte – womit seine Stellung im letzten Jahr seiner Amtsführung mehr als schwach war.

Seiner Partei blieb er länger an der Spitze erhalten – den CDU-Vorsitz legte er erst im März 1966 nieder. Als Erhard, der schließlich doch die Nachfolge angetreten hatte, im gleichen Jahr scheiterte, hielt sich das Bedauern des Altkanzlers in engen Grenzen.

Adenauer starb im April 1967. Die Erinnerung an die Schattenseiten der letzten Amtsjahre war da allerdings schon verblasst. Unter großer Anteilnahme und in Anwesenheit mehrerer Staatschefs fand das Pontifikalrequiem im Kölner Dom statt. Erik Lommatzsch


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