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21.09.13 / Vor dem Untergang gerettet / Johannes Bobrowskis Berliner Arbeitszimmer mit Originalinventar in Willkischken rekonstruiert

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-13 vom 21. September 2013

Vor dem Untergang gerettet
Johannes Bobrowskis Berliner Arbeitszimmer mit Originalinventar in Willkischken rekonstruiert

Seit diesem Sommer ist Willkischken [Vilkyskiai], Kreis Tilsit-Ragnit, um eine Sehenswürdigkeit reicher: eine Dauerausstellung über Johannes Bobrowski. Eröffnet wurde die Ausstellung über den von 1917 bis 1965 lebenden ostpreußischen Lyriker und Erzähler vom örtlichen evangelischen Pfarrer Mindaugas Kairys, eingeleitet wurde sie von Jörg Naß, der das kleine Museum auch gestaltet und aufgebaut hat.

Zahlreiche geladene Gäste aus der Republik Litauen und der Bundesrepublik Deutschland nahmen an der Eröffnungsveranstaltung teil, darunter Mitglieder der Johannes-Bobrowski-Gesellschaft Berlin, die Leiterinnen der Museen von Heydekrug, Bithenen und Ruß sowie Sigitas Stonis, Mitglied im Stadtrat von Willkischken. Laura Matuzaite-Kairiene, die Vorsitzende des Musikverbandes der evangelischen Kirche von Litauen, begleitete zusammen mit zwei jungen Musikerinnen die Einweihung musikalisch auf Bobrowskis Clavicord.

In der festen Dauerausstellung gibt es nicht nur das ehemalige Arbeitszimmer Bobrowskis zu sehen, in dem sich damals viele Künstler, Dichter, Schriftsteller und Freunde mit Bobrowski trafen. Es werden in der Ausstellung auch Originaldokumente von Bobrow-ski gezeigt. Auf 18 Text- und Bildtafeln wird durch das Leben des Dichters geführt und sein dichterisches Werk dargestellt. Auch sein Bezug zur Kirche – seine Familie war Mitglied der Bekennenden Kirche in Königsberg – und sein musikalisches Inte-resse werden auf zwei Bildtafeln beschrieben. Und über seine Ehefrau Johanna gibt es ebenfalls eine ausführliche Tafel. Johannes Bobrowski lernte seine Johanna in Motzischken kennen. Sie ist die Tochter von Michael und Adusche Buddrus, einer Familie mit memelländischen Wurzeln. Johanna Buddrus und Johannes Bobrowski heirateten im Mai 1943 auf dem Hof der Familie Buddrus, aber erst 1949, nach dem Ende von Bobrowskis Kriegsgefangenschaft in Russland, konnte er seine Frau in Berlin wiedersehen.

Mit dieser Ausstellung ist ein Teil Bobrowskis in die Gegend seiner Kindheit zurückgekehrt, die ihn als Kind stark geprägt hat. In dem Dorf Motzischken bei seinen Großeltern und in Willkischken auf dem Hof seiner Tante Agathe Fröhlich hatte Bobrowski ab 1929 regelmäßig seine Sommerferien verbracht. Schon als kleines Kind war er mit seiner Mutter mit der Eisenbahn von Königsberg nach Tilsit und von dort aus mit der Kleinbahn weiter bis nach Willkischken gefahren, um dort ihre Verwandten zu besuchen. Hier lernte er früh bäuerliche Sitten und den Alltag des Memellandes kennen. Er begegnete Zigeunern und kleinen jüdischen Wanderhändlern, die von Jurbarkas kamen, um hier Handel zu treiben. Auch der nahegelegene Rombinus, der noch heute als Götterberg von den Litauern verehrt wird, gehörte zu den wichtigen Landschaftserlebnissen Johannes Bobrowskis. Es ist eine „Landschaft mit Leuten“, wie Bobrowski später gesagt hat, eine Landschaft mit Menschen verschiedener Nationalitäten, die dort friedlich miteinander und durcheinander gelebt haben. Die Eindrücke seiner Kindheit und Jugend verarbeitete Johannes Bobrowski später in vielen seiner Gedichte, Romane und Erzählungen.

Auch heute sind Johannes Bobrowski und sein Werk nicht völlig unbekannt; seit 1965 erschienen zahlreiche Bücher mit Gedichten oder Erzählungen des Dichters. Bobrowskis Werke sind in über 30 Sprachen übersetzt worden. Die Johannes-Bobrowski-Gesellschaft in Berlin bemüht sich, das literarische Erbe des Schriftstellers zu erhalten, in Berlin-Fried-richshagen wurde die Stadtbibliothek nach Bobrowski benannt, ebenso ein Lesesaal der Bibliothek in Kaunas in Litauen. Seit 2011 heißt die Hauptstraße durch Willkischken „Bobrovskio-gatve“, auf deutsch „Bobrowskistraße“.

Die Ausstellung kann jederzeit besucht werden. Das Tourismusbüro in Willkischken, das sich in der ehemaligen Grundschule nahe der evangangelischen Kirche befindet, öffnet die Ausstellung gerne für Besucher. In der Kirche finden im Jahr öfter Konzerte statt, Pfarrer Kairys, Mitglied der litauischen Bobrowskigesellschaft, hilft gerne bei der Planung eines Besuchs des Museums weiter. Die litauische Bobrowskigesellschaft und das Tourismusbüro freuen sich ebenso über jede Anregung für Seminare, Kunstaktionen oder sonstige Veranstaltungen, die Bobrowski betreffen. J.N.

Nähere Informationen erteilen die litauische Bobrow-skigesellschaft, E-Mail: bobrovskio.draugija@gmail.com, das Tou­ris­mus­büro in Will­kisch­ken, Pagegiuų krašto turizmo informacijos centras, Ilona Meirė (Leitung des Büros), Šereikos g. 3-3, LT- 99254 Vilkyškiai, Lietuva, Telefon 370/656/18/551, E-Mail: ticpagegiai@gmail.com, und Jörg Naß, Rolandstraße 11, 48429 Rheine, E-Mail: joerg.nass@osnanet.de


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