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21.09.13 / Hoch oben auf dem schwankenden Wagen / Eine Heugeschichte – diesmal ohne die gesuchte Nadel

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-13 vom 21. September 2013

Hoch oben auf dem schwankenden Wagen
Eine Heugeschichte – diesmal ohne die gesuchte Nadel

Der Sommer geht nun endgültig zur Neige, der kalendarische folgt dem meteorologischen Herbstanfang. Bleiben wird die Erinnerung an einen schönen, warmen Sommer, der erst etwas mürrisch begann, sich aber dann auf seine Aufgaben besann und ein Supersommer wurde. Da wollen wir mit einem letzten Rückblick von ihm Abschied nehmen und noch einmal Erinnerungen an einen ostpreußischen Kindersommer bringen. Zwar geht es bei dieser Geschichte von unserer Leserin Inge Gretel Perkuhn-Liedtke nicht um die durch unsere letzten Folgen geisternde Nadel im Heuhaufen, aber um die Heuernte, die ja im Memelgebiet in den Sommermonaten das bäuerliche Leben bestimmte. Und weil die kleine Inge eine Stadtmarjell aus Tilsit war, genoss sie die Sommertage auf dem Bauernhof ihres Onkels in Rucken besonders, auch wenn es mitten im Krieg war. Und so lassen wir unsere heute in Erfurt lebende Leserin erzählen:

„Nach Rucken fuhren wir sehr oft, weil meine Mutter ihren dort lebenden Verwandten half, die Ernte einzubringen. Es war eine kleine Bimmelbahn nach Übermemel, die uns nach Rucken brachte. Der Hof gehörte dem Cousin meiner Mutter, er hieß Franz, genau wie mein Vater, der bei Stalingrad stand. Als wir ankamen, war Onkel Franz gerade dabei, seinen Rucksack für die Front zu packen. Ich dachte an meinen Vater, der an der Front war, und es machten sich widerspenstige Gefühle breit, die ich heute noch spüre. Er nestelte noch einmal an seinem Rucksack und schenkte mir seine Fliegerschokolade – seine eiserne Reserve! Meine Mutter riss mir gleich die runde Schachtel aus der Hand, doch Onkel Franz nahm sie nicht wieder zurück. Sie schmeckte mir köstlich! Auf dem Hof spannte meine Cousine Marie bald die Pferdchen an und ich freute mich auf die Fahrt zu ,dem Franz seine Wiesen‘. Sie lagen drei bis vier Stunden entfernt von seinem Hof! Wir fuhren bei Sonnenuntergang los und es ging durch Wald und Feld und saftige Wiesen mit majestätisch schreitenden Störchen. Meine jüngere Schwester und ich riefen ihnen zu: ,Storch, Storch, bester, bring mir eine Schwester!‘ – obwohl ich mir doch eigentlich einen Bruder wünschte! Die Sonne wollte lange nicht untergehen. Meine Mutter und ihre Cousine lenkten die Pferdchen, und wir Kinder schliefen bald auf dem Leiterwagen in eine wunderbare, warme Sommernacht hinein. Kaum war die Sonne untergegangen, ging der rote Ball in dieser kurzen Mittsommernacht wieder auf.

In den Wiesen stand das Heu auf riesigen Hocken. Endlich konnten die Pferdchen ausruhen. Sie bekamen ein Säckchen umgehängt, aus dem sie sich wie aus einem Trog ihren Hafer holten. Sie schnaubten und ließen sich willig von uns streicheln. In Windeseile war unser Leiterwagen zu einem hoch getürmten Heuwagen geworden. Ich glaubte, er sei nun hoch wie ein Haus und wir Kinder sollten auch noch aufgetürmt werden. Da mussten Augenblicke der Angst ausgestanden werden, denn der voll bepackte Heuwagen schaukelte über die Furchen und die steile Auffahrt zum Landweg. Das Fuder schwankte nach rechts und links und drohte zu kippen, und ich rannte fort, um nicht unter dem Heu begraben zu werden. Die Pferde zogen mit Hü und Hot, und bei Brrr standen sie endlich auf dem schmalen Wiesenweg. ,So, und nun noch die beiden Marjellchens nach oben!‘, rief meine Mutter und eins, zwei, drei wurden wir nach oben gehievt, wir waren ja leichter als eine voll gestakte Heugabel. Mutter und Marie saßen viel tiefer unter einem richtigen Heudach und lenkten die Fuhre heimwärts. Von hier oben sah die Welt noch viel schöner aus, noch weiter, noch sonniger. Die Bäume hatten keine Stämme mehr, wir fuhren durch die Kronen, die wie mit Lametta behangen aussahen, wenn Heuhalme in ihnen hängen blieben Wir freuten uns, wenn ein Storchennest in Sicht war, um richtig hineinschauen zu können. Ob man wirklich darin schlafen konnte wie Heiner im Storchennest? Dann wurde gefrühstückt – oben im Heu. Wir hatten eine richtige Kuhle hineingekringelt. Den Heuduft, gemischt mit dem Geruch von Roggenbrot und frischen Mohrrüben habe ich mir für alle Zeiten bewahrt.

Das war im Sommer 1943 gewesen. Es war die vorletzte Ernte, Franz Zebedies hat sie nicht mehr erlebt, er hat seinen Hof nie wieder gesehen, nicht weit von seiner Heimat entfernt kam er in Russland ums Leben. Eine Schwester bekam ich auch nicht, weil mein Vater in Stalingrad blieb. Mein Heunest lockte Licht und Freude in meine Kinderseele hinein und bewahrte mir bis heute die Liebe zu einem Land, das für immer Heimat blieb!“

Mit dieser kleinen – leider etwas gekürzten – Geschichte schrieb sich die Tilsiterin ihr Heimweh von der Seele. Sie hofft, dass vielleicht Landsleute ähnliche Erinnerungen haben, und es noch Menschen aus ihrer Heimat an der Memel gibt, die sich an Rucken und an den Zebedies-Hof erinnern. Wir gaben gerne ihre Anschrift weiter: Inge Gretel Perkuhn-Liedtke, Alfred-Brehm-Straße 12 in 99099 Erfurt, Telefon 0361/2188546. R.G.


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