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21.09.13 / Der Schrumpf-Lurch / Ziehharmonika-Effekt auch im Tierreich – Dürre macht kleiner

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-13 vom 21. September 2013

Der Schrumpf-Lurch
Ziehharmonika-Effekt auch im Tierreich – Dürre macht kleiner

Dass Tiere schrumpfen, würde man vielleicht in animierten Disney-Filmen erwarten, aber nicht in der Realität. Nahrungsmangel während langer Dürre machen dieses Kuriosum bei Tieren aber tatsächlich möglich. US-amerikanische Wissenschaftler wiesen jetzt an einer seltenen Salamander-Art nach, dass diese Tiere unter Extrembedingungen an Körperlänge erst merklich verlieren und den Verlust später unter günstigeren Lebensbedingungen wieder kompensieren. Gelungen ist dieser Nachweis laut dem „Journal of Zoology“ (Volume 290, 2013, Seite 35) anhand des sogenannten Jollyville Plateau Salamanders. Diese kaum erforschte Gelbsalamander-Art kommt endemisch, also nur in einer eng begrenzten Region, in Texas vor.

Unter Amphibien war das zeitweilige Einschrumpfen des Körpers bislang völlig unbekannt. Andrew Gluesenkamp, Herpetologe beim Texas Parks and Wild­life Department, und Nathan Bendik, Umweltwissenschaftler bei der Stadt Austin, der Hauptstadt von Texas, hatten für ihre Forschungsstudie in Höhlen und Quellen im texanischen Travis County ursprünglich nur messen wollen, ob sich das Wachstum der grün-braunen Lurche bei Dürre verlangsamt. Eine außergewöhnliche achtmonatige Dürre kam ihnen dabei zupass.

Als sie die zuvor markierten und fotografierten Salamander nach Monaten der Dürre wieder einsammelten, hielten die Forscher ausgezehrte Schrumpfversionen in ihren Händen. Die Kopf-Rumpf-Länge von „Eurycea tonkawae“, so die lateinische Bezeichnung, war um bis zu acht Prozent kürzer als vor der Dürre, der Schwanz sogar um bis zu

23 Prozent. Im Frühjahr darauf hatten die Salamander ihre Verluste wieder mehr als kompensiert. Die jeweils letzten Mahlzeiten der Salamander hatten auf die ermittelten Schwanz- und Körperlängen keinen Einfluss, versichern die Forscher.

„Das Schrumpfen des Körpers könnte eine Anpassung sein, um mit langen Phasen geringen Futterangebots fertigzuwerden“, analysiert Bendik in seiner Studie. Der Abbau von Fettreserven vor allem im Schwanz genüge offenbar nicht, um den widrigen Umweltbedingungen zu trotzen und das Überleben zu sichern. „Für den weltweiten Niedergang der Amphibienpopulationen ist der Klimawandel eine treibende Kraft“, so Bendik. Steigende Temperaturen und häufigere Dürren setzten den Kriechtieren zu.

Die raren und mit Schwanz rund sechs Zentimeter langen Salamander kommen nur in wenigen Gegenden von Texas vor, unter anderem am Jollyville Pla­teau. Während der Dürrezeiten ziehen sie sich ganz in grundwasserführende Schichten zurück, um nicht auszutrocknen. Die dann erhöhte Populationsdichte in den Grundwasserleitern könne laut den Autoren die Konkurrenz der Lurche um Raum und Futter verschärfen.

Für das Phänomen des Körperschrumpfens gibt es im Tierreich nur ganz wenige weitere Beispiele. Meist sind die davon betroffenen Tiere ungewöhnlich harten Umweltbedingungen und Futtermangel ausgesetzt. 1965 wurde das Ziehharmonika-Verhalten erstmals bei Spitzmäusen festgestellt, später bei einigen Buntbarscharten und Schildkröten, zuletzt bei Meeresleguanen, denen das Wetterphänomen El Niño vor der Westküste Südamerikas alle paar Jahre die Nahrung dezimiert. Die Leguane verlieren dabei bis zu 20 Prozent ihrer Körpergröße.

Gleichwohl überleben viele Individuen die Warmwasserphasen des „Teufelsstroms“ El Nino nicht. Auch bei jungen Lachsen war das Phänomen bekannt: Während harter Winter verlieren die Fische bis zu zehn Prozent ihres Umfangs, kompensieren den Verlust im Frühjahr aber wieder. Unter Kriechtieren ist die Schrumpfreaktion des Texas-Lurchs jedoch ein Novum. Welche Langzeitwirkung sich aus dem Ziehharmonika-Effekt für die Tiere ergeben, ist noch unerforscht. Kai Althoetmar


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