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21.09.13 / Der Arzt des Kaisers / Mediziner berichtet über Krebs von Friedrich III.

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 38-13 vom 21. September 2013

Der Arzt des Kaisers
Mediziner berichtet über Krebs von Friedrich III.

Manchmal machen auch kleine Verlage große Fehler. Ein gutes Exempel hierfür lieferte jetzt der Salzwasser Verlag in Paderborn. Hört man von dessen neuester Schrift „Friedrich der Große und seine Ärzte“, denkt man natürlich sofort an erbauliche Geschichten über den Alten Fritz, der mehr als einmal geklagt hatte, „die Docters seindt große Idioten“. Doch was findet sich nach dem Aufschlagen des Buches? Der Reprint einer Schrift aus dem Jahre 1888 mit dem Titel „Fried-rich der Edle und seine Ärzte“! Es geht also überhaupt nicht um den preußischen König Friedrich II., sondern um Friedrich Wilhelm Nikolaus Karl von Preußen, der 1888 für 99 Tage als deutscher Kaiser regierte, bevor er an Kehlkopfkrebs starb. So weit, so schlecht! Andererseits ist es aber durchaus aufschlussreich, was Sir Morell Mackenzie (1837–1892) über die Krankheit und die ärztliche Behandlung des Monarchen zu berichten weiß, denn der renommierte Londoner Hals-, Nasen- und Ohrenspezialist hatte Friedrich III. zwischen Mai 1887 und Februar 1888 fünf Mal wegen seiner Wucherungen an den Stimmbändern operiert und dann weiter bis zum Tode behandelt.

Dem Engländer war seinerzeit nach dem Ableben des Kaisers von deutscher Seite unterstellt worden, dass er mit seinem zweiten Eingriff vom 23. Mai 1887 den Krebs überhaupt erst hervorgerufen und hernach auch nicht als solchen erkannt habe. Dabei landete die Kritik schnell unter der Gürtellinie. So behaupteten diverse Provinzblätter, der schottischstämmige Arzt sei Jude und heiße in Wirklichkeit Moritz Markowitz. Die „Kölner Zeitung“ ging sogar so weit, ihm mit Steinigung zu drohen, weshalb der Angefeindete Polizeischutz angeboten bekam, auf den er aber dankend verzichtete.

Treibende Kraft hinter diesen Ausfällen waren die an der Behandlung mitbeteiligten, aber augenscheinlich wenig kompetenten Professoren Gebhard und von Bergmann, denen Mackenzie nun seinerseits in einer langen Replik auf alle laut gewordenen Vorwürfe die Verantwortung für das Dahinsiechen des Kronprinzen und späteren Kaisers zuschob. So sei nicht er es gewesen, der den Krebs „erzeugt“ habe, sondern Gebhardt: Angesichts von dessen völlig unfachmännischer früheren Behandlung mit täglichem Ausbrennen der Stimmbandknoten über einen Zeitraum von zwei Wochen müsse sich jeder einigermaßen vernunftbegabte Beobachter fragen, worüber er mehr „erstaunt sein sollte, ob über die therapeutische Energie des Arztes oder über das Aushalten des Patienten“. Und von Bergmanns Fehlplatzierung der Trachealkanüle am 12. April 1888 wiederum sei für den Abszess in der Luftröhre und damit das regelrechte „Zerbröckeln“ derselben sowie den nachfolgenden qualvollen Tod des Patienten verantwortlich. Außerdem verweist der Brite darauf, dass kein Geringerer als Rudolf Virchow, also der berühmteste Pathologe seiner Zeit, nach jedem Eingriff Mackenzies Gewebeproben erhalten und untersucht habe, wonach der stets gleiche Befund folgte: Man müsse von einer „harten Warze“ ausgehen, „die auch nicht den entferntesten Anhalt für die Annahme einer in das Gewebe eindringenden Neubildung“, also Krebs, liefere.

Insofern waren die Vorwürfe an den Londoner Kehlkopfspezialisten tatsächlich völlig an den Haaren herbeigezogen: Mackenzie kann keinesfalls für das Siechtum und den Tod Friedrich III. verantwortlich gemacht werden. Deshalb genoss der Engländer auch das immerwährende Vertrauen seines Patienten, der ihm am 10. April 1888, als er gerade noch zwei Monate zu leben hatte, das Komtur-Kreuz und den Stern des Königlichen Hohenzollern-Ordens verlieh. Insofern ist verständlich, dass Mackenzie ein rundum begeistertes Charakterbild Friedrichs III. zeichnet, welches in den Worten kulminiert: „,Lerne zu leiden, ohne zu klagen!‘ Niemals war irgendein anderer besser geeignet, diesen Satz durch sein eigenes Beispiel zu lehren, als dieser geduldigste aller Dulder.“ Wolfgang Kaufmann

Morell Mackenzie: „Friedrich der Große und seine Ärzte“, Salzwasser Verlag, Paderborn 2013, broschiert, 126 Seiten, 19,90 Euro


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