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28.09.13 / Schrumpf-Republik Deutschland / Wissenschaftler empfehlen, gezielte Entsiedelungs-Politik zu betreiben

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-13 vom 28. September 2013

Schrumpf-Republik Deutschland
Wissenschaftler empfehlen, gezielte Entsiedelungs-Politik zu betreiben

Zustände wie in Detroit mit flächendeckendem Leerstand und Verwahrlosung sieht das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW) künftig auch auf deutsche Städte zukommen. Angesichts der ungebrochenen Nachfrage nach Wohnungen in Städten wie Berlin oder Hamburg erscheint die Prognose auf den ersten Blick gewagt. Tatsächlich driftet der deutsche Wohnungsmarkt zunehmend auseinander: In Metropolen wie München und deren Umland nimmt die Nachfrage nach Wohnraum weiter zu, in weniger attraktiven Städten und Kreisen schrumpft die Bevölkerung allerdings.

Das IW geht davon aus, dass bis zum Jahr 2050 in Deutschland der Gipfel der Nachfrage nach Wohnraum erreicht sein wird. Schon weit vorher wird es allerdings in Regionen mit wenig Anziehungskraft durch Wegzug einen regelrechten Einbruch bei den Bevölkerungszahlen geben. Die Folgen der zunehmenden Entleerung werden gravierend sein. Falls nicht gegengesteuert wird, setzt sich ein Teufelskreis in Gang. Verlassene Gebäude verringerten die Chance, Mieter und Käufer für umliegende Immobilien zu finden. Mit dem Leerstand nimmt die Wahrscheinlichkeit von Vandalismus und Verwahrlosung zu. Je weniger Bewohner verblieben, desto höher werden obendrein die anfallenden Kosten und damit der Anreiz, ebenfalls wegzuziehen. Der Grund: Die Aufwendungen, etwa für die Müll- und Abwasserentsorgung, verteilen sich auf immer weniger Köpfe. Für die Politik noch ziemlich ungewohnt dürfte die Empfehlung klingen, um deutsche „Detroits“ zu verhindern: Die betroffenen Kommunen sollen versuchen, sich nach innen zu entwickeln, etwa indem bestehende Wohnungen aufgewertet werden. Abgeraten wird dagegen davon, durch weitere Gewerbe- und Wohngebiete neue Einwohner anzulocken. Der Versuch könne den schon bestehenden Leerstand letztlich nur noch weiter verschlimmern, so die Warnung.

Noch weiter gehen die Empfehlungen, die in einer Studie des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) Potsdam und des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung gegeben werden. Der Titel „Vielfalt statt Gleichwertigkeit“ spielt auf den bisher im Grundgesetz verbrieften Anspruch auf gleichwertige Lebensverhältnisse an. Ein Versprechen, dass besser aufgegeben werden sollte, so die Schlussfolgerung der Studie. Ausgehend von der Prognose, dass ländliche Gebiete bis zum Jahr 2030 über acht Prozent ihrer Bevölkerung verlieren werden, gipfelt die Untersuchung in einer brisanten Empfehlung: Dünn besiedelte „unattraktive“ Regionen sollten gezielt entsiedelt werden. Mit Anreizen gestärkt werden sollten stattdessen Kleinstädte in der jeweiligen Region. Auch hier der Befund, dass eine zunehmende Entvölkerung für die Verbleibenden zu immer höheren Kosten führt, denn für immer weniger Menschen muss dieselbe Infrastruktur unterhalten und bezahlt werden.

Was in den kommenden Jahrzehnten auf viele ländlich geprägten Regionen Deutschlands zukommt, wird am Beispiel Brandenburgs deutlich: Die Einwohnerzahl des Landes wird jüngsten Prognosen zufolge bis 2030 um insgesamt 8,5 Prozent schrumpfen. Das gilt für alle Kreise und kreisfreien Städte bis auf Potsdam, das im Jahr 2030 mit zwölf Prozent mehr Bewohnern rechnen kann. Insgesamt könnten im „Speckgürtel“ rund um Berlin die Bevölkerungszahlen einigermaßen stabil bleiben, Randregionen wie die Prignitz, die Uckermark und die Lausitz werden aber zunehmend menschenärmer.

Für das Land Brandenburg wird die schrumpfende Einwohnerzahl in den kommenden Jahren vor allem eines bedeuten: weniger Steuereinnahmen. Als Folge müssen die Verwaltungskosten sinken, etwa durch die Fusion von Landkreisen. Für eine Reform liegen inzwischen drei Varianten vor, allen gemeinsam ist, dass die kreisfreien Städte Brandenburg an der Havel, Frankfurt/Oder und Cottbus ihren bisherigen Status verlieren; nur Potsdam soll ihn behalten. Bevor mit der Verschmelzung der Kreise Geld eingespart werden kann, droht allerdings erst einmal ein Gerangel darum, wo Verwaltungen eingespart werden und welche Beschäftigten entlassen oder versetzt werden müssen. In der Konsequenz könnten Bürgern dann Anfahrtswege von bis zu 100 Kilometern drohen, wenn sie Angelegenheiten beim Landkreis regeln wollen. Den grundgesetzlichen Anspruch hin oder her – de facto werden sich damit im Alltag ganz automatisch ungleiche Lebensverhältnisse ausbilden. N. Hanert


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