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28.09.13 / Die Fischer-Kontroverse

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-13 vom 28. September 2013

Die Fischer-Kontroverse

Bis heute konnte in der Frage der Kriegsursachen und der deutschen Kriegszielpolitik kein Konsens unter den Historikern erzielt werden. Die Diskussion über die verschiedenen Deutungsweisen, die nicht nur eine rein wissenschaftliche ist, sondern auch eine eminent politische und mit den Auseinandersetzungen um die Selbstdefinition der deutschen Gesellschaft verknüpfte Kontroverse thematisiert, ist als „Fischer-Kontroverse“ mittlerweile selbst in die Geschichte eingegangen.

Den Anstoß zur Überprüfung der bis dahin von der deutschen Historiografie im Interesse eines identitätsstiftenden historischen Konsensus tradierten Thesen, die unter Rückgriff auf das Diktum Lloyd Georges davon ausgegangen waren, dass die kriegführenden Parteien während der Julikrise 1914 „ungewollt irgendwie in den Krieg hineingeschlittert“ seien, gab der Hamburger Historiker Fritz Fischer 1961 mit seinem Buch „Griff nach der Weltmacht“. Darin betont er den deutschen Anteil an der Auslösung des Krieges und vertritt die Position, dass die deutsche Reichsleitung dadurch eine maßgebliche Verantwortung für den Ausbruch des Krieges trage, dass sie diesen langfristig geplant und 1914 in Verfolgung kontinentaler Hegemonialziele auch beabsichtigt habe. Obwohl Fischer fundierte Forschungsergebnisse vorlegen und schließlich die lange Zeit wissenschaftlich wie politisch herrschenden nationalen Legitimationsideologien zerstören konnte, sind seine lange die traditionelle deutsche Geschichtswissenschaft dominierenden Kritiker um Gerhard Ritter, Egmont Zechlin, Theodor Schieder und Karl Dietrich Erdmann nicht verstummt. Unter anderem auf die Aufzeichnungen des Kanzlermitarbeiters Kurt Riezler gestützt, die als eine der wichtigsten Quellen zur Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges und zur deutschen Kriegspolitik gelten, gingen diese davon aus, dass die Reichsleitung den Krieg lediglich für den Fall in Erwägung gezogen habe, dass das vorrangige politische Ziel, die Entente durch Drohungen und Demonstrationen militärischer Stärke zu sprengen, nicht erreicht werden konnte. Nach dieser Interpretation hat die Reichsleitung den Krieg nicht nur nicht bewusst herbeigeführt, sondern ihn auch nicht gewollt. In jüngerer Zeit sind allerdings Stimmen laut geworden, welche den Quellenwert der Riezler-Tagebücher zur Widerlegung der These Fischers aufgrund editionstechnischer Bedenken wie nachträglich durch den Verfasser vorgenommene Überarbeitungen relativieren.

Christopher Clark schildert und bewertet auf schlüssige Weise den eine Eigendynamik entfaltenden Mechanismus, der schließlich zum Kriegsausbruch geführt hat. Damit stellt er Fischers seit Jahrzehnten allgemeingültige These von der besonderen Kriegsschuld des Kaiserreiches mehr als in Frage. J.H.


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