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28.09.13 / Fußball-WM wirft ihre Schatten voraus / Königsberg diskutiert im Zusammenhang mit seinem geplanten Stadion auch die Gestaltung seines historischen Stadtzentrums

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-13 vom 28. September 2013

Fußball-WM wirft ihre Schatten voraus
Königsberg diskutiert im Zusammenhang mit seinem geplanten Stadion auch die Gestaltung seines historischen Stadtzentrums

Königsberg wird 2018 neben einer Reihe anderer Städte der Russischen Föderation Austragungsort der Fußballweltmeisterschaft sein. Um dieses Thema gibt es große Aufregung, da Uneinigkeit über die notwendigen Baumaßnahmen herrscht. Es geht um den Bau eines Stadions, das den Fifa-Vorgaben entspricht. Ein solches fehlt bislang in Königsberg wie auch moderne Hotels und Infrastruktur. In diesem Zusammenhang wurden auch Möglichkeiten der Bebauung des historischen Stadtzentrums wieder einmal erörtert, vor allem die Frage, wer bauen darf und wie die Bebauung aussehen soll.

In letzter Zeit wird in Königsberg viel über das Projekt „Herz der Stadt“ gesprochen. Diese Bezeichnung wurde schon vor einigen Jahren verwendet, als der damalige Chefarchitekt Alexander Baschin ein Hochhaus in der Innenstadt bauen wollte. Für die Bebauung des historischen Stadtzentrums haben Architekten und Spezialisten schon bei internationalen Workshops ihre Ideen vorgestellt. Aber gerade in diesem Jahr hat sich die Gebietsregierung entschieden, aus dem Haushalt ein weiteres Konzept für die Bebauung des Kneiphofs zu finanzieren. Die offizielle Bezeichnung lautet: „Vorbereitung der technischen Spezifikation für die Entwicklung des Konzepts des Wiederaufbaus des Stadtzentrums“. Die Königsberger Stadtverwaltung hat ein großes Interesse an dem Projekt, da es um die wertvollsten Grundstücke in der Stadtmitte geht.

Auf einer der Sitzungen des Kulturrats beim Gouverneur sagte Bürgermeister Alexander Jaroschuk, dass die Grundstücke der ehemaligen Altstadt im Bereich des Pregelufers an der Altstädtischen Langgasse sich im Kommunaleigentum befänden, deshalb sei eine gemeinsame Leitung (unter Beteiligung der Gebietsregierung und der Stadtverwaltung) für die Realisierung des Projekts „Herz der Stadt“ wegen der städtebaulichen Besonderheit des Vorhabens unmöglich. Nach Meinung des Bürgermeisters gehören Fragen des Städtebaus in den Zuständigkeitsbereich der Stadtverwaltung und können keinen anderen Organisationen übergeben werden. Das Konzept „Herz der Stadt“ hatten der Kulturwissenschaftler Alexander Popadin und der Architekt Oleg Wastjun erarbeitet. Vor Kurzem stellte Popadin bei einer Sitzung des Kulturrats beim Gouverneur eine Expertise über das Projekt „Herz der Stadt“ vor. Die Autoren hatten zwölf historische Terrains bezeichnet und für jedes Nutzungsvarianten angeboten.

Die Konzeption ist ambitioniert. Im Bereich der ehemaligen Altstadt (um das Haus der Räte) soll das Rathaus, das vor dem Krieg dort stand, wieder aufgebaut werden wie auch die Schmiedebrücke, Marktplatz und Kaiser-Wilhelm-Platz. Eine Fußgängerzone soll die jetzige Straße ersetzen, über die Spaziergänger an das Pregelufer gelangen.

Auf der Dominsel, wo noch die Fundamente und Keller der mittelalterlichen Häuser dicht unter der Erdoberfläche erhalten sind, schlagen die Schöpfer von „Herz der Stadt“ den Wiederaufbau der mittelalterlichen Bebauung des Kneiphofs vor. Parallel dazu fordern sie den Abriss der neuen Straßenbrücke. Der über sie führend Verkehr könnte über eine Stadtumgehung geleitet werden.

Der Umfang der möglichen Umgestaltungen ist so gewaltig, dass Gebietsregierung und Gouverneur Nikolaj Zukanow kaum einer Umsetzung werden zustimmen können, weil die Mittel fehlen. Bis jetzt plant die Gebietsregierung zehn Millionen Rubel, umgerechnet nicht einmal 230000 Euro, aus dem Haushalt für das Projekt ein. Neben der Begeisterung tauchten auch eine Reihe von Fragen auf, für die bislang keine Antwort gefunden wurde.

Viele Architekten sind der Meinung, dass Popadin der falsche Mann für diese Aufgabe sei. Es gab Plagiatsvorwürfe gegen ihn und auch seine Projektideen wurden kritisiert. So gab er keine Auskunft darüber, ob die Grundstücke auf dem Kneiphof erschlossen oder wie hoch die Kosten für Transportlogistik sind, welche potenziellen Investoren es gibt oder wie das Bauland aufgeteilt werden soll. Bis jetzt blieb auch das Schicksal des Hauses der Räte ungelöst, wie auch die Frage, ob das Schloss wieder aufgebaut werden soll.

Gegen die mittelalterliche Bebauung des Kneiphofs fand Domdirektor Igor Odinzow deutliche Worte: „Auf dem Kneiphof gab es keine Kanalisation. Die Abwässer aller Häuser gingen in den Pregel. Wenn Sie dort Häuser für die Oligarchen bauen wollen, dann wird das nicht die Wiederherstellung des Kneiphofs sein, sondern das ‚Herz der Stadt‘ wird ein anderer Körperteil sein, den ich nicht nennen will.“

Es gibt zahlreiche Unterstützer für eine historische Wiederbebauung des Stadtzentrums, aber auch ebenso viele Gegner. Das hängt damit zusammen, dass die Stadt unter Autoabgasen leidet und die „grüne Lunge“, die sich auf dem Kneiphof befindet, die Stadt vor ökologischen Belastungen rettet. In Königsberg gab es damals kaum Autos, die Belastung mit Abgasen ist heute ein ungelöstes Problem der Stadt. Viele kritisieren, dass es genügend andere Probleme gebe, die dringend gelöst werden müssten.

Darüber hinaus gibt es Zweifel an den Motiven der Initiatoren des Projekts „Herz der Stadt“. Nicht die Liebe zur historischen Architektur und die reiche Geschichte, sondern der Wunsch, große Bauprojekte im Stadtzentrum zu leiten, treibe die Schöpfer des Projekts an.

Nach Vorlage der kunstgeschichtlichen Expertise sollten eigentlich öffentliche Diskussionen um die Umsetzung des Projekts „Herz der Stadt“ geführt werden, doch wie es augenblicklich aussieht, könnte das Projekt auf Eis gelegt werden. Erst kürzlich empfahl Präsident Wladimir Putin, eine Reihe von staatlichen sozialen Programmen aufgrund der sich zuspitzenden Wirtschaftslage zu kürzen. Das geschieht erstmals seit Jahren. Deshalb hat das Projekt „Herz der Stadt“ alle Chancen, eine Vision zu bleiben. Jurij Tschernyschew


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