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28.09.13 / Lebensgeister und Brüllaffen / Abenteuerlicher Ausflug in den Zaubergarten der Maya – Guatemala zwischen Schamanismus und modernem Fortschrittslärm

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-13 vom 28. September 2013

Lebensgeister und Brüllaffen
Abenteuerlicher Ausflug in den Zaubergarten der Maya – Guatemala zwischen Schamanismus und modernem Fortschrittslärm

Am 29. Juli 1773 erschütterte ein Erdbeben das Hochland von Guatemala und machte La Antigua dem Erdboden gleich. Wenn auch Antigua nach dem Wiederaufbau ihre einstige Anmut nie wieder erlangt hat, so gilt die vor langer Zeit zum Unesco-Weltkulturerbe ge­adelte Stadt mit ihren prächtigen barocken Kirchen, plätschernden Brunnen und herrschaftlichen Häusern doch immer noch als die schönste Hinterlassenschaft der spanischen Konquistadoren in Zentralamerika.

Kaum ein Europäer kann sich dem Zauber dieses tropischen Gartens Eden im Süden der Halbinsel Yucatán entziehen. Un­durchdringlicher Ur­wald dehnt sich über viele Kilometer. Mittendrin blitzen Teiche und Wasserläufe, murmeln Bäche im Unterholz. Doch im Paradies lauern auch Gefahren. Aus einem Gewässer, in dem sich Hunderte von Schildkröten und bunte Fische tummeln, ragt ein verwittertes Schild mit der Aufschrift „Vorsicht Krokodile“. Auch vor Schlangen, die sich im Dickicht verbergen, wird gewarnt. „Aber nur vier Arten sind richtig giftig“, beruhigt Guide José seine Gäste. Vorsichtig tastet er mit einem langen Stab das Gebüsch ab.

Als Postkartenidylle erweist sich der von drei Vulkanen gerahmte Lago de Atitlán. Eine Nussschale bringt unsere Gruppe hinüber nach Santiago, ein kleines Dorf mit Webereien und Kunstgalerien. Am Ufer wartet bereits eine ganze Armada von Tuk-Tuks, jenen Minitaxis, die an überdachte Motorroller erinnern, um die Touristen über holperiges Kopfsteinpflaster zu den schönsten Aussichtspunkten zu schaukeln. Der Weg führt vorbei an Bananenstauden sowie Indigo- und Baumwollplantagen. Während des 36 Jahre dauernden Bürgerkrieges im Lande, als viele ihrer Ehemänner starben, schlossen sich die Frauen des Ortes zu einer Kooperative zusammen. Sie bauen noch heute ihre eigene Baumwolle an, weben sie an traditionellen Webstühlen und färben die Stoffe mit Pflanzenfarben.

„Heute dringen wir in die Zauberwelt unserer Vorfahren, der Mayas, ein“, verkündet José am Morgen und bittet jeden von uns, für diesen abenteuerlichen Ausflug festes Schuhzeug anzuziehen. Der Weg zur Ruinenstadt Tikal ist beschwerlich. Er führt über schlammige Wege, spitze Steine und Baumwurzeln. Doch die Strapazen werden mit einem einzigartigen Szenario belohnt. Die ehemalige Kultstätte der Mayas ist ein magischer Ort, der einem schier den Atem verschlägt. Hoch aufragende Pyramiden recken sich unter dem grünen Urwalddach dem Himmel entgegen. Brüllaffen schwingen sich von Ast zu Ast und machen dabei einen Ohren betäubenden Lärm, während die winzigen Spinnenäffchen in den Wipfeln der hohen Bäume mit in das „Konzert“ einfallen. Unter das Gekreisch der farbenprächtigen Papageien und Tukane mischt sich das Trällern, Zwitschern und Tirilieren anderer gefiederter Be­wohner. Auf den Stufen zum Tempel des Großen Jaguars, der zu Ehren von König Ah Cacau er­richtet wurde, hat sich eine Schulklasse niedergelassen. Der Lehrer erteilt den Zwölfjährigen Unterricht in „Ahnenkunde“ und er­klärt ihnen den Bau des Tempels, der wohl nach den Plänen des Herrschers entstanden ist. „Ihr müsst euch vorstellen, wie tief beeindruckt das Volk vor 1200 Jahren beim Anblick des Hohen Priesters gewesen sein muss, wenn der, angetan mit Puma- und Ozelotfellen, einer Kaskade aus Jadeketten und geschmückt mit bunten Federn die vielen Stufen bis auf den höchsten Punkt der Pyramide hinaufstieg.“ Die Treppe ist gesperrt, seitdem mehrere Waghalsige versuchten, das Ritual nachzuvollziehen, und dabei zu Tode stürzten.

Die katholische Kirche war bei ihrer Mission, die Urbevölkerung zum Christentum zu bekehren, gewiss nicht zimperlich. Da die Menschen jedoch von ihren Lokalheiligen und Schamanen nicht lassen wollten, ließen die Priester den einen oder anderen heidnischen Halbgott zu, der Seite an Seite mit Jesus Christus die jeweilige Kirche bevölkern durfte. Der sogenannte „Synchretismus“ steht auch heute noch bei den Guatemalteken hoch im Kurs. Eine ebenso eindrucksvolle wie skurrile Figur ist der Maximon, ein Schamane aus dem 16. Jahrhundert, dessen bunt gekleidete Holzfigur in einem abgedunkelten, von Kerzen erhellten Raum rund um die Uhr von zwei Männern bewacht wird. Nur jene, die bereit sind, einen Obolus von etwa zwei Euro zu entrichten, werden in das Allerheiligste vorgelassen. Filmaufnahmen kosten sogar 20 Euro. Immerhin, so wird argumentiert, müsse man Kerzen und auch die Zigarre bezahlen, die dem Maximon täglich frisch in den Mund gesteckt wird.

Wer nicht Chichicastenango – kurz Chichi – besucht hat, ist nie in Guatemala angekommen, sagt der Volksmund. Dieser größte und bunteste Maya-Markt Lateinamerikas ist in der Tat ein Erlebnis der besonderen Art. Hier werden prachtvolle Stoffe in allen Regenbogenfarben, Schnitzereien, Töpfe, Krüge, Obst, Gemüse, Gewürze, exotische Speisen und Getränke in einer solchen Vielfalt angeboten, dass es einen schwindelt. Frauen, schwere Lasten auf ihren Köpfen balancierend, schreiten würdevoll an den Ständen vorbei, während kleine Kinder versuchen, Lesezeichen und Strohpuppen wortreich an den Mann oder die Frau zu bringen. Hin und wieder donnert ein Motorrad vorbei, versucht ein Musiker, mit seiner Flöte den Lärm zu übertönen. Am Ende dieses aufregenden Tages weckt eine Tasse des berühmten Hochlandkaffees wieder die guten Lebensgeister. Uta Buhr


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