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28.09.13 / Dem Hass auf der Spur / Vertreibungen in Europa im 20. Jahrhundert: Polnischer Historiker zeigt Menschenrechtsverletzungen auf

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-13 vom 28. September 2013

Dem Hass auf der Spur
Vertreibungen in Europa im 20. Jahrhundert: Polnischer Historiker zeigt Menschenrechtsverletzungen auf

Im polnischen Original ist von „Wygnancy“ die Rede, also von „Vertriebenen, Verbannten, Exilierten, Zwangsumsiedlern“. Der deutsche Titel „Die Verjagten“ klingt verwunderlich: Verjagt werden Spatzen vom Erbsenbeet – Menschen sind Vertriebene!

Autor Piskorski, auch in Deutschland geschätzter polnischer Historiker mit partiell deutscher Ahnenreihe, bedankt sich am Buchende bei zahlreichen Seminarteilnehmern für ihre Zuarbeit mit Material, „das ich selbst kaum entdeckt hätte“. Dass viele Helfer nicht immer viel bringen, verraten manche Schwächen des Buchs in Quellen, Sprache und Theorie. Zu ethnische Säuberung, 1992 deutsches „Unwort des Jahres“, sagt Piskorski wenig, und zu „gesicherten Grenzstreifen“, vom römischen „Limes“ bis zur habsburgischen „Militärgrenze“ bis 1918, fällt ihm nichts auf. Doch das sind keine Vorwürfe, denn der enzyklopädische Charakter des Buchs macht in seiner Faktenfülle alle Mängel mehr als wett. Es gibt kaum eine Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts, die Piskorski übersehen hat, und wenn er manche weniger beachtet, so die im ex-jugoslawischen Bürgerkrieg, dann illustriert das sein Credo, dass nach gewisser Zeit Vertreiber und Vertriebene die Rollen tauschen.

180 Millionen Menschen oder drei Prozent der Weltbevölkerung leben nicht im Land ihrer Geburt, 50 Millionen sind „Zwangsmigranten“, und dieser heutigen Lage geht ein Jahrtausend von Vertreibungen – Mauren aus Spanien, Slawen aus Skandinavien, Kolonialkriege in Afrika – voraus. Der „Homo sapiens“ ist, seit es ihn gibt, auch ein „Homo migrans“, und nur selten sind Migranten so willkommen, wie sie es bei Friedrich dem Großen oder Katharina der Großen waren. Im Normalfall sind sie eine abgelehnte „Bedrohung des Wohlstands und des sozialen Friedens“. Bis zum 19. Jahrhundert hat man sie nicht gezählt, weswegen das Phänomen zuerst nicht auffiel, danach umso machtvoller.

Die Balkankriege 1912/13 brachten Massaker an Zivilisten, der Erste Weltkrieg „spielte die Rolle eines Katalysators der allgemeinen Radikalisierung Europas“, so der Autor. Gewisse Ereignisse wie der türkische Völkermord an Armeniern oder das „Chaos der russischen Revolution“ hätten sich nur „im Schatten“ der Kriegshandlungen abgespielt. Nach dem Krieg seien Pogrome und Vertreibungen durch Versailler Grenzänderungen gefolgt. So seien Deutsche in Böhmen und auf dem Balkan zu verachteten Minderheiten geworden – schlimm, aber nur Vorspiel zu kommenden Schrecken.

Diese begannen mit jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland, gingen mit Umsiedlungen von Polen und Tschechen weiter, wobei der Autor mit absichtsvoller Akribie verzeichnet, wie identisch diese Vertreibungen zu späteren von Deutschen waren, und gipfelten ab 1941 mit dem „Generalplan Ost“, der die Beseitigung und Zwangsumsiedlung von bis zu 60 Millionen Polen und anderer „unerwünschter Horden“ vorgesehen habe, so Piskorski. Wenige Jahre später sei es umgekehrt gewesen: Deutsche mussten ihre Heimat verlassen, und wenn sie blieben, etwa die 500000 in Ostpreußen, wurden sie wie Deutsche aus Rumänien oder Ungarn nach Russland deportiert. Anderswo wurden sie vertrieben, „wild“ oder geordnet, am brutalsten aus der Tschechoslowakei, oft von frustrierten Kollaborateuren, die zuvor „sich nie mit Deutschen messen“ wollten. In Osteuropa habe es kein Mitleid mit Deutschen gegeben, in Deutschlands keins mit den Insassen der 750 „Hilfszentren für displaced persons“ aus Osteuropa, wobei nun oft dieselben Züge deutsche Flüchtlinge her- und osteuropäische Heimkehrer hinfuhren.

Und heute? Ex-Jugoslawien lehrt, sagt Piskorski, dass keine Lehre fruchtet. Wolf Oschlies

Jan M. Piskorski: „Die Verjagten. Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts“, Siedler Verlag, München 2013, gebunden, 432 Seiten, 24,99 Euro


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